Ein Baum, den man fällt, poltert mehr als ein Grashalm, den man mäht", besagt ein Sprichwort. Das zeigt schon, dass nicht erst in dieser Zeit der Sorge um den Klimawandel deutlich ist, dass der Verlust von Wäldern oder auch nur einzelnen Bäumen nachhaltige Folgen für Mensch und Tier und den ganzen Planeten hat. Seine universale Bedeutung nicht nur als schützende Kraft hat auch in der Kunst Spuren hinterlassen: der Baum war und ist ein wichtiges Symbol. Mit dem Fokus auf ebendiese Pflanze präsentierte das Untere Belvedere seine aktuelle Ausstellung, die unter dem Motto "Grow. Der Baum in der Kunst" steht.

Mit dieser Ausstellung widme man sich einem sehr aktuellen Thema, sagt Belvedere-Generaldirektorin Stella Rollig. Immerhin sei der Baum unter anderem als Symbol für die Klimakrise aufzufassen, wie sie erklärt. Umso mehr freue sie sich, dass die Schau eine "grüne Ausstellung" sei. Denn "Grow. Der Baum in der Kunst" wurde ökologisch nachhaltig konzipiert, beispielsweise verzichtete man auf Plastikklebebuchstaben auf den Wänden, die Wandtexte wurden aufgemalt. Miroslav Hal’ák, Kurator der Ausstellung, betont aber auch, dass es eine große Herausforderung war, ein "so großes Thema nicht ausufernd zu präsentieren."

Eine Anspielung auf die "Grüne Lunge": "Respirare l’ombra" von Giuseppe Penone. - © Bildrecht, Wien 2022, Archivio Penone
Eine Anspielung auf die "Grüne Lunge": "Respirare l’ombra" von Giuseppe Penone. - © Bildrecht, Wien 2022, Archivio Penone

Der Baum als Rückgrat

Man habe sich gefragt, was der Baum darstellen wolle und danach die Schau in drei "Kapitel" gegliedert. So sei im ersten Teil die Pflanze als spirituelles Symbol zu sehen. Im zweiten wiederum beschäftige man sich mit dem Baum als Kennzeichen des Wissens und als Inspirationsquelle. Das dritte Kapitel sei eine "Verschmelzung" der ersten beiden, wie Hal’ák berichtet. Als "Herzstück", wie es Rollig aufgrund seiner Platzierung in der Ausstellung nennt, ist die Skulptur "Head in Tree" der US-Amerikanerin Rona Pondick zu sehen. Darin findet sich ein Kopf in einer blätterlosen Baumkrone. Die Idee zu diesem Kunstwerk sei ihr nach einer Wirbelsäulenoperation gekommen, wie die Künstlerin berichtet. "Ich bin nach 19 Stunden wegen der Schmerzmedikamente halluzinierend aufgewacht und sah mich selbst in den Baum hineinschweben", erklärt die Künstlerin die Hintergrundgeschichte. Der Stamm des Baumes könne auch als die Wirbelsäule verstanden werden, sagt Pondick, die ihre Halluzination als einen der "friedlichsten" Anblicke erlebt habe.

Ein Blick in die "bewaldete" Ausstellung. - © Johannes Stoll / Belvedere, Wien
Ein Blick in die "bewaldete" Ausstellung. - © Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Neben diesem Werk gibt es in der Schau unter anderem auch eine aus bronzenen Lorbeerblättern gefertigte Menschenskulptur zu sehen. "Respirare l’ombra" von Giuseppe Penone ist vorne offen und präsentiert ihre, aus goldenen Lorbeerblättern gefertigte, goldene Lunge. Die Botschaft ist unmissverständlich: Der Mensch kann nur durch den (gesunden) Baum existieren. Es wirkt wie eine Mahnung nicht nur in Richtung der gefährdeten "Grünen Lunge" durch die Abholzung des Regenwalds.

Ebenso zu sehen ist "Quantenspalt" von Elisabeth von Samsonow. Der entrindete Stamm zeigt, dass ein Baum nicht "nur" ein Baum ist. Ein eingeschnitztes Gesicht hat Metallsaiten in seinem Mund, die über den Steg ans untere Ende zu den Stimmwirbeln verlaufen. Ein Symbol für die musikalische Nutzung des Holzes - oder aber auch dafür, dass der Baum selbst musikalisch ist. Das Gesicht kann zudem als Zeichen für das Leben des Baumes verstanden werden, der Spalt wiederum symbolisiert die wissenschaftliche Wichtigkeit der Pflanze. Weiters in der Exposition zu sehen sind zum Beispiel "Der Holzschlag" von Ferdinand Andri, "Die bösen Mütter" von Giovanni Segantini oder auch "Alma Mater" von Jimmy Zurek. Insgesamt sind 102 Werke von 76 Künstlern zu sehen.

Eigener Soundtrack

Für die Schau wurde außerdem ein Soundtrack zur musikalischen Untermalung kuratiert. Dieser beinhaltet Kompositionen von Erik Truffaz, David Kollar und weiteren Künstlern. Ebenfalls interpretiert die Pianistin Nora Skuta eine Sonate von John Cage auf dem Soundtrack. Die Musik werde aber nicht im Hintergrund zur Ausstellung laufen, sondern nur via Audioguide oder über die App anhörbar sein. So kann man die Schau gleich mit mehreren Sinnen genießen.