Na servas, ein Sarg! In voller Lebensgröße. Obwohl das eine Galerie ist, die Kleine Galerie (die heuer ihren 75er feiert), und nicht etwa ein Bestattungsinstitut. Okay, es handelt sich um ein Kunstwerk. Einer (aber nicht irgendeiner, sondern einer, nach dem sogar ein Platz in Wien benannt worden ist) hat die letzten vier Wände mit Deckel bemalt. Ach, ist die Malerei auf ihre alten Tage doch noch gestorben? Blödsinn. Höchstens der Maler. Und nicht einmal der ist tot. Schließlich lebt er in seinem Werk weiter.

Ja eh. Ist ein aufgebahrter Sarg freilich nicht trotzdem ein bissl . . . nekrophil? Und makaber? Schon. Allerdings ist das halt eine Ausstellung vom Herwig Zens. Und der war laut dem Philipp Maurer, der diese Örtlichkeit von 1986 bis 2005 geleitet hat, immerhin der "Hofmaler des Todes", hallo? Wobei: War er nicht vielmehr dessen Hofradierer? Ein begnadeter Druckgrafiker nämlich, der Strichätzung, Aquatinta, Zuckertusche gekonnt, jedoch ohne billige Effekthascherei gemixt hat, noch dazu einer mit ph, folglich ein Druckgra-ph-iker. Darauf hat er besonderen Wert gelegt. Dass er keiner ist, der mit f geschrieben wird. 

Der Banane grinst wie eine Banane

Die Malerei, mit der er oft sehr gerungen hat, wie sich die Gerda Zens, seine Witwe, erinnert, war stets "die Rivalin". "Dieses Weib, das bringt mich noch um!", soll er geschimpft haben. Während er zugleich davon überzeugt war: "Solange der Maler malt, kann ihn der Tod nicht holen . . ." Solange er dem Gerippe zum Beispiel ein Cello zwischen die abgenagten Oberschenkelknochen klemmt und es mit seinem Streichinstrument, dem Pinsel, auf die Leinwand bannt.

Streichduett (Cello und Pinsel): Während der Tod sein Streichinstrument spielt, spielt der Maler SEINS. 
- © Kleine Galerie

Streichduett (Cello und Pinsel): Während der Tod sein Streichinstrument spielt, spielt der Maler SEINS.

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"Bitte nicht berühren", werden die Besucher höflich ersucht. Von einem Taferl neben dem "Holzpyjama". Dabei durften den die Leute im Atelier im vierten Bezirk noch anprobieren. Durften Probe liegen. Außerdem hatte der Zens selbst, in dessen Brust ein Memento mori schlug, bis es nimmer schlug, keinerlei Berührungsängste gegenüber dem Bananen (Betonung auf der ersten Silbe, denn der Banane ist keine exotische gebogenen Frucht). Ein geradezu intimes Verhältnis hatte er mit dem Tod, seinem Spezi, dem fröhlichen Fiedler und leidenschaftlichen Tänzer, der mit ihm am 24. September 2019 davongewalzt ist. Quasi. In spätmittelalterlicher Manier. Wie in diesen Totentänzen, mit denen sich der Zens (Vornamen hatte der ja eigentlich keinen nötig – wie der Picasso) immer wieder auseinandergesetzt hat, wo das skelettierte Springinkerl alle gleichermaßen allegorisch "haamdraht", ob reich oder arm, jung oder alt, Mandel oder Weibel. Alle gleichmacht. (Schön nach der gesellschaftlichen Hierarchie aufgelistet, klarerweise.) 

Der Tod schmeißt sich ans Leben ran

Der Tod und das Mädchen: das klassische Vanitas-Pärchen. Entsprechend läuft die aktuelle Leiterin der Galerie, die Barbara Mithlinger, mit einem Totenkopf herum. In der Hand? Wie der Hamlet in der Friedhofsszene? ("Ach, armer Yorick!") I wo. Mit einem Tattoo auf dem rechten Oberarm. Womöglich extra für diese Schau gestochen? Nein, eine persönliche barocke Mahnung an die Vergänglichkeit. Die zufällig perfekt zu dem, was an den Wänden hängt, passt.

Manchmal REICHT ein Tod einfach nicht: Tode (Plural) und Mädchen. Natürlich von Herwig Zens. 
- © Kleine Galerie

Manchmal REICHT ein Tod einfach nicht: Tode (Plural) und Mädchen. Natürlich von Herwig Zens.

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Der Tod, dieser Fleischeslüstling, haut sich da gern lechzend ans Leben ran, der Thanatos an den Eros, der ihm vollbusig entgegenschwillt. (Die Galeristin hält sich natürlich züchtiger bedeckt. Entblößt lediglich ihre oberen Extremitäten. Trägt kurze Ärmel.) In der Disco (nackte Gebeine und Brüste) peitscht der Pinsel den wilden Rhythmus, in dem sich die beiden Tanzpartner auflösen. Und ein weiblicher Mini-Akt (zehn mal fünf Zentimeter) in hitzig rotem Rahmen gesellt sich als Kontrapunkt zu den schwarz wie Partezettel eingefassten grotesk vitalen Mumien aus Palermo, aus den Katakomben unterm dortigen Kapuzinerkloster.

So einen Rathausmann hatte der Zens ebenfalls. Freilich einen Goldenen. Den ihm der Wiener Bürgermeister verliehen hatte. 
- © Kleine Galerie

So einen Rathausmann hatte der Zens ebenfalls. Freilich einen Goldenen. Den ihm der Wiener Bürgermeister verliehen hatte.

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"Zens: Wien und der Tod" heißt die spannende Zusammenstellung aus Bekanntem ("Die Winterreise", nach Franz Schuberts melancholischem Liederzyklus, oder der "Colonello", einer von den mumifizierten Sizilianern) und aus Rarem oder bislang Ungezeigtem wie diesem späten Selbstporträt als Ermüdeter im Krankenbett ("Der gefallene Stern"). Der Zens war eben nicht bloß "der mit den Mumien und den Skeletten", der mit dem Sensenmann dermaßen per du war, dass man sich, wenn in der Preisliste ein "o.T." verzeichnet ist, nicht sicher sein kann, ob das "ohne Titel" oder "ohne Tod" bedeutet, sondern er war auch ein Wiener. Wenngleich man einem solchen ohnedies eine morbide Beziehung zum Tod nachsagt, der angeblich ja ebenfalls a echt`s Weanakind sein soll. (Nicht ein Meister aus Deutschland?) 

Reden ist Silber, Tee trinken ist Goldegg

Nicht von ungefähr ist die gerade in der Edition Sonnenaufgang erschienene, von Gerda Zens herausgegebene und in der Galerie aufliegende Publikation zum Schmökern "Zens wienerisch" betitelt. Kein Dialektwörterbuch, mehr ein Bilderbuch. Freilich durchaus mit Wörtern. Zumal die zahlreichen Grafiken und Mischtechniken, von denen einige in der Ausstellung präsent sind, und die Fotos eingebettet sind in Erinnerungen und Anekdoten.

Herwig Zens radiert sich mit Zeitung ins Kaffeehaus hinein. Der Titel des Blattes zeugt vom typischen Zens-Humor: "Länger verheiratetes Ehepaar beim Frühstück im Goldegg." 
- © Kleine Galerie

Herwig Zens radiert sich mit Zeitung ins Kaffeehaus hinein. Der Titel des Blattes zeugt vom typischen Zens-Humor: "Länger verheiratetes Ehepaar beim Frühstück im Goldegg."

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So hat sich einer ehemaligen Studentin das Exkursions-Schnarchen des Hochschulprofessors Zens eingeprägt. Der hat ja an der Akademie der bildenden Künste die nächste Generation der BE-Lehrer unterrichtet. (Karin Mairitsch: "Dies als Fußnote für all jene, die mit dem Zug reisten und im Abteil neben dem seinen schliefen, oder besser: wachten.") Der Wolfgang Buchta wiederum, ein befreundeter Grafiker, hütet inzwischen die (noch von ihrem ersten Eigentümer mit einem Elektromotor auffrisierte) Zenssche Druckerpresse und hat nicht vergessen, wie das 250-Kilo-Trumm über die sich windende Kellertreppe in seine unterirdische Werkstatt bugsiert worden ist (mittels Seilzug und durch diverse Umbauarbeiten im Stiegenhaus).

Und der Paul Blaha, das Herrchen vom rasenden Radiohund Rudi (und der Zens hat mit beiden Umgang gepflegt, hat auf Ö1 sozusagen einen auf Beuys gemacht und zwar nicht wie der Mann mit dem Filzhut und dem erweiterten Kunstbegriff einem toten Hasen die Bilder erklärt, doch dafür einem rasenden Rüden), dieser Hundebesitzer also weiß noch ganz genau, wie der gemeinsam mit "Rudis Freund, dem Meistermaler" geschlürfte Lindenblütentee geschmeckt hat: nach Wein.

"Lindenblütentee ist das Codewort wegen der Frau Zens", hat der Herr Zens, der Meistermaler (und mehr noch Meisterradierer), der gerade wieder einen Herzanfall hinter sich gehabt hat, dem Ahnungslosen gesteckt, als zu dessen Überraschung und Erleichterung der Ober vom Goldegg ("Zwei Lindenblütentee, kommen gleich, kommen sofort, Herr Professor . . .") zwei große weiße Spritzer serviert hat. Tja, es wird a Lindenblütentee sein und mir wern nimmer sein, drum gniaß ma’s Lebm, so lang’s uns g’freut. 

Die Farbe hat jetzt ihre ewige Ruhe

Johann Strauss (Vater): Der Zens hat eben nicht nur den Tod porträtiert, sondern auch - tote Komponisten. 
- © Kleine Galerie

Johann Strauss (Vater): Der Zens hat eben nicht nur den Tod porträtiert, sondern auch - tote Komponisten.

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Wie das mit dem Sarg war, erzählt Wittigo Keller, damals Kurator und Restaurator des noch nicht auf den Zentralfriedhof übersiedelten Bestattungsmuseums und so gesehen ein Nachbar vom Zens. Eines Tages wurde das schlanke letzte Ruhemöbel nämlich von der seinerzeitigen Zentrale der Bestattung Wien (in der besagtes totenkultiges Museum angesiedelt war) ein paar Hausnummern weiter zur Goldeggasse 29 gerollt und in den dritten Stock geschleppt, wo hinter der Tür mit der Nummer 13 (im Zens-Atelier) fortan der Pinsel daran abgestreift wurde, die überschüssige Farbe hier ihre letzte Ruhe fand, sich nach und nach zu einem Aufbegehren gegen den Tod verdichtete, zum lebenshungrigen, energiegeladenen Gekritzel. Auf der Längsseite, da ist ein flach liegender Körper angedeutet, auf der Stirnseite pickt ein überarbeitetes Notenblatt. Hat er das seiner Gattin vom Bösendorfer stibitzt? Die Pianistin meint: nein. Ihr geht jedenfalls keines ab.

Und selbstverständlich ist der Sarg nicht leer. Da ist jede Menge Fantasie drin. (Die mir mit Ph am Anfang irgendwie auch besser gefiele.) Jeder füllt ihn mit seiner eigenen. Mit einer Mumie eventuell. Oder der angekleckerten Malerhose. Oder dem weggelegten Malwerkzeug. Deshalb ist es gar nicht so schlecht, dass man ihn nicht öffnen und das Geheimnis lüften darf. Bleibt wenigstens die Neugier wach.

Ein Sarg ist hingegen offen. Der vom Pietro Metastasio. Von wem? Dem Hofdichter und Librettisten aus der Mozartzeit. Während der Restaurierungsarbeiten in der Michaelergruft hat der Zens hineingespechtelt. Und seine Eindrücke gruselig mit der Radiernadel festgehalten. 

Kein Stern, aber ein Platzl, das seinen Namen trägt

Zeitungleser, Zens und Angeli im Hawelka. Der Druckgraphiker mit ph kombiniert hier souverän Strichätzung, Aquatinta, Zuckertusche und Schabtechnik. 
- © Kleine Galerie

Zeitungleser, Zens und Angeli im Hawelka. Der Druckgraphiker mit ph kombiniert hier souverän Strichätzung, Aquatinta, Zuckertusche und Schabtechnik.

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K und K: Kirchen und Kaffeehäuser. Der Stephansdom spitzt sich mit seinem Südturm neben diversen Wien-Impressionen zu, ein verloren wirkender Leopold Hawelka sitzt in seinem Café allein auf einer Bank, der Platz neben ihm ist frei und dennoch besetzt, weil der Jubilar ("Der traurige 100. Geburtstag des Leopold Hawelka", 2011) seine ihm vorausgestorbene Josefine und ihre legendären Buchteln schmerzlich vermisst.

Mit Witz genießt der Zens die Kaffeehaus-Einsamkeit auf seinem selbstironischen Blatt "Länger verheiratetes Ehepaar beim Frühstück im Goldegg". Herwig ohne Gerda in seinem Stammcafé, dafür mit Zeitung. (Ich hoffe, die "Wiener Zeitung". Auf alle Fälle ein Großformat.) Noch ein glückliches Paar: Johann Strauss (Vater) und Arnold Schönberg harmonieren in einer Weise farblich miteinander, wie es die musikalischen Töne der temporeich Porträtierten niemals würden.

Moment. War der Zens überhaupt ein Wiener? Ist er nicht in Himberg "bei" Wien geboren? Das war in seinem Geburtsjahr (1943) andererseits Teil vom 23. Bezirk. Von Liesing? Falsch, von Schwechat. Aber Schwechat gehört doch zu Niederösterreich. Na und? Himberg ja mittlerweile ebenso. Wurscht. Die Zuagrasten sind mutmaßlich sowieso die echtesten Wiener. Obendrein gibt‘s neuerdings einen Herwig-Zens-Platz in der inneren Stadt. In unmittelbarer Nähe zu einer der Zensschen Wirkungsstätten: zum Gymnasium in der Hegelgasse, an dem er Zeichenlehrer war (unter anderem von Thomas Maurer, der heute Kleinkünstler ist, mit zwei l, ein Kabarettist). Und der jetzige Rathausmann (der Mann im Rathaus, der Bürgermeister, der Michael Ludwig) hat dem von ihm überaus geschätzten Künstler den Goldenen Rathausmann überreicht, die handliche Version des Mannes auf dem Rathaus, des Standartenträgers auf dem mittleren Turm. 

Untote Druckplatten

Gold war ansonsten eher nicht sein Metall. Vom Zens. Das war Kupfer. Apropos: Nicht "entwertete" Radierplatten (eine beispielsweise aus dem "Lübecker Totentanz") lassen sich gleichfalls studieren. He, müsste man die nicht pfählen wie einen Vampir? Brutal ein Loch reinmachen, sobald die Auflage fertig ist? Damit niemand heimlich was nachdrucken kann? Keine Sorge, sie werden bewacht. Von der Security? Nicht direkt. Die Galeristin tät’s allerdings merken (und könnte etwaigen Kupferdieben theoretisch auf die Finger klopfen).

Der Zens: ein Meister der dynamischen Andeutung, des trotz aller fahrigen Skizzenhaftigkeit substanziellen Strichs. Ob mit Tusche oder Druckerschwärze. Oder der Farbe Bunt, in die ein mehr zeichnender als malender Pinsel eintunkt. Jö, ein Fingerabdruck! Gulasch? Schokolade?