Sind Hunde nicht eigentlich Vierbeiner? Diese hier haben jedenfalls zwei Haxen. Doch dafür zwei Arme. Vielleicht weil sie bis zum Hals rauf Menschen sind und erst dann Hunde. Deborah Sengls Spezialität sind nun einmal Chimären. Und diesmal kreuzt sie eben den Homo sapiens, diesen nackten Affen, mit seinem angeblich besten Freund. Lässt ihn herumlaufen wie diesen schakalköpfigen Gott aus dem alten Ägypten. Wie diesen Anubis, diesen Mumifizierer. Mit einem Lendenschurz? Nein, mit einem Kopf aus dem Tierreich. Okay, von einem Schakal. Wobei der aber eh auch zu den Caniden zählt.

Nicht, dass die Künstlerin (geboren, lebt und arbeitet in Wien) im Gegenzug irgendwelchen Wauzis Menschenhäupter aufsetzen würde. Klingt trotzdem alles irgendwie frankensteinisch, wenngleich Sengl (Jahrgang 1974) für ihre Ausstellung in der Galerie Reinthaler gar nicht mit einem Tierpräparator zusammenarbeitet wie sonst gern. Na ja, bei ihrer neuen Serie "Shades of Gray" handelt es sich um Flachware und nicht um Skulpturen, die ausgestopfte Teile tierischen Ursprungs enthalten. (Sind Menschen nicht ebenfalls Tiere?) 

Sie träumen in Schwarzweiß

Die in gewohnter grafischer Schärfe ausgeführten Bilder (Acryl auf Leinwand) sind quasi mit lauter Hundlingen (Hundekopf auf Menschenkörper) bevölkert. Ausgerechnet über die Hirne von jenen ihrer Haustiere verfügen die Herrchen und Frauerln also jetzt, die Radfahrer jagen, jeden Baum anpinkeln, an Hintern schnüffeln und auf den Gehsteig kacken. Dennoch benehmen sie sich äußerst zivilisiert. Tragen sogar mitunter Anzug und Krawatte. Oder glotzen aufs Handy.

Tanzt sich in ihrer Fantasie aus dem Rollstuhl heraus und in die Jugend zurück: die Oma in Deborah Sengls Acryl-auf-Leinwand-Serie "Shades of Gray". 
- © Deborah Sengl, Courtesy: Galerie Reinthaler

Tanzt sich in ihrer Fantasie aus dem Rollstuhl heraus und in die Jugend zurück: die Oma in Deborah Sengls Acryl-auf-Leinwand-Serie "Shades of Gray".

- © Deborah Sengl, Courtesy: Galerie Reinthaler

Hm. "Shades of Gray" – nach diesem Blümchen-Sadomaso-Dreier, Tschuldigung: Dreiteiler, rund um einen dominanten Milliardär mit Peitsche? Andererseits: "Gray" mit a, wohlgemerkt, wie im amerikanischen Grau, nicht mit e wie in "Christian Grey" (und im britischen Grau). Keine Hiebe, nicht einmal mit dem Pinsel, der bleibt sachlich. Allerdings eine unbestimmte Anzahl von Grautönen. Vermutlich keine 50. Abgezählt hab ich sie freilich nicht.

Sind in der vorherigen Serie "Coro(h)na" (stummes h wie in "ohne") die aufgrund von Kontaktbeschränkungen, Lockdowns, Angst oder schlichtweg Rücksichtnahme Abwesenden (am Familien-Esstisch, auf dem Schoß vom Opa, im Arm des Lebensabschnittspartners . . .) kurzerhand nicht ausgemalt worden, die vermissten Angehörigen und Freunde geisterhaft weiß geblieben, so ist die viel beschworene neue Normalität (und nicht allein diese) grau-sam. Und wie die Mischwesen sind die ambivalenten Bildwelten Hybriden. Aus zwei Realitätsebenen nämlich. Aus dem deprimierenden Ist-Zustand in Farbe und, davon meist durch eine Glasscheibe getrennt, aus Erinnerungen, Sehnsüchten, Wunschträumen in Schwarzweiß. 

Es ist nirgends besser als daheim im eigenen Kopf

Eine Vision während einer Videokonferenz holt die Arbeitskollegen aus dem Homeoffice ins Büro zurück, versammelt sie im selben Raum und nicht bloß auf demselben Monitor, an einem Veteranen im Tarnanzug und mit Gehstock zieht eine Antikriegsdemo vorbei, auf der ein zähnefletschender Pazifist, umgeben von Friedenszeichen, martialisch den Slogan "War is not the answer" (Krieg ist nicht die Antwort) hochhält, eine einsame Oma im Rollstuhl beobachtet durchs Fenster ihre tanzende Jugend, die noch nicht so weit zurückliegen mag wie die graue Vorzeit, aber nichtsdestoweniger unbunt ist.

Blick in die eigene Vergangenheit? Als der Kriegsveteran noch ein Pazifist war? Deborah Sengl schaut in "Shades of Gray" mit dem Pinsel in menschliche Hundeköpfe hinein. 
- © Deborah Sengl, Courtesy: Galerie Reinthaler

Blick in die eigene Vergangenheit? Als der Kriegsveteran noch ein Pazifist war? Deborah Sengl schaut in "Shades of Gray" mit dem Pinsel in menschliche Hundeköpfe hinein.

- © Deborah Sengl, Courtesy: Galerie Reinthaler

Persönliche und globale Krisen, Verlust, Trauer, soziale Isolation. Ein bissl sind die Figuren ja wie die kleine Dorothy im Filmmusical "Der Zauberer von Oz", die aus ihrem grauen Alltag im ländlichen Kansas von einem Wirbelsturm ins märchenhafte Technicolor-Land Oz verblasen wird und einfach nur wieder heim ins monotone Grau will. ("Es ist nirgends besser als daheim.") Und einen Hund hat sie genauso dabei. Den Toto. Besäßen die "Hundianer" magische rote Schuhe, würden sie wahrscheinlich ihre Hacken zusammengeschlagen und sich als Mantra vorsagen, dass es nirgends schöner als in der alten Normalität bzw. in der Vergangenheit ist, und sich an diesen mutmaßlich besseren Ort teleportieren. Gut, die Arbeiten sind großteils 2021 entstanden. Da waren Pandemie und Social Distancing allgegenwärtig. Inzwischen ist es höchstens noch das Virus. 

Jetzt hat sogar der Fußball Corona

"Lost Childhood (Fußball)", 2022, von Deborah Sengl: Mit Maske und "Coronaball" in der verlorenen Kindheit herumlungern. 
- © Deborah Sengl, Courtesy: Galerie Reinthaler

"Lost Childhood (Fußball)", 2022, von Deborah Sengl: Mit Maske und "Coronaball" in der verlorenen Kindheit herumlungern.

- © Deborah Sengl, Courtesy: Galerie Reinthaler

Klare Konturen, Farben und Botschaften ohne sentimentale Weichzeichnereffekte, und doch spürt man die Empathie, das Psychologische, ist das eine melancholische Stimmungsmalerei. Weitere Kreuzungen (Mischtechniken, die auf Papier eine präzise, disziplinierte Zeichnung mixen mit einer feinen Malerei, welche wiederum menschliche Regungen in die stark behaarten Gesichter hineinpinselt und gefühlvolle Blicke in die animalischen Augen) diagnostizieren eine coronabedingte "Lost Childhood" (2022). Eine verlorene Kindheit. Oder eine "Lost Puppyhood"? Eine verlorene Welpenheit? Der Fußball mutiert zum C-Virus und der Mannschaftssport zum traurigen Solitaire-Spiel auf der Ersatzbank.

Die Aussichten sind düster, sprich der Ausblick in die Zukunft und in die nächste Bilderserie ("WhereArtYou"). Die Virtual Reality bietet dort Zuflucht vor der Einsamkeit, die VR-Brille fingiert ein Du in der Finsternis. Und in der Nacht sind bekanntlich alle Farben grau wie die Katzen.