Ziemlich gestört, diese Bilder. Psychisch? Ja, das wahrscheinlich auch. Aber definitiv visuell. Besonders die aktuellsten von denen, die der Christian Bazant-Hegemark in der gallery twenty-six herzeigt. Seine neue Serie nennt er schließlich nicht zufällig "Glitch". Was auf Deutsch so viel bedeutet wie Panne, Störung, Defekt.

Die Bildstörungen erzeugt der Wiener, der streng genommen ein Niederösterreicher ist (zumindest wurde er in Mödling geboren), zunächst am Computer. Ach, mit dem Glitch-Effekt-Filter von Photoshop? Nein, mit seiner eigenen Software, die er selber geschrieben hat. Immerhin war er ursprünglich Spieleprogrammierer. Hat vor seinem Kunststudium zum Beispiel an "Max Payne" mitgewirkt. (He, ich hab die Verfilmung mit Mark Wahlberg gesehen! Düstere Rache-Action mit Walküren-Sichtungen im Blut- und Drogenrausch.) Oder er war involviert, als "GTA III" (kurz für "Grand Theft Auto III") für die X-Box konvertiert worden ist. (Musste ich erst googeln. Aha: Da kann man als Auftragsgangster wild herumballern und schnell durch die Gegend fahren.) 

Die Psyche fetzt mehr als die Musik

Action-Paintings sind die Gemälde nun freilich keine. Dazu wird die Farbe zu kontrolliert aufgetragen. Andererseits wird ein Gitarrenspieler förmlich zerfetzt. Von seiner Musik? Eher von seiner Psyche. Überhaupt lösen sich banale Alltagsmomente und die heile Welt der völlig normalen Gegenstände dynamisch auf. Brutal und zugleich höchst ästhetisch.

Die Jazzsängerin Linda Sharrock bekommt in "Butterfly" (2021, gemalt von Christian Bazant-Hegemark) Besuch vom Glitch. 
- © Christian Bazant-Hegemark

Die Jazzsängerin Linda Sharrock bekommt in "Butterfly" (2021, gemalt von Christian Bazant-Hegemark) Besuch vom Glitch.

- © Christian Bazant-Hegemark

Die Motive stottern quasi (das machen sie allerdings äußerst flüssig), dissoziieren zu Mehrfachbildern, sind innerlich zerrissen. Eine Kaffeetrinkerin ist mit sich selbst und ihrer Tasse zu dritt, hat zwei "Echos", Mutter und Kind abstrahieren zur reinen Geborgenheit, verschmelzen zu einem intimen Amalgam.

Nicht reißfest: der Gitarrenspieler von Christian Bazant-Hegemark, der eine Vorliebe fürs Brüchige hat. Und für "Bildfehler". ("Fractalophilia", 2021.) 
- © Christian Bazant-Hegemark

Nicht reißfest: der Gitarrenspieler von Christian Bazant-Hegemark, der eine Vorliebe fürs Brüchige hat. Und für "Bildfehler". ("Fractalophilia", 2021.)

- © Christian Bazant-Hegemark

Übrigens lauter Personen aus dem "sehr direkten Umfeld" des Künstlers. Nicht, dass die allesamt an einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden würden, bloß weil Traumabewältigung und dissoziative Zustände zu den Themen hier zählen. Außerdem sind das keine Porträts (jedenfalls keine im Eigentlichen), die Leute fungieren vielmehr als seine Modelle. Okay, die Linda Sharrock, die er im Café Weidinger fotografiert hat, hat er eventuell durchaus porträtiert. Eine Zuagraste wie er, nur dass sie von weiter her nach Wien übersiedelt ist, konkret aus den USA, die Jazzsängerin, deren Lippen auf dem Bild zwar geschlossen sind und sich obendrein langsam zersetzen, dafür hat sie gleich sechs davon. Und hat es bereits vor ihrem Schlaganfall verstanden, ihre Stimme zu einem markanten wortlosen Gesang zu modulieren.

"Ineffizient" ist das Wort, das dem Bazant-Hegemark zu seinen "glitchenden" Sujets einfällt. "Weil du könntest sie ja auch ausdrucken." (Statt so viel Zeit reinzustecken, um die digital manipulierten Fotos mit dem analogen Pinsel in die greifbare Welt zu übertragen.) Den ironischen Unterton hab ich sicher lediglich überhört. Denn mir kämen folgende zwei Wörter in den Sinn: spannende Symbiose. Nämlich zwischen einem alten und einem neuen Medium. Erweitert die Wahrnehmung. Bzw. "aktualisiert" sie. 

Nicht gebaselitzt, sondern gebazant-hegemarkt

Einen subtileren Auftritt haben die Emotionen im Kleinformat. Auf dem Papier. Zeichnungen ohne Glitch (Bazant-Hegemark: "Man könnte auch einfach eine Fotoausstellung machen"; Fotos sind ja die Vorlagen), doch mit einer leicht melancholischen Atmosphäre, einer diskreten Einsamkeit, wobei der Bleistift in den Gesichtern gern länger verweilt als anderswo, mit Gefühl eine Mimik herausmodelliert. Oder das Gezeichnete wird koloriert, der Strich vereint sich mit der Ölfarbe, wenn Neffe Alex während des ersten Lockdowns sich selbst beruhigend am Daumen lutscht oder Nichte Lilo, noch ruhiger, schläft.

Auch ohne Glitch und ohne Farbe nicht fad: Wenn Christian Bazant-Hegemark sich der Welt zeichnend nähert. 
- © Christian Bazant-Hegemark

Auch ohne Glitch und ohne Farbe nicht fad: Wenn Christian Bazant-Hegemark sich der Welt zeichnend nähert.

- © Christian Bazant-Hegemark

Moment: Hat er das Mädel und den Buben da ("Covered" und "Bloom", beide 2018) etwa "gebaselitzt", der Bazant-Hegemark? Also verkehrt herum aufgehängt wie der Georg Baselitz seine Figuren? I wo. Dann "würden ihre Haare ja runterhängen". Klingt logisch. Der Blick von oben auf zwei Liegende, die, mit Grünzeug garniert, dekorativ vor sich hindösen?

Nicht "gebaselitzt" wurden die zwei demnach, sondern "gebazant-hegemarkt". Richtig herum auf den Kopf gestellt? Falsch. Gebrochen. Fragmentiert. Zumal Frakturen die Spezialität des Urhebers dieser Werke sind, der eine Vorliebe fürs Brüchige hat. Und fürs Fragmentarische. "Fractalophilia" (vom lateinischen "fractus" = gebrochen) heißt bezeichnenderweise ein Opus. (Das mit dem nicht reißfesten Gitarristen.) Ob der Titel der Schau deshalb "Muted Rainbow" ist? ("Muted", wohlgemerkt. Stumm geschaltet, gedämpft. Nicht "mutated", mutiert.) Weil in dem krummen bunten Ding am Himmel, in seinen Regentropfen, ebenfalls was gebrochen wird? (Das Sonnenlicht. Das dadurch in seine Spektralfarben zerlegt wird.) Offenbar ein depressiver Regenbogen, der sich über das Präsentierte spannt. Kein hoffnungsfroher. Einer in gedeckten Farben. 

Den Baum baumeln lassen

Zitrone? Nein, gelbe Farbe. Fantasiebäumchen mit vielen Blättern, das Christian Bazant-Hegemark 2018 auf seiner Leinwand gepflanzt hat. 
- © Christian Bazant-Hegemark

Zitrone? Nein, gelbe Farbe. Fantasiebäumchen mit vielen Blättern, das Christian Bazant-Hegemark 2018 auf seiner Leinwand gepflanzt hat.

- © Christian Bazant-Hegemark

Hm. Mindestens einmal hat der Bazant-Hegemark aber sehr wohl was "gebaselitzt". Einen Baum. Ihn baumeln lassen, den Baum. 2011 war das. Für seine Diplomarbeit. ("Ich bin da zwei Monate gesessen und hab nur Blätter gemalt.") Den hat er allerdings ganz unbaselitzisch am oberen Bildrand fixiert. Mit gezeichneten Fäden. Damit das Großgrün nicht mit der Krone nach unten aus dem Bild purzelt? ("The Birth of Gravity." Isaac Newton soll trotzdem einen Apfel vom Baum herunter- und nicht den Baum selbst fallen gesehen haben, bevor ihm plötzlich das Prinzip der Schwerkraft klar geworden ist.)

Apropos Blätter. Die besitzt das Zitronenbäumchen ebenso. Was, das ist gar kein Zitronenbäumchen? Und die "Früchte" sind keine Zitronen? Sondern? Gelbe Farbe. "Ich wollte nur am Ende Farbe reinbringen", klärt der Maler auf und gesteht, "dass ich mich mit Pflanzen nicht auskenne." Dafür hat er das vermeintliche Zitronenbäumchen freilich gut getroffen. Erstaunlich authentisch hingekriegt.

Und in den sonstigen älteren Bildern, die kantig und mehr rational als emotional Biologie und Geometrie miteinander kreuzen (wie Malerei und Zeichnung), gehen zudem überraschend viele Pflanzen aufs Topferl. Oder wurzeln irgendwo herum. In der "Symphony" (2013) beispielsweise, diesem Zusammenklang verschiedener collagierter Elemente in einem zersplitterten Raum mit multipler Perspektive. Konstruktionslinien, gerade wie ein Lineal, zerschneiden Organisches und den "Behälter aller Dinge" (den Raum eben), machen aus beidem mitunter regelrecht Geschnetzeltes. Vage Erinnerungen an den analytischen Kubismus tauchen aus der Kunstgeschichte auf. Und drei Männer ("keine Ahnung, was die da machen") hocken unter einem Baum. 

Anscheinend ist das Unbewusste eine Grünpflanze

Der Bazant-Hegemark hat eine Theorie bezüglich der verdächtigen Häufung von Blättern in seinem Oeuvre. Ein Gruß, nein, nicht aus der Küche – aus dem Unbewussten! Zum Blatt sagt man auf Englisch "leaf" und das hört sich an wie "leave", wie verlassen. Das Es malt mit. Sogar auf Ausländisch.

Noch mehr Grün. Und im Zentrum des Opus "Helix" (2019) von Christian Bazant-Hegemark schießt die DNA in die Höhe. (Das Erbgut der Malerei?) 
- © Christian Bazant-Hegemark

Noch mehr Grün. Und im Zentrum des Opus "Helix" (2019) von Christian Bazant-Hegemark schießt die DNA in die Höhe. (Das Erbgut der Malerei?)

- © Christian Bazant-Hegemark

Aus einem Blumentopf windet sich ein andermal die Doppelhelix empor. Die DNA der Malerei? Von diesem Gewächs, das auf der Leinwand gedeiht? Und wie Bazant-Hegemark aus eigener Erfahrung weiß, muss sich sie figurative Malerei "ja nicht an die Realität halten. Sie kann tun, was sie möchte". Stimmt. Und der Maler darf seinen Bildern jeden Titel geben, den er will. Als weitere Bedeutungsebene. Und muss den niemandem näher erläutern. ("Ich verweigere mich immer. Und manchmal weiß ich’s selber nicht.") Warum er etwa eine Landschaft mit Origami-Flamingo "Cornered (Wasted Weight of Soul)" betitelt hat. 

Was wiegt die Seele der Malerei?

Christian Bazant-Hegemark hat einen Origami-Flamingo in seiner Kunst ausgesetzt: "Cornered (Wasted Weight of Soul)", 2013. 
- © Christian Bazant-Hegemark

Christian Bazant-Hegemark hat einen Origami-Flamingo in seiner Kunst ausgesetzt: "Cornered (Wasted Weight of Soul)", 2013.

- © Christian Bazant-Hegemark

In die Enge getrieben ist auf jeden Fall die an den Rand geschobene Papierfaltkunst. Einem legendär fragwürdigen Experiment zufolge, wo ein gewisser Duncan Mac Dougall Menschen auf dem Sterbebett "vorher" und "nachher" abgewogen hat, hat die Seele im Schnitt 21 Gramm. Das Blatt Papier, aus dem der Vogel gefaltet worden ist, hätte eindeutig nicht mehr als fünf Gramm auf die Waage gebracht. Oder ist mit der Seele ("Soul") jene des Bildes gemeint? Die Malerei? Was die Ölfarbe auf dieser fünf Quadratmeter großen Leinwand wiegen mag, wage ich jedoch nicht einmal zu schätzen. Abgesehen davon: Wieso wäre sie "verschwendet"? Wieder diese Selbstironie?

Nicht weniger rätselhaft ist der Name der Galerie. Twenty-six. Nicht zuletzt, weil sie in der Schwertgasse 4, nicht 26 liegt. Ja, Galerist Lucian Antoni hatte einst Räumlichkeiten mit der Hausnummer 26. Und am Tag, an dem er die derzeitigen eröffnet hat (heuer im April), ist er 26 Jahre alt geworden. Witziger Zufall: Als ich bei der "Wiener Zeitung" begonnen habe, war ich auch 26. Und mein allererster Artikel ist an einem 26. Oktober erschienen.