Über den Martin Pohl habe ich einmal geschrieben, die Farbe winde sich bei ihm imposant "wie das Gedärm der abstrakten Kunst". Nicht, dass der Südtiroler (1961 in Tarsch geboren) bei der Herstellung seiner einprägsamen Bilder orgiastisch mysteriös in Innereien herummanschen würde (in jenen der Malerei, wie gesagt). Er malt ja schließlich nicht wie ein Fleisch-, sondern wie ein Bildhauer.

Der Typ geht mit Hammer und Meißel auf die flache Leinwand los? Blödsinn. (Wie brächte er damit außerdem die Farbe dazu, sich zu krümmen und zu verbiegen?) Nein, vielmehr mit "selbst angefertigten Werkzeugen" (Pohl), mit denen er wiederum seine ebenfalls selbstgemachte Acrylfarbe (Pigment, eigenhändig im Mörser zermahlen, plus Bindemittel) schwungvoll und plastisch aufspachtelt, um auf dem nicht selbst gewobenen, höchstens selbst aufgespannten Leinen etwas zu formen, das unglaublich dreidimensional wirkt, realiter freilich bestenfalls zweieinhalb D erreicht. Oder zweieinviertel. Wie ein Flachrelief. Aber bevor er an der Angewandten in Wien beim Ernst Caramelle, einem Maler (unter anderem), studiert hat, hat er immerhin die Bildhauerschule in Gröden besucht. 

Die Medusa war beim Friseur

"New Shapes" (neue Formen) verheißt der Ausstellungstitel. Und hält sein Versprechen. Haben die markanten abstrakten Gesten vormals quasi Berge bestiegen, sich zu verschneiten Gebirgspanoramen verdichtet (oder zu a- bzw. biomorphen Gebilden, bei denen der Formfindungsprozess gerade im Gange zu sein schien, die Metamorphose), so treiben sich die "selbst angefertigten Werkzeuge" diesmal in der musealisierten Vergangenheit herum und . . . spielen mit den Haaren von Renaissancedamen. Wühlen darin herum wie der im April verstorbene Wiener Paradeaktionist einst in tierischen Eingeweiden.

Er ist eigentlich Maler und kein Friseur, der Martin Pohl, drum gibt's von ihm nicht nur Porträts mit kunstvoller Haartracht (rechts), sondern auch Biomorphes (links), das die Fantasie anregt. 
- © lukas beck, Courtesy: Lukas Feichtner Galerie

Er ist eigentlich Maler und kein Friseur, der Martin Pohl, drum gibt's von ihm nicht nur Porträts mit kunstvoller Haartracht (rechts), sondern auch Biomorphes (links), das die Fantasie anregt.

- © lukas beck, Courtesy: Lukas Feichtner Galerie

Äh, der Pohl hat die Mona Lisa in eine Struwwelpetra verwandelt? Nicht direkt. Er hat seine pure, lustvolle Malerei souverän, wenn nicht virtuos zu Porträts diszipliniert, die ein bissl an jene des Übergangs vom Mittelalter zur Neuzeit erinnern. (Oder an vom Friseur gezähmte Medusen.) Echos von Botticellis Signorinas und Signoras mit ihren kunstvoll gelockten Frisuren etwa. Doch genauso von Personen mit anderen opulenten Kopfbedeckungen wie dem "Mann mit rotem Turban" von Jan van Eyck. Die Galerie vom Lukas Feichtner ist jetzt eine regelrechte Ahnen- und vor allem Ahninnengalerie. Jeder Kopf auch ohne dezidierte Physiognomie individuell und nicht – gesichtslos. 

Seine Kunst ist jetzt erderwärmungsresistent

Sehr körperlich. Der Martin Pohl malt eben wie ein Bildhauer. 
- © Martin Pohl, Courtesy: Lukas Feichtner Galerie

Sehr körperlich. Der Martin Pohl malt eben wie ein Bildhauer.

- © Martin Pohl, Courtesy: Lukas Feichtner Galerie

Daneben schwelgt die sehr physische Farbe in einer barocken Üppigkeit, die geschmeidige Leiber assoziieren lässt, liegende Venusse, und wo Transparenz und undurchdringliche Dichte Licht und Schatten suggerieren, eine illusionistische Körperlichkeit modellieren. Ein brillantes Rot oder saftiges Grün räkelt sich auf seine abstrakte Art ziemlich sexy vor dem jeweiligen beschaulich monochromen Hintergrund, vor einem ruhigeren Grün, einem gelasseneren Rot, einem metallisch schimmernden Silber.

Bei der Erzeugung seiner Gemälde spart der Künstler nun überdies Energie, was in Zeiten der Knappheit und Teuerung bestimmt kein Fehler ist. Keine Sorge, die Bilder enthalten nicht weniger kinetische Energie. Sind nicht lahmer geworden. Der Malakt ist nach wie vor ein Wettlauf gegens Trocknen. Der Pohl muss Gas geben, allerdings kontrolliert. ("Eine abschließende Korrektur ist nicht mehr möglich.") Wachs muss er lediglich keins mehr erhitzen wie früher. (Okay, viel früher. Als er noch welches in die Farbmasse reingemischt hat.) Mittlerweile ist seine Kunst folglich gleich um einiges erderwärmungsresistenter (und trotzdem noch genauso kraftvoll und sinnlich). Wachs wird bei höheren Temperaturen irgendwann weich und schmilzt, hallo?