Der Eingangsbereich des Kunstforums konzentriert sich auf die Grundfragen des so widersprüchlich agierenden, wohl bleibend teuersten Modefotografen der Welt, Helmut Newton (1920 - 2004). Anfangs ein Selbstbildnis als Mitarbeiter von Yva, Else Simons Fotoagentur, in Berlin 1936 mit großem Scheinwerfer, danach gleich das ikonische Selbstbildnis mit seiner Frau June Newton und einem Model vor dem Spiegel im Studio 1981, eine Hommage an Diego Velazquez‘ "Las Meninas", klug komponiert und ironisch, zugleich doppelbödig. Gegenüber hängt die groteske Aufnahme "Crocodile, Pina Bausch Ballett", aus Wuppertal 1983. Darauf zu sehen: Eine Nackte, die auf der Bühne im Maul eines Krokodils verschwindet. Als Diptychon an der Front, fast wie in der Kirche inszeniert, eines der typischen Doppelbilder des Fotografen, 1975 wie meist in Schwarzweiß für Yves Saint Laurent in der Pariser Rue Aubriot bei Nacht entstanden: Das Model trägt Nadelstreif-Hosenanzug und raucht gelassen - im Doppelbild wird sie mit einer Nackten verschränkt, es wird offensichtlich, dass in diesem Viertel damals die Prostitution blühte.

Ikonen der Ambivalenz

Klar ersichtlich sind aber auch die Ästhetik der 1930er Jahre und die expressiven Stadtnachtbilder Ernst Ludwig Kirchners voller politischer Aufladung: Newton versteht es, Politik wie Philosophie zu integrieren, dies aber hinter alltäglicher Vulgärerotik zu verstecken, deshalb provoziert er anhaltend.

Kurator Matthias Harder von der Helmut Newton Foundation (seit 2003 in Berlin) hat im Duo mit Evelyn Benesch die Schau halbwegs chronologisch angelegt, einige thematische Unterbrechungen neben diesem Auftakt inbegriffen. Im linken Flügelraum startet die nie reine Modefotografie Newtons mit neuen Funden aus der australischen Anfangszeit: 1940 musste der Sohn eines jüdischen Knopffabrikanten auswandern, er kam nach Melbourne, bekam die australische Staatsbürgerschaft; erst in den frühen 1960ern übersiedelte er nach Paris, um für "Vogue" und die anderen großen Modezeitschriften tätig zu werden. Nie ist aber die Mode vorherrschend, eher hat man das Gefühl, in einer Filmsequenz zu sein - Newton kennt alle großen Regisseure, er imitiert Szenen und baut ironisch eine Frau im Pelz nach Alfred Hitchcocks "Der unsichtbare Dritte" in eine Flugzeug-Verfolgungsszene ein, er macht Mode-Sequenzen an der Grenze mit Soldaten und Autos und lebenslang vor allem Doppelbilder, mit bekleideten wie nackten Models in Diptychen.

Im Hauptraum sind "Sie kommen" für die "Vogue France" 1981 in dieser typisch provokanten Doppelbödigkeit inszeniert. Vier Models stürmen aggressiv auf uns zu, angezogen wie nackt, alles in Untersicht. Daneben Unangenehmeres, teils farbig, in Gestalt von Hühnerfleisch oder auch Banknoten neben einer scheinbar bewusstlosen Frau auf dem Boden: Es sind Ikonen der Ambivalenz zwischen Ekel und Kitsch. Typisch Zeitgeist der 1980er, übernimmt Newton auch von billigen Pornografien Posen sowie Utensilien für Bondage-Praktiken und spielt mit sadomasochistischen Andeutungen, doch bleibt selbst auf Distanz. Es ist nicht nur die Kamera dazwischen, auch seine abgründige Ironie, mit der er bis heute ständig aufregt, die Vorliebe für das Vulgäre - ähnlich wie Andy Warhol reinigt er die Kunstfotografie vom Elitären - sprengt die Grenze von High and Low. An der Front hängen die "Big Nudes I - V" als Amazonen der Herausforderung. Sie regen nicht nur Feministinnen seit Susan Sontag auf, nun tragen sie Newton posthum eine Sperre auf Youtube und Facebook ein - die höher gelegte Latte der Schamgrenze unserer Tage hätte den Meister wohl köstlich amüsiert.

Der rechte Flügel des Kunstforums widmet sich nicht nur der späten Modefotografie wie 1990 für Thierry Mugler, sondern anfangs auch den berühmten Porträts von Hollywood, New York und Paris, dabei einer seiner Fans, Karl Lagerfeld, Romy Schneider 1975 in tiefer Melancholie und daneben Liz Taylor 1985 mit ihren Juwelen im Pool nebst Papagei als Karikatur des Luxusweibchens, fast unerträglich. Wie die Last des modischen Konsumwahns zu verstörenden Bildern führt, so zeigt die Postmoderne in diesem Werk frühe Brüche. Das lässt sich am besten verstehen, wenn man die Porträts von Newtons Frau June (als Fotografin Alice Springs) genauer studiert, darüber hinaus seine Röntgenstrahlen-Fotos, lange nach Man Ray 1994, oder eine einsame Straßenlandschaft in Las Vegas 1998. Wim Wenders schwingt hier sentimental mit.

Es gibt wohl kaum einen Fotografen, der so dem Film gehuldigt hat wie Newton, aber auch kaum einen, der uns die Absurdität des Daseins, kleine Brutalitäten erotischer Wunschvorstellungen inbegriffen, klarer vor Augen führt als der vielfach ausgezeichnete Provokateur aus Berlin.