Mit Blumen und Obst erholt sie sich eben am besten von so einem schweren Stoff, die Bianca Regl. Brokat? Falsch. Medea! Und das ist bekanntlich keine Textilie, sondern die, die in der griechischen Mythologie ihre eigenen Söhne ermordet hat. "Stoff" also im Sinne von Thema, Sujet. Wobei: Hat die rachsüchtige betrogene Ehefrau nicht auch noch die Neue von ihrem Jason mit einem vergifteten Kleid abgemurkst? Und das bestand sehr wohl aus einem textilen Material. Wurscht. Nein, Stoff.

Jedenfalls hat sich die gebürtige Linzerin (Die Medea stammt aus Oberösterreich? I wo, aus Kolchis. Die Regl ist von dort!) fast ein Jahr lang mit besagtem Stoff befasst. Dem blutigen, nicht dem giftigen. Folglich mit der Verzweiflungstat einer von ihrem Mann verstoßenen Frau und angehenden, aber dann doch nicht alleinerziehenden Mutter. Bzw. hat sie die Neuübersetzung des antiken Euripides-Stückes illustriert. (Für den Manesse-Verlag.) 

Sie mischt eh keine Totenköpfe ins Essen

Ach, und um sich von dieser menschlichen Tragödie wieder einigermaßen zu derrappeln, hat sich die mittlerweile in Wien und Peking ansässige Künstlerin, die in der chinesischen Metropole obendrein einen Offspace leitet, mit was Vegetarischerem entspannt und an Blumen gerochen und Trauben gegessen? Und das als Performance in der Galerie Gerersdorfer aufgeführt? Nicht direkt.

Das Blau wächst am Weinstock. Und Bianca Regl hat es gepflückt. (Oder am Markt gekauft.) 
- © Bianca Regl

Das Blau wächst am Weinstock. Und Bianca Regl hat es gepflückt. (Oder am Markt gekauft.)

- © Bianca Regl

Vielmehr hat sie beides gemalt (und später an die Galeriewände gehängt). Was nicht zwangsläufig heißt, dass sie die Weinbeeren nachher unverspeist weggeschmissen hätte. Oder ihre sonstigen vitaminhaltigen Modelle (Zitronen, Äpfel . . .), die sie sich üblicherweise am Markt (mit oder ohne "Super" davor) zusammensucht. Die wären zumindest durchaus noch genießbar gewesen. Besonders die Äpfel, die ja keine Weicheier sind. Abgesehen davon, dass sie wahrscheinlich eh nicht bis zum letzten Pinselstrich durchhalten hätten müssen, schließlich werden die Motive vor dem Malen mittels Fotografie, Zeichnung oder Ölskizze haltbar gemacht.

Hm. Geht’s in Stillleben von verderblicher Ware nicht ebenfalls um Leben und Tod? Nur halt weniger brutal? Vanitas, hallo? Erinnern die uns mit ihrem – potenziellen – Welken, Schrumpeln und Faulen nicht an die eigene Sterblichkeit? (Von wegen "leichtere Kost".) Okay, Bianca Regl macht es nicht wie die barocken Meister, die gern Totenköpfe im Essen verstecken, nachdem sie ein üppiges Buffet aufgetischt haben. Und die Südfrüchte, die man auspresst wie Farbtuben (oder vielleicht nicht wie Farbtuben, allerdings auch auspresst), die wurden mit dem Küchenmesser zerteilt, in Spalten geschnitten. Regl ist bestimmt nicht mit dem Schwert auf sie losgegangen wie Medea quasi auf die Früchte ihres Leibes. 

Das Blau errötet zu Weintrauben

Welcher Stilllebenbewohner errötet denn da so g'schmackig in Bianca Regls Serie "Tropical Baroque"? 
- © Bianca Regl

Welcher Stilllebenbewohner errötet denn da so g'schmackig in Bianca Regls Serie "Tropical Baroque"?

- © Bianca Regl

Um welche Früchte (oder Blumen) genau es sich handelt, ist freilich unwesentlich. Die eigentliche Hauptdarstellerin ist nämlich sowieso: die Farbe? Gut, die spielt natürlich ebenso eine wichtige Rolle. Die süffige Palette. Das Blau, das zum Violett saftiger Trauben errötet, das Lila oder Pink, das mit Zitronenschalen abgeschmeckt wird, mit deren Gelb. "Normalerweise arbeite ich so mit 20 Tuben", erzählt die Malerin. Diesmal hat sie sich auf zwei Hauptfarben beschränkt. Auf ein "kühles, eher türkises Blau und a kühles, magentaartiges Rot". Die Zitronen sind aber immer noch gelb. Außen. (Hauptfarben, wohlgemerkt.) Dafür ist ihr Fruchtfleisch ein Kompromiss aus Blau und Rot.

Und wer ist jetzt der Leinwandstar? Hat auf dem Gewebe seinen großen Auftritt? Die Malerei. Die blüht auf und trägt Früchte. (Und schwelgt in ihrer Sinnlichkeit.) Regl: "Der formale Aspekt fordert mich mehr als der geschichtliche Hintergrund der Objekte per se." Als die Kolonialgeschichte der Zitrone zum Beispiel. Und warum malt sie nicht kurzerhand abstrakte Kompositionen? Weil sie nun einmal eine figurative Malerin ist und sichtlich einen ausgeprägten Realitätssinn hat. Außerdem reift ihr plastischer Realismus auf einer monochromen Fläche heran, wächst aus dem abstrakten Hintergrund heraus und in die Welt der Dinge hinein. Gesten verdichten sich dynamisch zum Gegenstand, halten irgendwo zwischen flüchtiger Andeutung und kompletter Ausformulierung inne, ohne dass etwas fehlen würde. Die malerische Fülle schöpft aus der Reduktion.

Geheimnisvoll: "Tropical Baroque." Äpfel (und Mandarinen?) runden sich aus einem schattigen Grün dem Licht entgegen, das punktuell auf Reflexe fokussiert. "In Peking ging’s immer weniger um die Ausleuchtung. Jetzt bin ich wieder in Wien und die Dinge haben a Sonnen- und a Schattenseite." Und die Gemälde zwei Lichtquellen. Die Sonne von außerhalb und ein inneres Leuchten. 

Der Schatten wächst mit

Vertulpte Lilie: Ein exotischer Hybrid, auf der Leinwand gezüchtet von Bianca Regl. 
- © Bianca Regl

Vertulpte Lilie: Ein exotischer Hybrid, auf der Leinwand gezüchtet von Bianca Regl.

- © Bianca Regl

Und die Blumen? Florale Hybriden. Eine Kreuzung aus Tulpen und Lilien. Tulien? Lilpen? Oder Tulpilien? ("So, wie ich sie gemalt hab, gibt es sie nicht.") Eher Porträts (der blühenden Fantasie) als Stillleben. Auf alle Fälle kein Strauß in der Vase, exotische Blüten mit Stängel und ohne Vase. Pro Bild eine. Dennoch sind sie nicht völlig allein, die "Vietnamese Tulips". Haben ihren Schatten mit dabei. Der sich schwungvoll mit ihnen vereint, untrennbar vermischt. Zur trauten Zweisamkeit mit sich selbst.

Zwei Augen starren, mit durchdringendem, eventuell ein bissl traurigem Blick, aus einem rosig durchbluteten Blau. Mit souveräner skizzenhafter Offenheit, wie sie Regls Spezialität ist, tasten sich da flotte Pinselstriche an das einzige Gesicht inmitten von all dem Obst heran, und das gehört der Schöpferin der Arbeiten, die gewissermaßen über ihre eigene Ausstellung wacht. Ein Selbstporträt als . . . Betrachterin? (Das Bild schaut zurück.) Na ja, genau genommen als Medea. (Nicht, dass man sich nun vor ihr fürchten müsste.) Aus anfangs erwähntem Projekt. Ein Opus, das es nicht ins frisch gedruckte Buch geschafft hat. (Die restlichen Bilder der Medea-Serie werden übrigens bis Februar im MuTh am Augartenspitz präsentiert.) 

Dem Fluss, diesem Bettnässer, ist’s jedenfalls egal

Medea schaut uns mit den Augen der Malerin an. 
- © Bianca Regl

Medea schaut uns mit den Augen der Malerin an.

- © Bianca Regl

"Medea ist so every woman", klärt mich Bianca Regl auf. "Und bevor ich mich in jemand anderen hineinversetze, arbeite ich lieber mit mir selber. Ich kenn mich auch am besten." Und nach einer gedankenstrichlangen Pause: "Und bin am verfügbarsten."

"The river never cared what place you bring" – was soll das bedeuten, bitte? Ziemlich kryptisch, der Titel der Schau. Ein Zitat. Aus dem Song "Give Up the Ghost" von Sunset Rubdown. Laut Wikipedia eine kanadische Indierock-Band, die sich 2009 aufgelöst hat. Nicht in Salzsäure, sondern einfach so. In Wohlgefallen sozusagen. Schon ihre vorletzte Ausstellung an diesem Ort hat die Künstlerin nach einer feuchten Liedzeile derselben Gruppe benannt: "Oceans Never Listened to Us Anyways." Weil Fluss, Meer, Ertrinken angeblich beliebte Metaphern für die Malerei und den Malprozess sind. Noch dazu malt Bianca Regl nass in nass.

Trotzdem versteh ich nicht, was damit gemeint ist, dass es den Fluss nicht schert, "what place you bring". Für die mit dem Pinsel ist es selber "nicht ganz klar". Regl: "Aber so geht’s mir vor der Leinwand."