Da gibt’s doch diesen kurzen Witz ohne Happy End, dessen Bart umso länger ist (der sich folglich schön langsam einmal rasieren sollte): Treffen sich zwei Jäger – beide tot. Aus. Zum Glück sind John Carter und Ray Malone aber eh keine Jäger, sondern Minimalisten (der Zweite war vor seiner künstlerischen Laufbahn höchstens noch Buchhändler, Bibliothekar und Englischlehrer). Wenn die sich also wo treffen, wie beispielsweise gerade in der zs art galerie, stirbt bestimmt niemand. Am wenigsten die Malerei. Und was sie machen, ist definitiv nicht lustig. Und trotzdem pointiert.

"Lyrischer Purismus" ist ihre gemeinsame Schau betitelt (die wegen Corona mehrmals verschoben werden musste und eigentlich bereits für Herbst 2020 geplant gewesen ist). Klingt nach einem Stimmungsminimalismus. Nach Ratio mit Gefühl. Nicht, dass sie nicht streng wären. Mit feinsinniger Raffinesse allerdings. Klare Formen und Farben (und von beidem nur das Allernötigste). Die Arbeiten des Briten ("erweiterte Malerei") und des Iren (geometrische Poesie quasi) reimen sich obendrein aufeinander. Sozusagen. Zumal beide Künstler auf Ecken stehen. Besonders, wenn diese zu viert sind. Wie bei einem Quadrat. 

Potemkinsche Skulpturen?

John Carter: Durch seine skulpturalen Wandmalereien (Wandobjekte, die aus Holz und dennoch nicht hölzern sind, nicht steif und unbeholfen), durch die kann man in der Regel durchschauen, sie freilich schwer durchschauen. Zunächst einmal gaukeln sie einem das bis zu 15 Zentimeter dicke bemalte Vollholz lediglich vor, das massive Volumen, in das Öffnungen präzise hineingeschnitten sind. (Nein, keine Gucklöcher. Zumindest keine runden.)

Nein, kein Bronzeguss, aus Bronze-BLECH zusammengefügt: "Displacement" (2019) von John Carter. Geometrie in Unruhe. Die Quadrate von Ray Malone im unscharfen Hintergrund ("Dimension" 31, 39, 19 und 23, entstanden 2004 - 2006) halten an der Wand dagegen brav still. Und tanzen nicht aus der Reihe. 
- © Stefan Seelig, Courtesy: zs art galerie

Nein, kein Bronzeguss, aus Bronze-BLECH zusammengefügt: "Displacement" (2019) von John Carter. Geometrie in Unruhe. Die Quadrate von Ray Malone im unscharfen Hintergrund ("Dimension" 31, 39, 19 und 23, entstanden 2004 - 2006) halten an der Wand dagegen brav still. Und tanzen nicht aus der Reihe.

- © Stefan Seelig, Courtesy: zs art galerie

Ein bissl ist das wie bei den Potemkinschen Dörfern mit ihren schmucken Häuserattrappen. Vorne hui, und wenn man ihnen auf den Hintern glotzt, entlocken sie einem ebenfalls drei Buchstaben: a, h und a. Aha. Oder bloß zwei: oh. Man ist jedenfalls verblüfft. Und zugleich ziemlich beindruckt, sobald man einen Blick hinter die aus Sperrholzplatten – sauber – zusammengezimmerten Kulissen des Engländers wagt. Potemkinsche Skulpturen?

Dazu kommen die subtilen Irritationen, mit denen der 1942 in Hampton Hill, Middlesex, geborene und in London weilende und werkende "Bildhaumaler" den Verstand und das räumliche Vorstellungsvermögen herausfordert. Indem er simple Formen sowie Fläche und Raum ausgeklügelt miteinander verschränkt, sie kippt. Wobei die Lücke prominent mitspielt, das Weggelassene dem Gebliebenen ebenbürtig ist, die Leere der Materie. 

Er hat die dritte Dimension zerbröselt

Genau genommen ein graues Parallelogramm, aus dem zwei schmale Dreiecke herausgebrochen worden sind, aber irgendwie drei Vierecke, übereinandergelegt, gegeneinander verschoben. Eines davon ein dynamisches. Ein Parallelogramm eben. Oder ein von der Wand emanzipierter patinierter "Bronzeguss" (hüpfende, schwankende "Vierecke") auf einem Sockel stellt sich als gebaut, nicht gegossen heraus. (Bronzeblech!) Und ein Relief übt sich im Schattenbaden, turnt mit seinen weißen Gliedern im Licht herum, bis sie in unterschiedlichen Tönen ergrauen.

Ein Parallelogramm mit zwei herausgeschnittenen Dreiecken oder drei Vierecke? Oder nur ZWEI Vierecke, und das zweite ist einfach ein bissl verrutscht? John Carters graues "Parallelogram: Folded Square" (2004) lässt Raum für Interpretationen. Links hinten: "Positive and Negative Forms II" (2008) vom SELBEN John Carter. 
- © Stefan Seelig, Courtesy: zs art galerie

Ein Parallelogramm mit zwei herausgeschnittenen Dreiecken oder drei Vierecke? Oder nur ZWEI Vierecke, und das zweite ist einfach ein bissl verrutscht? John Carters graues "Parallelogram: Folded Square" (2004) lässt Raum für Interpretationen. Links hinten: "Positive and Negative Forms II" (2008) vom SELBEN John Carter.

- © Stefan Seelig, Courtesy: zs art galerie

Und nicht zuletzt hat Carter die Dreidimensionalität zerbröselt. Gewissermaßen. Zu nulldimensionalen Glimmerpartikeln, glitzernden Punkten. Nämlich das Material, aus dem Michelangelos "David" besteht. Marmor. Das Marmorpuder mischt er dann in seine Farben hinein, die er aufspachtelt und, wenn sie getrocknet sind, schleift. Ein Bildhauer, der seine Malerei wie ein ebensolcher, ein Skulpteur, bearbeitet, sie "oberflächlich" macht, der Oberfläche diskretes Leben einhaucht, einreibt. 

Stolperfallen fürs Auge

Das Gezeigte von Ray Malone (1939 auf Malta geboren und aktuell in Berlin wohnend, wo er bloß noch schreibt – Gedichte) verfügt dagegen über nicht mehr als zwei Dimensionen. (Vordergründig.) Hat laut Preisliste nur eine Länge und eine Höhe. Gut, die Breite lässt sich bei dieser Flachware mit Tiefgang nicht mit dem Maßband eruieren. Die kann höchstens das Auge schätzen. Weil sie eine optische Täuschung ist. Etwa wenn der irische "Minimal-Art-Poet" senkrechte Bleistiftstriche rhythmisch übers Blatt tanzen lässt (eine melancholische "Passacaglia", wie der Titel der Serie verrät). Verblassende Vertikalen, im Illusionsraum wie Töne verhallend.

Schauen ziemlich haptisch aus: die Linien, die Ray Malone mit Kohle gezogen hat. Musikalisch sind sie außerdem. Weil "b-a-c-h" (2006 und 2004) - heißt so nicht auch ein Komponist? 
- © Stefan Seelig, Courtesy: zs art galerie

Schauen ziemlich haptisch aus: die Linien, die Ray Malone mit Kohle gezogen hat. Musikalisch sind sie außerdem. Weil "b-a-c-h" (2006 und 2004) - heißt so nicht auch ein Komponist?

- © Stefan Seelig, Courtesy: zs art galerie

Andere Zeichnungen mit musikalisch verteilten Geraden sind gar keine Zeichnungen. Es sind in Wahrheit dezente Reliefs. Schwarzer Fotokarton, von hinten behutsam durch Schlitze durchgeschoben. "Kleine Hürden, über die der Blick stolpert, wenn er übers Papier streicht, dessen natürliche Ausstrahlung wiederum von einem zarten Make-up aus Reißkohle betont wird." Wer das geschrieben hat? Zugegebenermaßen ich. Vor zwei Jahren. Doch besser als ich könnte ich’s auch nicht formulieren.

"b-a-c-h" (nach dem Komponisten, der heißt wie ein fließendes Gewässer; Bachblüten sind übrigens nicht die Köpfe von Blumen, denen man was von Bach vorspielt, sie mit seinem "Wohltemperierten Klavier" energetisiert, bevor man sie pflückt): Die haptisch wirkenden, rußig intensiven Linien dieser Serie (Kohle, die sich zu Schatten verwischt) sind dafür realiter flach. Kräuseln sich barock. Oder man glaubt, die Toccata und Fuge in d-Moll orgeln zu hören, wenn sie zackig herumfahren. 

Die Quadratur der Poesie

"Schwarze Balken wandern über satte, monochrome Farbfelder" (wieder von mir), oder vier einfärbige Quadrate (zwei unbunt graue, ein gelbes, ein oranges), wo die jeweilige Farbe von Nuancen ihrer selbst gerahmt wird, von Winkeln und Streifen, hängen untereinander wie die Strophen eines visuellen Gedichts, das von der inneren Ruhe handelt.

Wanderbalken: Die schwarze Kohle sucht in Ray Malones "Unbound"-Serie (2001) ihre ideale Position in der Welt der bunten Farben. 
- © Stefan Seelig, Courtesy: zs art galerie

Wanderbalken: Die schwarze Kohle sucht in Ray Malones "Unbound"-Serie (2001) ihre ideale Position in der Welt der bunten Farben.

- © Stefan Seelig, Courtesy: zs art galerie

Komplexe Einfachheit von zweien, die sich verstehen. Zwei Oeuvres, die, klug durchmischt, ein spannendes Ganzes ergeben: eine besuchenswerte Ausstellung. Die Schlussworte trete ich an Guido Zehetbauer-Salzer von der Galerie ab, weil ich es ebenfalls nicht besser ausdrücken könnte: "Ich glaube, dass die Kunst die Vielfalt des Lebens abbildet. Und Vielfalt bedeutet nicht, dass man von einem viel hat, sondern von allem etwas."