Auf zum Multiple-Choice-Test! Eine der folgenden Aktionen hat tatsächlich stattgefunden:

1) Schnitzelessen für den Weltfrieden;
2) Kunstwerke attackieren für den Klimaschutz;
3) Ziegenstreicheln gegen die Corona-Impfung.

Ja, sicher, schwierige Wahl, schließlich sind alle drei in etwa gleich sinnvoll. Also: 1) ist eine glänzende Idee, sofern man Schnitzel mag, harrt aber noch der Umsetzung. 3) erscheint durchaus möglich, es würde dem Horizont der Impfgegner entsprechen, aber auch das ist es nicht.

Der zweite Punkt ist der zutreffende. Er ist zwar ebenso absurd, tritt derzeit aber gehäuft auf.

Ein paar Fälle aus den letzten Wochen:

- Klimaaktivisten der Gruppe "Letzte Generation" bewerfen im Museum Barberini in Potsdam Claude Monets Gemälde "Les Meules" ("Die Heuschober") mit Kartoffelpüree.

- Zwei Klima-Aktivistinnen attackieren in der Londoner National Gallery Vincent van Goghs "Sonnenblumen" mit Heinz Tomato Soup.

- Ein Klimaaktivist tarnt sich als alte Frau im Rollstuhl, schmuggelt auf diese Weise eine Cremetorte in den Louvre und wirft sie auf Leonardo da Vincis "Mona Lisa".

- In der Berliner Gemäldegalerie kleben sich zwei Klima-Aktivisten an ein Gemälde von Lukas Cranach.

- In der National Gallery of Victoria in Melbourne kleben sich zwei Aktivisten von Extinction Rebellion an Pablo Picassos Antikriegs-Bild "Massaker in Korea".

Die Verbindung von Aktivismus und Umweltschutz im weitesten Sinn ist nicht neu. Die Umweltschutz-plus-Pazifismus-Organisation Greenpeace etwa griff wiederholt zu spektakulären Aktionen, um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen und, mehr noch, für sie einzunehmen.

Mutige Aktionen

Dass es immer wieder gelingt, hängt mit den Aktionen zusammen: Die "Rainbow Warriors" (Regenbogenkrieger) kreuzen mit Schlauchbooten vor dem Bug von Walfangschiffen, verharren 26 Stunden auf dem Schlot der Chemiefirma Boehringer, aus dem Gifte in die Luft geblasen werden, oder protestieren gegen russische Erdölförderungen in der Arktis und nehmen dafür die Haft in einem russischen Gefängnis in Kauf.

Etwas verblasene Heldenromantik mag bei den Aktionen dabei sein. Aber sie bewirken auch, dass man nachzudenken beginnt: Wenn Menschen ihr Leben für solche Ziele einsetzen - sollte an diesen Zielen etwas dran sein?

Jedenfalls braucht es dafür Mut - mehr Mut jedenfalls, als Kunstwerke zu attackieren.

Im Hinterkopf spuken diesen Klimaaktivistinnen und -aktivisten schwedische Ideen: Dazu gehört wohl Greta Thunberg mit ihren Schulstreiks, die auf die bevorstehende Klimakatastrophe hinweisen sollen und auch gleich, da sie am Freitag stattfinden, ein verlängertes Wochenende ermöglichen (am Samstag und Sonntag kann man dann mit den Eltern einen Ausflug im Auto machen).

Ist das noch gut durchschaubar und relativ harmlos, überlegen allerdings selbst seriöse deutschsprachige Medien wie die "FAZ", die in der Regel keine Panikmache betreiben, ob Klimaaktivistinnen und -aktivisten sich radikalisieren und in den Untergrund gehen könnten, um von dort aus Terrorakte zu setzen.

Das Gespenst einer GAF, einer Grünen Armee Fraktion nach dem Vorbild der RAF-Terroristen, scheint sich tatsächlich zunehmend zu materialisieren. Dass sich die derzeitigen Aktionen vorerst nur ("nur!") gegen Kunst richten und keine nachhaltige Beschädigung der Werke beabsichtigen, könnte nämlich schlimmstenfalls ein Vorbote einer weiteren Radikalisierung sein.

Dabei darf man nicht übersehen, dass die RAF ihre Untaten-Serie nicht mit Entführungen und Morden begonnen hat, sondern dass im chronologischen Vorfeld Strategiediskussionen standen um die Legitimation von "Gewalt gegen Sachen" - mit deren Bejahung.

Die quasi-philosophische Untermauerung könnten GAF-Hardcore-Aktivisten in den Vorstellungen von Andreas Malm finden: Der schwedische Humanökologe ist Mitglied der trotzkistischen Socialistiska Partiet und unterstützt die antiisraelische bis antisemitische BDS-Bewegung. In der Frage, wie man der Klimakrise begegnen soll, spricht er sich für die Eskalation aus. Seiner Auffassung nach waren Kämpfe wie für die Einführung des Frauenwahlrechts oder gegen die Apartheid nur erfolgreich, weil sie Eigentum und Infrastruktur zerstörten. Das sei, so Malm, die einzige Möglichkeit, genug Druck gegen die Gesellschaft aufzubauen, um Veränderungen durchzusetzen.

Knapp am Terrorismus?

Das Internet-Politiklexikon für Junge Leute unter der Schirmherrschaft des Verlags Jungbrunnen definiert: "Unter Terrorismus versteht man die Androhung bzw. Anwendung von Gewalt zur Durchsetzung bestimmter (z.B. politischer oder wirtschaftlicher) Ziele. Der Terror wird dabei als Druckmittel eingesetzt, um in Staaten oder Organisationen Instabilität zu erzeugen."

Vorerst mögen die Attacken auf Kunstwerke noch den Anstrich eines grün-fröhlichen Aktivismus haben. Es ist ja nichts passiert. Die Zeitungsleser erfahren, dass (war da nicht schon einmal was in den Nachrichten?) das Klima in Gefahr ist und dass man in Berlin einen Cranach sehen kann (steht der Kultur-Trip nach Berlin dafür? - Lieber fliegen oder nehmen wir den VW Touran?). Und ginge es nach den Idealen der Fluxus-Bewegung, dann wären die Aktionen selbst auch schon wieder Kunstwerke: das Mona-Lisa-Tortenhappening, das Sonnenblumen-Tomatensuppe-Happening.

Nur steckt eben doch etwas anderes dahinter, nämlich die Gesellschaft zu treffen, wo es ihr wehtut. Dass sich die Aktivisten wie Kleinkinder gebärden, die ihr Spielzeug durch die Gegend schmeißen, um Aufmerksamkeit zu erhaschen, ist schon weniger lustig, wenn man bedenkt, dass zornige Kinder dann auch einmal ihr Spielzeug zertrümmern, wenn sie mit den vorangehenden Aktionen nur einen Gewöhnungseffekt bei ihren Eltern ausgelöst haben.

Verspielte Sympathie

Vor allem stellt sich die Frage, was dieser Klimaaktivismus bringt. Sympathiepunkte für den Klimaschutz sammeln solche Aktionen gegen Kunst gewiss nicht. Muss also in den Augen der Klimaaktivistinnen und -aktivisten tatsächlich der Druck bis zum Terrorismus verstärkt werden?

Und dann?

Die RAF hat die Gesellschaft nicht destabilisiert. Die Geschichte zeigt, dass Terrorismus geeignet ist, ideologische Fronten zu verhärten, jedoch zur Durchsetzung von Zielen wirkungslos bleibt, zumal in Demokratien Mehrheiten entscheiden, solche Mehrheiten jedoch nicht durch Gewaltakte oder Angstmacherei vor Gewaltakten erreicht werden.

Eher tritt das genaue Gegenteil ein und die Mehrheit wendet sich von den Zielen der Aktivisten ab.

Dem Klima erweisen daher solche Anschläge auf Kunstwerke einen Bärendienst.

Es ist kein Zufall, dass die Klimaschutzorganisation "My Blue Planet" destruktive Taten wie die genannten für keinen geeigneten Weg hält und Greenpeace Verständnis zeigt - allerdings für den Ärger der Museumsbesucher über solche Aktionen.