Was machen schätzomativ 20 Nackerte im Secondhandladen? Hm. Sich was anziehen? Falsch. Herumhängen! Auf Nägeln. Schließlich handelt es sich um Kunstwerke. Und warum tun sie das ausgerechnet im Freudich Vintage Store? Ein White Cube (weißer Würfel) ist der jedenfalls nicht, also ein neutraler Ausstellungsraum ohne Ablenkungen. Eh nicht.

Diese hybride Mischung aus Wohnzimmer, Kaffeehaus, begehbarem Kleiderschrank und Galerie ist sogar tapeziert. Und zwischen all den altertümlichen Lampen baumelt eine Discokugel vom Plafond. Oder ein aufgespannter Regenschirm. 

Die vier Ks: Kaffeetscherl, Kuchen, Klamotten – und?

Selbst die Wände haben die Bilder nicht für sich allein, müssen sie sich mit Hüten, Spiegeln und eben Tapetenmustern teilen. (Oh, genau so einen Fotoapparat hat mein Papa gehabt.) Nichtsdestotrotz fügen sich die Blätter (schlanke Frauen, textilfrei, wie Ingrid Fischer sie schuf) sehr stimmig ein.

Vielleicht auch (oder besonders) wegen ihrer Körperlichkeit. Und weil man sich hier, in Laurenz Schafflers Multifunktionsgeschäft, in diesem Retro-Ambiente, um die drei Ks des leiblichen Wohls kümmert: Kaffeetscherl, Kuchen ("Muttis Schmankerl" wie Bananenkuchen oder Zitronentarte, gebacken von der Mama des Lokalbetreibers) und Klamotten. Und was fängt noch mit K an? Richtig: Kunst. Vojtech Micka sieht an seinem Arbeitsplatz typisch Wienerisches zusammenkommen: "Kaffee trinken, über wichtige Sachen reden und die Kultur pflegen."

Der Rahmen als farbliches Echo der Malerei: Ein unbetitelter Rückenakt von Ingrid Fischer. 
- © Ingrid Fischer

Der Rahmen als farbliches Echo der Malerei: Ein unbetitelter Rückenakt von Ingrid Fischer.

- © Ingrid Fischer

"Nackt & abstrakt" reimt der Titel der Schau knackig. Dabei sind die Zeichnungen gar nicht so nackt. Ja, die Modelle waren es durchaus. Und die Bleistift- oder Kohlestriche. Die live zu Papier gebrachten Posen wurden dann freilich . . . koloriert. Quasi mit Farbe bekleidet. Mit Gefühl, Tusche, Pastellkreide. Und genauso gern mit Aquarellfarben akzentuiert, modelliert.

Schon in der Schule hat die gebürtige Wienerin (Jahrgang 1976) mit Begeisterung gezeichnet und gemalt, die beruflichen Verpflichtungen als Volksschullehrerin und Therapeutin (heilpädagogisches Voltigieren) haben ihr künstlerisches Schaffen aber immer wieder in den Hintergrund gedrängt, bis ein Aufenthalt in Dubai es sozusagen wieder reaktiviert hat. Und Fischer sich ein paar Jahre später in Paris dem Akt als Thema zugewandt hat. 

Der Bad-Hair-Day ist eigentlich abstrakte Kunst

Ruhig (oder dynamischer) Sitzende, Liegende, Stehende, die mit wenigen Andeutungen, oft mit kaum mehr als einer Horizontalen, auf der Fläche räumlich verortet, geerdet werden, füllen die Leere mit ihrer Präsenz. Und "zu jeder einzelnen Frau" hat die Zeichnerin und Malerin "den passenden Rahmen gesucht und gefunden". Ihn individuell auf die jeweiligen Bedürfnisse abgestimmt. Von der goldenen Ehrerbietung bis zum malerischen Echo.

Ingrid Fischer hat ihre Kauernde dynamisch frisiert. 
- © Ingrid Fischer

Ingrid Fischer hat ihre Kauernde dynamisch frisiert.

- © Ingrid Fischer

Und der versprochene abstrakte Teil? Die Spritzer, die der emotionale Pinsel über die Konturen hinausgeschleudert hat? "Und bei vielen Bildern die schwungvolle Interpretation der Haare, die meine Stimmung zum Zeitpunkt der Nachbearbeitung widerspiegelt", klärt die Künstlerin auf. Die sind ja wirklich voller kinetischer Energie, die Haare. Regelrechte Action-Frisuren. Und steckt im Wort "abstrakt" nicht bereits der Akt?

Betitelt hat Fischer die Arbeiten bewusst nicht. Nicht einmal mit den Namen ihrer in Paris lebenden Modelle. Obwohl sie natürlich weiß, wie sie heißen (Paula, Chantal, Chloé . . .). Sie will den Betrachter, die Betrachterin allerdings nicht beeinflussen. Jeder solle "sich einfach am Wunderwerk Frau erfreuen, staunen über die vielfältige Schönheit".

Solide, ästhetisch ansprechende Studien der zeitlosen weiblichen Nacktheit und Anmut.