Da ist sichtlich jemand allein zu Haus. Ach, wie dieser Kevin, den seine an sich siebenköpfige Familie daheim vergisst, als sie über Weihnachten wegfährt (halt lediglich mit sechs Köpfen, während sich besagter Kevin derweil den siebenten darüber zerbrechen muss, wie er die zwei Einbrecher loswird)? Nein, anders. Außerdem ist er gar nicht allein, wenn er mit sich allein ist, der Alexander Basil. Betonung auf "mit sich". In der Galerie Kandlhofer ist er jetzt jedenfalls omnipräsent, entkommt man ihm genauso wenig wie er sich selber. Nicht nur, dass er auf jedem Bild drauf ist, ist er es noch dazu gleich mehrmals. Multiple Selbstporträts quasi.

Klingt nach einem Me-Myself-and-I-Typen. Wobei: Sind wir das nicht angeblich eh alle? Nämlich zu dritt? Vorausgesetzt natürlich, der Sigmund Freud hat recht gehabt mit seinem Ich, Es und Über-Ich, dieser psychischen Trinität, dieser Dreier-WG, die in unserem "Oberstübchen" hausen soll. 

Liebling, ich habe mich selbst geschrumpft

Der 1997 in der russischen "Erzengelstadt" Archangelsk geborene und nunmehr zwischen Berlin und Wien pendelnde Maler (sein Kunststudium hat er übrigens heuer in Düsseldorf abgeschlossen), der hat ebenfalls ein paar Mitbewohner. Lauter kleine rosarote "Liebling, ich habe mich selbst geschrumpft"-Männchen (nicht zu verwechseln mit den kleinen grünen Männchen), Identitätsfragmente, bevölkern seinen – gemalten – Haushalt, seine persönlichen Interieurs.

Nixe aus der Konservendose. Und Alexander Basils Mini-Me hat die Büchse ganz für sich allein. Muss sie mit keinen anderen Sardinixen teilen. 
- © kunst-dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez, Courtesy: Galerie Kandlhofer

Nixe aus der Konservendose. Und Alexander Basils Mini-Me hat die Büchse ganz für sich allein. Muss sie mit keinen anderen Sardinixen teilen.

- © kunst-dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez, Courtesy: Galerie Kandlhofer

Sie lungern herum, sitzen ihrem Schöpfer auf der Schulter oder beschäftigen sich still selbst. Eines glotzt in den schwarzen Kaffee, versinkt narzisstisch im eigenen Anblick, ein anderes Mini-Me posiert als maskuline Nixe, als Meerjungmann, und lässt seinen Fischschwanz aalig kokett aus der Sardinendose hängen.

Warum sie so rosig sind, die Schrumpfklone? Weil sie nix anhaben. Weil der Basil in seinem comicartig reduzierten Stil viel Haut zeigt. Sich ständig entblößt. Auch psychisch. Oder vor allem psychisch. Bis zur Selbstverletzung. (Was macht denn dieses Zwergerl-Ich? Ritzt es sich etwa? Und sammelt das Blut in einer Schale? Ein Pflasterl reicht da definitiv nimmer für diese geschundene Seele.) Und trotzdem bleibt jede Farbe brav und sachlich innerhalb ihrer Kontur und der Pinsel rastet nie aus, wird nicht einmal expressiv. Die Brust- und Barthaare verschnörkeln sich stets dekorativ zu einem gesitteten grafischen Ornament. 

Das Ich wie einen Kaugummi ausgespuckt

Siamesische Kaugummizwillinge? Jedenfalls picken sie zusammen und auf der Treppe, die zwei kleinen rosa Männchen, die beiden klebrigen Identitätsfragmente von Alexander Basil. 
- © kunst-dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez, Courtesy: Galerie Kandlhofer

Siamesische Kaugummizwillinge? Jedenfalls picken sie zusammen und auf der Treppe, die zwei kleinen rosa Männchen, die beiden klebrigen Identitätsfragmente von Alexander Basil.

- © kunst-dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez, Courtesy: Galerie Kandlhofer

Auf seiner Identitätssuche wird der Künstler überall fündig, sogar in der Abwasch, wo er sich im Schmutzwasser auflöst, selber der Schmutz ist, der beim Abfluss runtergespült wird. Er degradiert sich zum Kehricht. Oder wischt seine eigenen Reste mit dem Mopp auf. (In der Wanne ist er dennoch nicht der Badezusatz, sondern der Badende. Bleibt intakt.) Sein gemaltes Ich (GI) fusioniert mit den Einrichtungsgegenständen, den Geräten, mit der Spielkonsole, der Steckdose, schmilzt als Kerze dahin. In den ruhigen, tragikomischen Inszenierungen identifiziert es sich mit seiner häuslichen Umgebung, zieht sich als siamesische Kaugummizwillinge, also im Doppelpack, klebrig auf der Stiege. Oder verklumpt überhaupt zur ausgespuckten Kaumasse. Das mutmaßlich (oder vermeintlich?) Witzige schlägt plötzlich ins Traurige um, hat eine Pointe, über die man sich nicht zu lachen traut.

Praktisch alles in dieser surrealen Welt trägt Basils Physiognomie. Der Teebeutel, der in Kürze in kochend heißem Wasser ertrinken wird, der Boden des Aschenbechers mit dem ausgedrückten Tschick. Simples Bleistiftspitzen wird da zu einem brutalen Gesichtspeeling, mit jeder Umdrehung schält sich eine weitere Visage ab. Wie nennt man diese Schnipsel eigentlich? Abspitzspäne? Spitzlinge?

Oder besonders perfide: Die fragile Versuchsanordnung, in der das GI potenzieller mutmaßlicher Täter und potenzielles mutmaßliches Opfer ist, der stachelige Kaktus und der Ballon, der daneben schicksalhaft angebunden ist. Der leichteste Luftzug könnte Letzteren zum Platzen bringen. Eine Allegorie der Verletzlichkeit? Eine ziemlich sadistische Fantasie hat er, der Basil. Aber ist Selbstironie nicht generell eine Form von Masochismus? 

Die Psyche ist ein Puppenhaus

Mit sich selbst zu dritt: Basil, Basil und Basil. In der Wanne, vor der leeren Leinwand und hinter der vollen. (Oder ist das eine SIMULTANBÜHNE?) 
- © kunst-dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez, Courtesy: Galerie Kandlhofer

Mit sich selbst zu dritt: Basil, Basil und Basil. In der Wanne, vor der leeren Leinwand und hinter der vollen. (Oder ist das eine SIMULTANBÜHNE?)

- © kunst-dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez, Courtesy: Galerie Kandlhofer

He, sind wir womöglich zu Besuch in seiner intimsten Privatsphäre: seiner Psyche? Und die ist bekanntlich ein Wunderland. (Bzw. ist die Seele ein weites Land.) Wie jenes von dieser Alice, die sich dauernd ansauft (weil auf dem Etikett der Flasche "Trink mich!" steht) oder halluzinogene Kekse ("Iss mich!") und Pilze einwirft. Nicht, dass ein weißes Kaninchen durch die Bilder hoppeln würde oder es sonst irgendwie zuginge wie auf einem Drogentrip. Seine Größe ändert der Protagonist freilich wie die Titelheldin in Lewis Carrolls Kinderbuch. Und dann lebt er in einem Puppenhaus, mit dem er selbst spielt.

Auf alle Fälle hält er einmal eine handliche Simultanbühne, rahmt sie mit seinem bildsprengenden Körper, verleibt sie sich förmlich ein. Im ersten Stock wartet der Maler vor der leeren Leinwand auf Inspiration, im Parterre zwängt er sich in die enge Badewanne. Oder drückt der große Akt vielmehr ein Gemälde beschützend an sich? Subtile Irritationen, Absurdes. Und die extrem männliche, stark behaarte Physis verfügt in dieser sehr fleischlichen Kunst ganz selbstverständlich über eine Vagina. 

Heißt der Mond Alexander?

Gesichtspeeling mit dem Bleistiftspitzer. Und jeder Span schaut uns an. Hat die Physiognomie von Alexander Basil. 
- © kunst-dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez, Courtesy: Galerie Kandlhofer

Gesichtspeeling mit dem Bleistiftspitzer. Und jeder Span schaut uns an. Hat die Physiognomie von Alexander Basil.

- © kunst-dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez, Courtesy: Galerie Kandlhofer

Arbeiten, die man sich an die Wand hängt, zählen ja gemeinhin zu den Flachwaren. Die Malerei vom Alexander Basil mit ihren wuchtigen, wenn nicht plumpen Körpern ist allerdings bloß vordergründig flach (und plakativ). Insgeheim hat sie mehr Tiefe, als man ihr auf den ersten Blick ansieht. Vom Rosa, der Farbe der heilen Naivität, darf man sich eben nicht täuschen lassen. Oder vom harmlosen Ausstellungstitel: "The Week Stretching out in Front of You." Die Woche, sich vor dir ausbreitend.

Okay, oberflächlich hat man es tatsächlich mit dem Alltag eines offenbaren Stubenhockers zu tun. Oberflächlich, wohlgemerkt. Einer, der die Zeit totschlägt (mit modernen Waffen wie dem Laptop oder dem Gameboy) und sich zugleich mit bewährten Vanitassymbolen (einer abgelegten Armbanduhr, abgebrannten Kerzen . . .) an die eigene Vergänglichkeit erinnert. Oder sogar sämtliche Mondphasen durchmacht. Als Mann im Mond. Respektive ist er der Mond, wird seine Birne entsprechend beschattet (oder beleuchtet).

Bilder, die den Betrachter und sich gegenseitig unverwandt anstarren.