Sachen gibt’s, die gibt’s bekanntlich gar nicht. Und der 1971 in Freiburg/Breisgau geborene und heute im baden-württembergischen Reutlingen weilende Maler, der wie ein männliches Geflügel mit vier Buchstaben heißt, malt sie. Oder vielmehr solche, die es eigentlich gibt, aber nicht so. Bringt sie originell, witzig, irritierend, grandios auf die Leinwand. Obendrein total präzise, mit der sprichwörtlichen deutschen Gründlichkeit bzw. mit der Gründlichkeit eines Fotoapparats. Tut so, als wäre er einer. 

Feuersalamander sind keine Kuscheltiere

Ein Feuersalamander, diese markant gefleckte Amphibie, jongliert da mit den eigenen gelben Schecken. Wie er auf diese Idee gekommen ist, der "Meister und Vorreiter eines Neuen Magischen Realismus"? (Robert Prinz, Kunstkritiker, hat ihn jüngst so genannt, den Eckart Hahn.) Das einsame, beziehungsgestörte Ohngesicht hat ihn dazu inspiriert. Ein gefräßiges und mit einer No-Maske die fehlende eigene Physiognomie kaschierendes Monster, das im oscarprämierten Anime "Chihiros Reise ins Zauberland" Goldmünzen in die Luft wirft, weil es sich nach Gesellschaft sehnt und damit leicht Leute anlocken kann, die es daraufhin, wenn es deren Gier geweckt hat, verschlingt.

Verspielter Feuersalamander vergnügt sich mit seinen eigenen Flecken. Den Trick hat ihm der Eckart Hahn beigebracht. Mit seinem Pinsel.("Attractor", 2022.) 
- © Copyright: Simon Veres, Courtesy: Galerie Crone, Wien

Verspielter Feuersalamander vergnügt sich mit seinen eigenen Flecken. Den Trick hat ihm der Eckart Hahn beigebracht. Mit seinem Pinsel.("Attractor", 2022.)

- © Copyright: Simon Veres, Courtesy: Galerie Crone, Wien

Jö, wie auf Facebook. Quasi. Oder kriegt man im (a)sozialen Netzwerk viele Likes, wenn man schlichtweg man selbst ist und sonst nix zu bieten hat? Und eine niedliche Spezies ist der Feuersalamander ebenfalls nicht unbedingt. Kein Kuscheltier. Zumal das Sekret aus seinen Drüsen auf der Haut brennt. Früher hat man ihn überdies für einen lebenden Feuerlöscher gehalten und abergläubisch in die Flammen geworfen.

Die eindrücklichen Bilder, die die schlüpfrige Glätte eines Schwanzlurchs mit derselben Hingabe schildern wie zu Seilen gedrehte Fasern, sind eben wirklicher als real. Also hyperrealistisch? Surreal? Beides. "The Blending" (auf Deutsch: die Mischung) ist die superbe Ausstellung in der Galerie Crone nicht von ungefähr betitelt. Der Deutsche, der hier altmeisterlich unterwegs ist, ohne dass er sich freilich mit aufwändigen Vorarbeiten aufhalten würde wie die pingeligen alten Meister ("Ich mach das nicht wie da Vinci, mache keine Studien, das kostet ja wieder Zeit"), und den es auch nicht per se interessiert, "ein besonders guter Maler zu sein" (das wäre einfach "etwas Notwendiges"), mixt halt gern das, was ist, mit dem, wie er es sich vorstellt. Die gegenständliche Welt mit der seiner Fantasie. Und Letztere kann ziemlich brutal sein. 

Schuhe sind bleibende Werte

Er zeigt auf eine glühende Sitzgelegenheit, auf der offenbar grad einer zu Asche verbrannt ist: "Natürlich gibt es keinen solchen Stuhl." Na ja, höchstens in der Gestalttherapie. Oder nimmt man dort nicht auf dem "heißen Stuhl" Platz und die Gruppe fokussiert sich auf einen? Okay, man wird dabei nicht kremiert, wenn man sich im Brennpunkt der Aufmerksamkeit befindet. Könnte sich jedoch so fühlen.

Heißer Stuhl. Seeehr heißer Stuhl. Eckart Hahn bringt in "Vanish" (2022) seine Fantasie zum Glühen. 
- © Copyright: Simon Veres, Courtesy: Galerie Crone, Wien

Heißer Stuhl. Seeehr heißer Stuhl. Eckart Hahn bringt in "Vanish" (2022) seine Fantasie zum Glühen.

- © Copyright: Simon Veres, Courtesy: Galerie Crone, Wien

He, hör ich da etwa im Hintergrund (oder zumindest in meinem Kopf) ein felines Duo jammern? ("Miau! Mio! Miau! Mio!", und nachher irgendwas, das sich auf "mio" reimt.) Die Situation auf dem Gemälde ("Vanish") erinnert jedenfalls frappant an die Schlussszene aus "Die gar traurige Geschichte mit dem Feuerzeug", einer zünftigen Ballade, die wiederum aus dem "Struwwelpeter" stammt, diesem historischen Kinderbuchschocker, und vermutlich bloß aus einem einzigen Grund nicht vom Schubert vertont wurde, obwohl sie doch Goethes "Erlkönig" oder dem "Heidenröslein" in puncto Dramatik in nichts nachsteht: Als Heinrich Hoffmann sie zusammen mit seinen anderen "lustige(n) Geschichten und drollige(n) Bilder(n)" über schlimme oder unartige Gschrappen der Menschheit schenkte, war der Franzl bereits seit 20 Jahren tot. Sonst hätte er sich ihrer gewiss angenommen. In Moll.

Nachdem sich die minderjährige Pauline beim Zündeln daheim also selber abgefackelt hat (vor den Augen ihrer geschockten Katzen Minz und Maunz), schmiedet der dichtende Psychiater folgende Verse (solange die Überreste noch glühen und rauchen): "Ein Häuflein Asche bleibt allein / Und beide Schuh’, so hübsch und fein." Und illustriert diese mit einem urnenfertigen Hauferl und zwei roten Slippern davor, die nicht einmal dezent angekohlt sind. Und was lernen wir daraus? Aus Paulinchens tragischem Schicksal? Dass Schuhe die bleibenden Werte sind. 

Kann man sich an diesem Bild die Nase verbrennen?

Ich wage gar nicht zu erahnen, wie vielen Frauen sich in frühester Jugend dieses Bild fest eingebrannt haben mag (ins Unbewusste) und die deshalb jetzt bis zum Abwinken Schuchis kaufen, ohne zu wissen warum. Der Dr. Hoffmann (wer sonst?) ist definitiv schuld, dass ich nicht Auto fahren kann. Statt auf den Führerschein zu sparen, war ich halt immer nur im Schuhgeschäft. Ach, egal. Paulinchens Ende ist auf alle Fälle exakt wie das von Hahns Eingeäschertem. Der hat rote Slipper angehabt? Keineswegs. Braune Sneaker! Die entpuppen sich aber als genauso unverwüstlich. Hahn, dessen Pinsel sein analoges Bildbearbeitungsprogramm ist: "Ich bin ja kein Fotorealist. Bei mir geht’s letztendlich um Plausibilität." Und was dieser fiktive Sessel mit "Sitzheizung" angerichtet hat, ist durchaus plausibel.

Geiler Fotorealismus. Nämlich ausnahmsweise tatsächlich ein Foto. Die Hand gehört natürlich nicht wirklich diesem "Prometheus", den der Bildtitel erwähnt. Eckart Hahn hat sie ihm lediglich geliehen. 
- © Simon Veres, Courtesy: Galerie Crone, Wien

Geiler Fotorealismus. Nämlich ausnahmsweise tatsächlich ein Foto. Die Hand gehört natürlich nicht wirklich diesem "Prometheus", den der Bildtitel erwähnt. Eckart Hahn hat sie ihm lediglich geliehen.

- © Simon Veres, Courtesy: Galerie Crone, Wien

Mit dem Feuer spielt der Künstler überhaupt oft. An seinen Flammen verbrennt man sich geradezu die Nase, die man sich an einem hitzigen Opus fast plattdrückt, während man dieses vergebens nach Pinselspuren absucht und hin und weg ist davon, mit welcher Intensität und Sinnlichkeit (und Leuchtkraft) er diese temperamentvolle Naturgewalt hinbekommen hat. Selbst einen Temperaturanstieg spürt man. Wobei es nicht ganz stimmt, dass bei all der Leidenschaft und Energie sich die Künstlerhand nirgends bemerkbar machen würde. Da liegt sie doch. Abgehackt. Unterm schwebenden Feuerball. Auf dem Galerieboden? Nein, schon noch im Bild.

"Prometheus" tauft es der Besitzer der Hand übrigens. Nach dem Feuerbringer, der als solcher als mythischer Urheber der Zivilisation gilt und der eine Schrumpfleber gekriegt hat, weil er so menschenfreundlich war. (Zeus, der den Sterblichen ebenjenes Feuer vorenthalten wollte, das der Prometheus ihm später gefladert hat, hat den Dieb an einen Felsen gefesselt und einen Adler regelmäßig von der ständig nachwachsenden Titanenleber naschen lassen.) 

Ist er doch ein Fotorealist (nämlich, wenn er Fotos macht)?

Moment. Was hängt denn da unten aus dem Gemälde raus? Eine Nabelschnur, die es mit "Futter" versorgt. Ein verräterisches Kabel, das zur Steckdose führt. Wofür, bitte, braucht eine Malerei Strom? Aha, für die Lamperln dahinter. Zuerst kann man kaum glauben, dass all das, was rundum an den Wänden hängt, gemalt sein soll. Technik: Acryl auf Leinwand. Dann glaubt man es endlich und hält es sogar für möglich, dass der Typ mit seinem Zauberstab, dem Pinsel, Wärme erzeugen kann (und eben nicht, indem er sein Malgerät, sofern es über einen Holzgriff verfügt, kurzerhand anzündet), und plötzlich behauptet wer, das, was man gerade andächtig anstaunt, wäre ausnahmsweise ein Foto (ätsch!). Ein Leuchtkasten. LEDs verstärken den dramatischen Es-werde-Licht-Effekt, der sich die Andacht trotzdem verdient hat.

Und noch einmal effektvolle Pyrotechnik im Leuchtkasten. Die Augen dieser eindrucksvollen Feuerskulptur von Eckart Hahn sind "Black Holes" (2022). 
- © Simon Veres, Courtesy: Galerie Crone, Wien

Und noch einmal effektvolle Pyrotechnik im Leuchtkasten. Die Augen dieser eindrucksvollen Feuerskulptur von Eckart Hahn sind "Black Holes" (2022).

- © Simon Veres, Courtesy: Galerie Crone, Wien

Ist er demnach zwischendurch doch ein Fotorealist, nämlich jedes Mal, wenn er fotografiert, der Hahn, der nach der Matura (Tschuldigung, die Deutschen machen ja nicht Matura, die machen Abitur) ein Grundbildungsjahr in Fotografie absolviert hat? Und Prometheus hat lediglich einmal das Licht gebracht. Dem Hahn gelingt dagegen eine Doppelbelichtung.

Eckart Hahn wickelt sein Seil um einen unsichtbaren Kopf, und jetzt können wir ihn alle sehen: "Bulb", 2022. 
- © Copyright: Simon Veres, Courtesy: Galerie Crone, Wien

Eckart Hahn wickelt sein Seil um einen unsichtbaren Kopf, und jetzt können wir ihn alle sehen: "Bulb", 2022.

- © Copyright: Simon Veres, Courtesy: Galerie Crone, Wien

Die restlichen Exponate sind dafür sehr wohl gepinselt. Bis auf das andere Foto selbstverständlich. Jenes, wo aus dem Inferno zwei schwarze Löcher starren. Ein rundes und ein eckiges. Photoshoprealismus? I wo. Alles ist echt, nix digital manipuliert. Mithilfe eines Pyrotechnikers und dessen Tricks (irgendwas mit ultrafeinen Bärlapp-Sporen und einem Feuerzeug) hat Hahn das wilde, widerspenstige Element, das in seiner Ambivalenz Tod und Zerstörung bringt und zugleich unser Essen kocht (zumindest auf dem Gasherd) und unser Geschirr im Ofen brennt, zu einem Totenschädel gezähmt. Zu einer Skulptur aus Feuer.

Wie einen Körper hat er es modelliert. Durch kontrollierte Staubexplosionen. Einmal ist es um "so’n großen Blumenkübel" förmlich herumgeflossen und hat das runde Auge erzeugt, ein andermal um eine eckige Kiste. Und eine Hochgeschwindigkeitskamera hat diesen Bruchteil eines Augenblicks festgehalten, ihn als ewigen Moment eingefroren. (Hm. Wenn ich mich als Feuerbändigerin gebärde, kann ich es bestenfalls zum Flämmchen auf der Duftkerze domestizieren, das Feuer.) 

Adam hat sich mit Leben infiziert

Zwei Vögel, einer davon ist der "Young Phoenix" (2022) von Eckart Hahn. 
- © Copyright: Simon Veres, Courtesy: Galerie Crone, Wien

Zwei Vögel, einer davon ist der "Young Phoenix" (2022) von Eckart Hahn.

- © Copyright: Simon Veres, Courtesy: Galerie Crone, Wien

Der Mensch vertiert. Anscheinend durch direkten Kontakt mit der Natur. "Young Phoenix" (Phönix – der sagenhafte Vogel, der aus seiner Asche wiedergeboren wird): Männerhand packt ausgestopften Piepmatz und überzieht sich derweil selber mit einem maskulinen Gefieder. Warum "maskulin"? Weil es bunt ist. Und Erpel und Hähne in der Regel mehr Farbe bekennen als ihre unscheinbareren Weibchen. "Als ich den in der Hand gehalten hab, den Vogel", berichtet der Hahn, der Eckart gerufen wird und dem ein Freund Tierpräparate überlassen hat, "war das so’n Moment wie Henne und Ei." Intuitiv sind dem Greifwerkzeug Federn gesprossen. Wer ist wessen Schöpfer? Und was war vorher da – das Leben oder der Tod? Ohne Asche kein Phönix.

Durch Berührung steckt sich der nackte Affe also mit Federn an. Oder bekommt einen Ausschlag. Flecken wie ein Feuersalamander. In "Contact" übertragen sich diese grad von der Linken (hat die zuvor einen Salamander gestreichelt?) auf die Rechte (wieder die des Künstlers? – "Ja, genau"), weil der rechte Zeigefinger auf einen gelben Klecks tippt (und das macht er eindeutig nicht "platonisch" wie Gottvater in der Sixtinischen Kapelle, wenn er den Adam mit dem Leben "infiziert").

Die Augen sind die Fenster zur Seele und die ist eine unendliche Weite. Sterne funkeln in den dunklen Höhlen einer Affenfratze, zu der sich ein Seilchaos geordnet hat ("Kosmos"). Happy End hat die Schau keines. Der Ausblick auf die Apokalypse, ein Druck, versteckt sich freilich eh gschamig oben im Büro. Eine aktualisierte Version eines legendären anonymen Holzstichs, der ursprünglich 1888 als Buchillustration erschienen ist (in Camille Flammarions populärastronomischem "L’atmosphère. Météorologie populaire", und da in einem Kapitel, dessen Schlusssatz wenig erbaulich lautet: "Es ist immer noch besser die Erde zu bewohnen als den Mond"). 

Hinterm Horizont nichtet das Nichts

Die Rechte steckt sich in Eckart Hahns "Contact" (2022) bei der Linken an, damit BEIDE den tollen gelben Ausschlag haben wie ein Feuersalamander. 
- © Copyright: Simon Veres, Courtesy: Galerie Crone, Wien

Die Rechte steckt sich in Eckart Hahns "Contact" (2022) bei der Linken an, damit BEIDE den tollen gelben Ausschlag haben wie ein Feuersalamander.

- © Copyright: Simon Veres, Courtesy: Galerie Crone, Wien

In dieser heilen Käseglockenwelt (Erdscheibe unterm Glassturz – gewissermaßen) hat Eckart Hahn (Kunstgeschichte studiert hat er, nebenbei bemerkt, ebenso) den endzeitlichen Weltenbrand entfacht. Er brennt alles nieder, die pittoresken Dörfer, die idyllische Landschaft. Und sein Wanderer am Weltenrand, der sich ducken muss, weil am Horizont dieses mutmaßlich (oder vermeintlich?) mittelalterlichen Weltbildes der Himmel immer niedriger wird, der schaut, als er unterm Himmelsgewölbe hindurchschlüpft und hinter die Kulissen sieht, in eine pechschwarze Nacht, ein leeres Universum. Keinen größeren Plan entdeckt er, keine komplexe Himmelsmechanik, da draußen ist nichts anderes als absolute Finsternis, Vakuum.

"Wenn das Nichts nicht nichtet, macht das auch nichts", hat dereinst jemand gesagt. Hier nichtet es allerdings. Und das ist nimmer wurscht. Jegliche Weltflucht (beispielsweise mit Jeff Bezos‘ Flugpenis) wird als sinnlos entlarvt. Mit dem Klimawandel muss die Menschheit notgedrungen leben oder seinetwegen aussterben. Hahns desillusionierende Vision (oder streng genommen eine Analyse der Gegenwart, des Istzustands) wirft uns, wie der Künstler erklärt, zurück "auf das, was wir sind und haben".

Eine hinterfotzig bravouröse Kunst, die sich ein bissl wie dieses Ohngesicht aufführt. Nur dass sie ihre Beute nicht mit glänzendem Gold ködert, sondern mit ihren verführerischen Oberflächen die Blicke anzieht und sie sich hernach gnadenlos einverleibt. Um ihnen den Kosmos hinter der Perfektion zu zeigen, die fantastischen Geschichten, die mitunter wahrer sind, als einem lieb ist.