Haben die Weather Girls mit ihrer Wetterprognose ("It’s raining men! Hallelujah!") also doch noch recht behalten. Bewahrheiten sollte sich ihre Vorhersage allerdings erst 40 Jahre später, sprich heuer. Wenn man in der Galerie Steinek jetzt durchs Glas spechtelt (gut, nicht durch das von den Fenstern, sondern durch das von den Bilderrahmen), regnet es jedenfalls Männer.

Hat nicht bereits der René Magritte welche vom Himmel fallen lassen? Der Paradesurrealist? Und das schon 1953? In seinem Opus "Golconda"? Die haben freilich alle die gleichen Mäntel an- und Hüte aufgehabt. Und sind stocksteif in der Luft herumgehangen. Die vom Tomasz Kulka hingegen sind unbekleidet und extrem potent, folglich nur zum Teil steif. 

Eine Erektion ist jedenfalls kein Binnen-I

Badespaß: Die Seligen (oder Verdammten?) plantschen nicht nur im Wasser. Betonung auf Wasser. (Und auf plantschen.) "Blushing Slimeball Presbyter", 2022, von Tomasz Kulka. 
- © Carol Tachdjian, Courtesy: Silvia Steinek Galerie

Badespaß: Die Seligen (oder Verdammten?) plantschen nicht nur im Wasser. Betonung auf Wasser. (Und auf plantschen.) "Blushing Slimeball Presbyter", 2022, von Tomasz Kulka.

- © Carol Tachdjian, Courtesy: Silvia Steinek Galerie

Und genau genommen tropfen sie nicht auf die Erde, sie purzeln übereinander, kraxeln auf riesigen Blumen und Früchten herum, schwimmen, tauchen, ertrinken möglicherweise, baden in einer weißen Flüssigkeit (Milch? Ich fürchte: nein), spritzen ab wie die Springbrunnen (pfui!), taufen sich gegenseitig mit ihrem Sperma. Selige oder Verdammte? Oder beides? Von welcher Konfession überhaupt? Der größten Weltreligion von allen, nämlich dem Patriarchat?

Diese bummvollen Gefilde (boschartige Gärten der auto- oder homoerotischen Lüste? Mal Idylle, mal düstere Horrorwildnis?) sind heillos überbevölkert. Mit Männern eben. Tja, this is a man’s world. Kommt man bloß mit einem Penis ins Paradies (oder in die Hölle)? Weil um ein Binnen-I wird’s sich wohl eher nicht handeln. Ob die willig geöffneten Blütenkelche (in den freundlicheren Landschaften) den weiblichen Part übernehmen?

Oder tummelt sich hier etwa das generische Maskulinum ("der" Mensch) hinterm nicht industriell gefertigten Glas, das sich über die Massenszenen, über die Hybriden aus Orgie und Höllensturz wölbt? Durch die Schwerkraft übrigens wurde es im Ofen ausgebaucht und sorgt nun gemeinsam mit den ebenfalls bemalten Scheiben dahinter für eine schwebende Räumlichkeit, für eine luftig dichte "Schichtenmalerei", die aufwändigst auf einem klassischen Tafelbild aufbaut, mit diesem regelrecht organisch fusioniert. 

Der Maler hat Eier (und mischt sie in die Eitempera)

Altertümliche Eitempera (das Rezept des Künstlers: Eier, trockener Weißwein, ein bisschen Wasser, Pigmente) auf Sperrholzplatte. Und nicht zuletzt der feierliche Goldgrund (okay, kein echtes Blattgold, vielmehr Schlagmetall) verweist auf Religiöses, auf den christlichen Background des Malers, Bildhauers und Performers: "Ich stamme aus einem katholischen Land, bin in einer katholischen Familie aufgewachsen." Profan klingen die Titel der Arbeiten des Polen auch nicht gerade: "Consistory of the Soulless" (eine Versammlung der Seelenlosen?) oder "Blushing Slimeball Presbyter" (ähm, errötender Schleimer-Priester?).

Devotionalien und liturgische Gefäße für einen synkretistischen Kult: Glasierte Keramik aus Tomasz Kulkas "Golem"-Zyklus. 
- © Carol Tachdjian, Courtesy: Silvia Steinek Galerie

Devotionalien und liturgische Gefäße für einen synkretistischen Kult: Glasierte Keramik aus Tomasz Kulkas "Golem"-Zyklus.

- © Carol Tachdjian, Courtesy: Silvia Steinek Galerie

Und warum wird so exzessiv ejakuliert? "Es ist eine brutale Welt", fällt dem 1979 in Wolbrom geborenen Kulka dazu ein. "Zeugen, töten, essen, zu überleben versuchen. So stelle ich mir die letzte Woche auf der Welt vor." Verstehe. Der Endkampf ums – im textilfreisten Sinne des Wortes – nackte Überleben. "Mein Herz brennt" heißt die ganze Schau. (Ach, wie das Lied von Rammstein? Dieser Band der Neuen Deutschen Härte?)

In den Old-School-Collagen seiner Serie "Triumph and Downfall of My Lord‘s House" (Triumph und Fall des Hauses meines Herrn; analoges Ausschneiden und Aufkleben statt digitalem Copy-and-Paste) mischt er sich selbst (und selbstironisch) unters nudistische Volk. Als dessen hüllenloser Papst. Mit aufgepickter Mitra. Klont sich und formiert sich zu einem Reigen oder predigt als Drillinge.

Die Gläubigen müssen mehr Bewegung machen: Detail aus einer Collage-Serie ("Triumph and Downfall of My Lord's House") von Tomasz Kulka, der dafür die Nackedeis des Chronofotografen Eadweard Muybridge in sein Gotteshaus gelockt hat. 
- © Carol Tachdjian, Courtesy: Silvia Steinek Galerie

Die Gläubigen müssen mehr Bewegung machen: Detail aus einer Collage-Serie ("Triumph and Downfall of My Lord's House") von Tomasz Kulka, der dafür die Nackedeis des Chronofotografen Eadweard Muybridge in sein Gotteshaus gelockt hat.

- © Carol Tachdjian, Courtesy: Silvia Steinek Galerie

Und die Gläubigen? Sind nicht brav in enge Bankreihen hineingeschlichtet wie in der Kirche. Nackedeis beiderlei Geschlechts bevölkern die sichtlich sakralen Räume und "machen viele, viele Sachen miteinander" (Kulka). Sie tanzen, turnen, bauen merkwürdige Gerüste, baumeln kopfüber aufgehängt von einem Balken. Oder stehen adipös als Schwergewicht im Abseits, während daneben alle Leichtathletik machen. 

Jede Vase käme für diese Blumen zu spät

Lauter Bewegungs- und Körperstudien des Vaters der Chronofotografie, Eadweard Muybridge. (Legendär sein Pferd, das in fast filmischer Abfolge durch die Aufnahmen galoppiert und die Frage, ob es immer mit mindestens einem Huf den Boden berühren muss, endgültig beantwortet. Nein, muss es nicht. Manchmal sind sämtliche Hufe in der Luft.)

Grotesk okkulte Wimmelbilder (wo ist der Künstler und wie oft?), in die die Götzenbilder und Devotionalien aus dem "Golem"-Zyklus einfließen. Diese Keramiken wiederum, die was von afrikanischer Stammeskunst, frühgeschichtlichen Idolen oder liturgischen Gefäßen haben, bauen sich in der Galerie als Pantheon (oder Pandämonium?) eines synkretistischen Kults vor einem auf. Eines Fruchtbarkeitskults? Phallische Potenzprotze mit Mehrfacherektionen, Monsterchen mit zahnbewehrten vaginalen Öffnungen, ein vergleichsweise keuscher Kelch mit drei Beinen.

Definitiv kein Blumenstillleben: Tomasz Kulkas Pflanzengolem (links). 
- © Carol Tachdjian, Courtesy: Silvia Steinek Galerie

Definitiv kein Blumenstillleben: Tomasz Kulkas Pflanzengolem (links).

- © Carol Tachdjian, Courtesy: Silvia Steinek Galerie

Nebenan wird aus der gepflückten typisch polnischen Vegetation . . . – auf alle Fälle kein banales Wiesenblumenstillleben. Schließlich war das Ziel, "etwas Einzigartiges aus etwas sehr Gewöhnlichem" zu kreieren. Und auf dem Weg dorthin sind die getrockneten Blumen eben zu diesen kreatürlichen Objekten verwachsen, zu Pflanzenwesen, bevor über jedes ein schützender Glasdom drübergestülpt worden ist. Als wären’s heikle Reliquien von Mutter Erde oder der Heimat.

Sehr körperlich und detailreich ist Kulkas ungenierte Mischkulanz – und sogar für Atheisten geeignet.