Woran merkt man, dass Weihnachten vor der Tür steht? Ähm, man öffnet die Tür und sieht einfach nach? Aber vorher natürlich sicherheitshalber durch den Spion. (Könnte schließlich jeder dort herumlungern. Oder keiner. Und man würde die Tür völlig umsonst aufmachen.) Falsch, man läutet bei den Gerersdorfers an und schaut, was sie bei sich hängen haben. Und wenn es mit Buntstift akzentuierte Zeichnungen und Radierungen von diesem Künstler mit dem sehr blumigen Namen sind, kommt bald das Christkind. (Das Christkind? Ich hab gedacht: Weihnachten.)

Der gefiederte Typ (der mit der Zeichenfeder) heißt also wie eine Blume (Welche Blume, bitte, heißt Paul?), doch nicht wie irgendeine, sondern wie alle Blumen zusammen. Nämlich Flora. Paul ist jedenfalls sein Vorname. Oder lautet der vielmehr "der"? Zumal der Tiroler, der am 29. Juni 100 geworden wäre, seine Werke allein mit "Flora" signiert hat, schlicht "der" Flora war, ein "Der" wie Picasso. Nicht, dass auch nur die geringste Ähnlichkeit zwischen einem Picasso und einem Flora bestünde. Obwohl: Hat der Picasso nicht ebenfalls ein Faible für Vögel gehabt? (Freilich für weiße, für Friedenstauben.) 

Er hat die Raben mit Tusche gefüttert

Und alle Jahre wieder, ungefähr zur selben Zeit, wenn die ersten Christkindlmärkte und Punschstandln eröffnen und die ersten Leute einen Tinnitus haben, der "Last Christmas" in Dauerschleife singt, breitet sich nun eben die vielblättrige männliche Flora (Flora, der) in der Galerie Gerersdorfer aus, wobei die Blätter mit den Tuschezeichnungen drauf schön langsam Mangelware werden.

Nicht nur für SCHWARZE Vögel hat er ein Faible gehabt, der Paul Flora, auch für die bunten. Zwei STOLZieren, drei Ziervögel SALUTieren. Mit Buntstift kolorierte Tuschezeichnung "Parade", 1997. 
- © Galerie Gerersdorfer

Nicht nur für SCHWARZE Vögel hat er ein Faible gehabt, der Paul Flora, auch für die bunten. Zwei STOLZieren, drei Ziervögel SALUTieren. Mit Buntstift kolorierte Tuschezeichnung "Parade", 1997.

- © Galerie Gerersdorfer

Kommt ja nix Neues mehr nach seit 2009, seit der wahre Herr der Raben (nicht zu verwechseln mit diesem Wotan, der lediglich das Herrl von zwei Raben war) die Intelligenzbestien unter den Vögeln nimmer mit Tusche füttert. Mit Tusche? Ist das nicht Tierquälerei? Bloß, wenn es sich nicht um Kunst handelt. (Falls das mit dem Nicht-mehr-Füttern jetzt zu "blumig" war: Soll bedeuten, dass der Flora vor 13 Jahren gestorben ist.) Druckgrafiken sind dafür noch ausreichend vorhanden.

Die Sorge, dass die Wände nächstes Jahr "defloriert" werden könnten (von irgendeinem anderen Künstler – oder vom Grinch) und Weihnachten deshalb heuer zum allerletzten Mal stattfindet, weil statistisch bewiesen ist, dass Flora und Weihnachten ursächlich zusammenhängen (circa eineinhalb Monate nach der Vernissage brennt der Christbaum), diese Angst ist demnach gänzlich unbegründet. Außerdem erscheint nach wie vor der Flora-Kalender. Kostet 29 Euro, der für 2023.

Der scheinbar einsamste Langläufer ist doch nicht ganz allein. Theoretisch gibt's noch 199 weitere. Paul Floras Radierung (2003) hat schließlich eine Auflage von 200 Stück. 
- © Galerie Gerersdorfer

Der scheinbar einsamste Langläufer ist doch nicht ganz allein. Theoretisch gibt's noch 199 weitere. Paul Floras Radierung (2003) hat schließlich eine Auflage von 200 Stück.

- © Galerie Gerersdorfer

Was ein Flora-Kalender ist? Na, ein Adventkalender mit zwölf Blättern statt mit 24 Türchen, der die Zeit bis zur nächsten Wiederkunft Florae anzeigt. Denn Advent ist sowieso das ganze Jahr über. (Und der Flora war kein Quartalskomiker.) Elfmal umblättern (das Deckblatt mitgezählt) und es ist wieder Flora. Der Beginn der Ausstellung ist trotzdem nicht voreingetragen. Und der Dezember endet nicht mit dem 23., dem letzten Tag der Schau. 

Ist das Über-Ich ein Hendl?

Die Sujets (weder die vor Ort noch die im Kalender) sind vielleicht nicht sonderlich weihnachtlich (höchstens, dass es oft Winter ist oder Nacht, eine stille; und haben Weihnachtsengerln nicht genauso Flügel, halt keine schwarzen, wie die Raben?), beim Betrachten dieser pointierten Strichkunst, die mit zugespitzter Schärfe komische Situationen oder skurrile Charaktere rasch erfasst oder die Motive in ein dichtes Liniengeflecht regelrecht einspinnt, schmunzelt man allerdings wie ein Vanillekipferl, biegen sich die Mundwinkel nach oben wie die Enden von besagtem Nussgebäck auf dem Keksteller.

Früher einfach lustig, heute belästigt der Kasperl den armen Teufel (und ist politisch genauso inkorrekt wie der Paul Flora selbst). 
- © Galerie Gerersdorfer

Früher einfach lustig, heute belästigt der Kasperl den armen Teufel (und ist politisch genauso inkorrekt wie der Paul Flora selbst).

- © Galerie Gerersdorfer

Jö, ein Mann in Käfighaltung! Noch dazu ist der Käfig weiblich. Eine Käfig-in. Die Gitterstäbe formen zumindest einen matronenhaften Leib, dessen fleischliches Ebenbild wiederum den Gefangenen sexuell belästigt und forsch in jenen Körperteil zwickt, der mit einem gewissen Johannes korrespondieren soll. (Nasalsex?) Der Kasperl reißt den Teufel gleich überhaupt am Schwanz. Während eine Monsterhenne sich vor einem Träumer aufbaut wie ein Hendlzilla gewordenes Über-Ich, das den Eingeschüchterten locker in Grund und Boden brüten könnte: "Der schreckliche Traum vom großen weißen Huhn." Ein Arzt, der selber Hühner sein Eigen nennt, soll sich getraut haben, ein Exemplar dieser albtraumhaften Radierung käuflich zu erwerben. Ansonsten sind die potenziellen Käufer eher feig.

Auf Brust, nicht auf Keule fährt ein humanoider Rabendandy ab ("Monsieur Corbeau der Busenfreund"), der auf offener Straße Interesse am Dekolletee einer üppig mit Federn herausgeputzten Passantin bekundet. Übergriffig wird. Politisch korrekt sind Floras Love-Storys und sonstige Beziehungsgeschichten eindeutig nicht. Ist der französische Herr Rabe im liebevoll zerzausten Out-of-the-bed-Look (Tschuldigung: out of the nest) eigentlich der gemeinsame Vorfahre von Rabe und Mensch oder die nächste Evolutionsstufe des Raben (ein Corvus sapiens) – oder womöglich des Menschen? Und vor allem: Was war zuerst da: der Rabe oder das Ei (in W-ei-hnachten)? 

Menschen sind auch nur Vögel

Moment, die letzte Frage kommt mir verdammt bekannt vor. Okay, mittlerweile fällt mir halt nichts Originelles mehr zu den schwarzen, bunten und schrägen Vögeln, den feisten Tirolern, den grotesken Bewohnern des wilden Absurdistan (Österreich?) oder zu den morbid romantischen Venedig-Veduten ein, weshalb ich gezwungen bin, mich dauernd selber zu plagiieren und meine alten Sätze zu recyceln. Wie zum Beispiel den, dass zeitloser Humor nicht verjährt und ein guter Strich nicht schlecht wird.

The same Sätze as every year dagegen werden wahrscheinlich schon irgendwann fad. Keine Ahnung, wie oft ich noch schreiben kann, dass die feinen Schraffuren sich zu fulminanten Notturnos verdichten, zu Tusche- und Druckerschwärze-Nächten, oder dass die Frauen hier das dominante Geschlecht sind, lauter Dominas, die Vögel jedoch die dominante Spezies (wobei die Menschen eh auch nur Vögel sind, eitel herumgockeln), ohne dass ich mich selbst einschläfere.

Ausnahmsweise handelt es sich bei den schwarzen Vögeln nicht um Raben. Sondern um Schwäne. Paul Flora hat sie unter einem dramatischen Himmel ausgesetzt. 
- © Galerie Gerersdorfer

Ausnahmsweise handelt es sich bei den schwarzen Vögeln nicht um Raben. Sondern um Schwäne. Paul Flora hat sie unter einem dramatischen Himmel ausgesetzt.

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Oh, manches hab ich sogar noch nie in meinem Leben gesehen. Oder ist es schlichtweg dermaßen lange her, dass ich inzwischen vergessen habe, es je erblickt zu haben? Der "Fetischist, fröhlich", dem zwei Vierbeiner nachrennen (ein Sessel und ein Hocker, beide mit sexy Haxen), gehört definitiv dazu. Hat der einen Stand auf untere Extremitäten oder auf diese anale Praktik: Sitzen? (Witzig: Er steht aufs Sitzen. Steht, wohlgemerkt.) Oder es wird auf dem Papier so "herumgevögelt" (mit Vögeln hantiert), wie es mir ebenfalls noch nicht untergekommen ist. "Der schöne Vogel": Ein Schnabel und ein Finger nähern sich einander zaghaft wie die zwei Finger in der Sixtinischen Kapelle, sind kurz davor, einander zu berühren. Wer wird da wen beseelen? Der Mensch den Vogel oder, umgekehrt, der Vogel den Menschen? Ich tippe auf Zweiteres. 

Besser ein Haus auf dem Dach als im Keller

Unheimlich aktuell: die "Vergebliche Liebesmüh". Zivilist versucht, ein militantes Stehaufmännchen, einen mit Orden behangenen Stehauffizier, umzukippen, zu stürzen wie ein obsolet gewordenes Denkmal. Pazifismus ist sichtlich eine Sisyphosarbeit. Und durch ein Bild, das mir nicht neu ist, läuft der Tod als Sandwich-Man mit der ultimativ letzten schriftlichen Mahnung, warnt vor der Nichtig- und Vergänglichkeit des Seins: "All is vanity" (alles ist Eitelkeit). Zweifellos ein "Melanchomiker", dieser Flora. Und ein Nostalgiker. Es wird geritten (zur Not auf einem Vogel – VS statt PS), nicht mit dem Auto gefahren.

Penthäuschen mit Garten: Paul Floras Vision von einem Nostalgiker-Biotop auf dem Wolkenkratzerdach. 
- © Galerie Gerersdorfer

Penthäuschen mit Garten: Paul Floras Vision von einem Nostalgiker-Biotop auf dem Wolkenkratzerdach.

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Und ein bissl ist’s wie in diesem surrealen Witz, wo zwei Hochhäuser zum Lachen in den Keller gehen. Respektive sagen sie da unten was Witziges. Sagt also das eine: "Du, morgen is Weihnocht’n." Sagt das andre: "Ach, do foa i goa ned hin. Da kriegst eh nie an Parkplotz." (Hohoho!) Beim Flora steigen die Häuser zum Lustigsein aber aufs Dach. Verwunschene Penthäuschen mit Garten, verschlafene Dornröschenschlösschen dösen auf seelenlosen modernen Wolkenkratzern vor sich hin und warten bestimmt auf keinen Prinzen, der die wachküsst. Und besser ein Penthaus auf dem Dach als ein Hochhaus im Keller. Hm. Sind die Flora-Fans übrigens die Floristen? Und wie nennt man dann die Blumenbinder?