Es war einmal, obwohl es damals ja noch kein War gegeben hat, gar kein Sein, in keiner Form, geschweige denn ein Einmal, es war also einmal ein Punkt. Der war sogar kleiner als der Punkt am Ende dieses Satzes. Dabei hat noch kein Klein oder Groß existiert. Plötzlich ist diesem nulldimensionalen Objekt jedenfalls total schlecht geworden und es hat das komplette Universum, das dadurch witzigerweise überhaupt erst entstanden ist, mit Materie, Raum und Zeit vollgekotzt. So ziemlich genau das hat sich bekanntlich beim Urknall zugetragen. (Das Weltall ist Erbrochenes?)

Und 13,8 Milliarden Jahre später, nachdem die unendlichen Weiten da draußen aus einer mysteriösen Singularität "geschlüpft" sind, erzählt Katja Strunz, 1970 im saarländischen Ottweiler geboren, nun in der Galerie Krobath ihre Schöpfungsgeschichte. Wo halt ein zweidimensionales Objekt das Ursprungstrauma erleidet. 

Unheimliche Begegnung der dreidimensionalen Art

Die Fläche, die anfangs nix weiß vom Raum oder der Zeit, bricht aus ihrer Länge-mal-Breite-Welt und ihrer Passivität aus und begegnet der dritten und vierten Dimension. Hat quasi unheimliche bzw. Nahbegegnungen der drei- und vierdimensionalen Art. Wird zum Raum "deformiert", derweil die Zeit Form annimmt. Pulverbeschichtetes Stahlblech knickt die in Berlin lebende Künstlerin nämlich verhalten dynamisch in die Tiefe hinein, faltet einen Moment.

Eine Schreitende? Nicht, dass ich den Fächer im Schritt als Rock interpretieren würde. ("Are We Enfolding or Going to Unfold", 2022, pulverbeschichteter Stahl, von Katja Strunz.) 
- © Rudolf Strobl, Courtesy: Krobath Wien

Eine Schreitende? Nicht, dass ich den Fächer im Schritt als Rock interpretieren würde. ("Are We Enfolding or Going to Unfold", 2022, pulverbeschichteter Stahl, von Katja Strunz.)

- © Rudolf Strobl, Courtesy: Krobath Wien

Ein Grün und ein Rot schmiegen sich wie ein Tanzpaar aneinander, kantig elegant, auf schroffe Weise graziös, ums Eck fächert sich ein Blau zwischen zwei Schenkeln auf, eine Schreitende, die in Raum und Zeit innehält, ihren Fächer im Schritt nicht weiter auf- oder gänzlich zusammenklappt. Eine Sie? Ja. Figur, die. Der Augenblick, der auf dem Sprung in die Zukunft ist, wird im Hier und Jetzt konserviert, hängt fest zwischen dem Früher und Später, dem Vorher und Nachher. Nicht zufällig heißt die Schau "Eingeschlossene Zeit".

"Das Einfalten von Material", führt Strunz aus, "bezeichnet in meiner Arbeit metaphorisch ein Zusammenfallen von Hier und Dort, von Damals und Jetzt, eine posttraumatische Kontraktion, in der die Erfahrung des physischen Raums schwindet." Klingt höchst philosophisch. Gut, vor ihrem Kunststudium hat sie noch eines in Philosophie absolviert (nebst den Fächern Geschichte und Kunstgeschichte). Was die Zeit ist (Relativ? Geld? Das, was die Uhr anzeigt? Das, was passiert, wenn sonst nichts geschieht?), auf diese Frage finden sowieso am ehesten die Philosophen eine halbwegs befriedigende Antwort. Oder die Bierbrauer: Zeit ist das, was aus einem Gerstenkorn eine Maß Bier macht. 

Die Farbe und die Zeit verstreichen lassen

Hat Katja Strunz hier die deutsche Fahne dekonstruiert? Ein "Pulp Painting". 
- © Rudolf Strobl, Courtesy: Krobath Wien

Hat Katja Strunz hier die deutsche Fahne dekonstruiert? Ein "Pulp Painting".

- © Rudolf Strobl, Courtesy: Krobath Wien

"Are We Enfolding or Going to Unfold?", fragt daneben der Werktitel unschuldig danach, ob wir (die Menschheit?) komprimieren oder expandieren, während ein Echo des in Falten gelegten Blaus von einer Wand zurückgeworfen wird. Weil der White Cube, der ursprünglich ausgeweißelte Ausstellungsraum, nicht neutral bleibt, nicht unbeteiligt weiß. Strunz lässt in ihm Farbe und mit dieser zusammen die Zeit verstreichen. Ein Blau und ein Orange, monochrome Wandmalereien, die gleichsam die Minuten, die für ihre Herstellung aufgewendet wurden, abgespeichert haben und angeregt mit den bunten, skulpturalen Raum-Zeit-Fragmenten aus Metall kommunizieren.

Im Hinterkammerl: die "Pulp Paintings". "Pulp" wie in "Pulp Fiction", was so viel bedeutet wie Schundliteratur? Nein, wie die Pulpe in der Papiererzeugung. Dieser fasrige Brei. Den hat die Maler- und Bildhauerin geometrisch zugespitzt, zu Dreiecken, und diese sinnlich haptisch, geradezu fleischlich zu zackig abstrakten Kompositionen collagiert, die wiederum Bewegung, ein Umbiegen, räumliche Brüche suggerieren. Die plane Bildfläche wird zur illusionistischen Bühne für ein zersplittertes Raum-Zeit-Kontinuum. Strunz: "Die Formen – angelehnt an die Faltung – stehen für den Wandel in der Zeit, für die Komplexität menschlichen Daseins, das sich im Laufe der Zeit endlos auffächert. Ein- und Auffaltungen geben den Rhythmus vor."

Hm. Schwarz-Rot-Gold – die deutsche Fahne? Ein dekonstruierter Patriotismus? Fotoschnipsel machen dasselbe mit jenem Raum, der sich im Freien herumtreibt. Falten Landschaften, das Meer, den Himmel zu einem abstrakten Überall und Jederzeit. Konsequenterweise hat eine Seite in einem Katalog einen Knick. He, Eselsohren reisen in den Raum hinein! Und in die Zeit! Sind Zeitmaschinen!

Hintergründig minimalistisch.

Nichts weniger als die Raumzeit will Katja Strunz in dieser Collage komprimiert haben: "Spacetime Compression" (2022). 
- © Rudolf Strobl, Courtesy: Krobath Wien

Nichts weniger als die Raumzeit will Katja Strunz in dieser Collage komprimiert haben: "Spacetime Compression" (2022).

- © Rudolf Strobl, Courtesy: Krobath Wien