The Horror! The Horror!", skandiert Joseph Conrad in seiner Erzählung "Heart of Darkness": ein Ausruf, adressiert an die barbarischen Verbrechen der Kolonialmacht Großbritannien am Kontinent Afrika. Die von Claire Catterall, Iain Forsyth und Jane Pollard kuratierte "Horror Show!" allerdings setzt sich mit künstlerisch sublimierten Reaktionen auf den Horror auf den britischen Inseln selbst auseinander: ein mit Blut und Galle gefüllter Kelch auf 50 Jahre kreative Rebellion und subkulturell aufgeladenen Widerstand!

Zur Begrüßung der multimedialen Schau im Somerset House an der Themse hört man das hypnotische Mantra "Bela Lugosi’s Dead" der britischen Dark-Wave-Combo Bauhaus. Allmächtiger Übervater dieses mannigfaltigen Horrorladens ist wohl der 1914 zwar in Amerika geborene Autor William S. Burroughs, der aber auch einige Jahre in London gelebt und geprägt hat. In der Horrorschau wird sein Werk "Wild Boys: A Book of the Dead" gezeigt - neben einem abgemagerten David Bowie als "Diamond Dog" und Teil einer Freakshow. Bowie selbst bezeichnete sein Ziggy-Stardust-Outfit als eine Kreuzung aus Burroughs‘ Beschreibungen der "Wild Boys" und Anthony Burgess‘ literarisch tollschockendem Meilenstein "A Clockwork Orange", der 1971 von Stanley Kubrick auf die Leinwand gebracht wurde. Man stößt auf Skizzen und Drehbuchausschnitte dieses indexverdächtigen Kultfilms - und befindet sich schon im ersten Ausstellungsraum mitten im Auge des Horrors.

Turbulent geht die Welt unter

Juno Calypso: "A Dream in Green". - © Juno Calypso
Juno Calypso: "A Dream in Green". - © Juno Calypso

Die Schreckensszenarien sind grob in drei Teile geordnet: Monster, Ghost und Witch, die mit 200 Exponaten durch die obskuren und transgressiven Seiten der britischen (Jugend-)Kultur führen. Ausgangspunkt ist der Verlust blumiger Utopien mit dem Niedergang der Hippiekultur, der in den USA stets zwei zentralen Ereignissen im Jahr 1969 zugeordnet wird: dem Altamont Festival, bei dem Hells Angels als Securitys engagiert worden waren und während des Rolling-Stones-Konzerts einen Zuschauer umbrachten; und den Morden um den abstrusen Verbrecherguru Charles Manson. Das Scheitern der "Swinging Sixties" in England ging damit Hand in Hand, die Stones brachten den Verlust der Unschuld mit nach Hause. "The Horror Show!" gibt ausführliche Perspektiven auf das zynisch aufgeladene "Danach": mit einer Mischung aus Punk, Paranoia, schwarzem Humor, Industrial und Flucht nach vorne, gehüllt in Rezession, Arbeitslosigkeit, Ölpreiskrise und allgemeine Desillusionierung.

Das Somerset House hat einiges an Stoff, aus dem Albträume sind, zusammengetragen. - © Stephen Chung / Somerset House
Das Somerset House hat einiges an Stoff, aus dem Albträume sind, zusammengetragen. - © Stephen Chung / Somerset House

Warum dabei zwar unumstößliche Größen wie Cabaret Voltaire, Nurse with Wound und Coil (mit Fotos der österreichischen Fotografin Ruth Bayer) vertreten sind, den eigentlichen Begründern des Industrial-Genres Throbbing Gristle jedoch kein Altar gewidmet ist, bleibt Spekulation. Vermutlich, weil es derlei Versuche bereits an anderen Orten gegeben hat und dieses Phänomen eine eigene Ausstellung erfordern würde, die den Horror in allen Schattierungen durchdekliniert - von Throbbing Gristles Soundterror in der Londoner Death Factory über okkulte Geschlechtsmanipulation zu Mind Control und subversiven Realitätsverbiegungen.

Dafür werden J. G. Ballards dystopische Parallelwelten mit Jamie Reids Schaffen kombiniert: Letzterer erlangte Berühmtheit als Designer der mittlerweile zum Giftschrankkanon gehörenden Plattencover der Sex Pistols mit Erpresserbrief-Schrift und verunstalteter Queen. Hier allerdings wird eine seiner Zeichnungen gezeigt, bei der ein Monster boshaft auf einem Haus thront. Ebenso Platz findet die radikal-anarchistische Künstlergruppe King Mob, bei der Malcolm McLaren mitmischte, welcher als Mentor der Sex Pistols gilt und mit Vivienne Westwood die Boutique SEX auf der King‘s Road betrieb - wo sich wiederum die aufmüpfigen Youngsters zusammenrotteten.

Dokumentiert wurde diese Szene etwa von Derek Ridgers: Auf seinen Fotos zu sehen sind Frisuren, die mehr mit moderner Architektur als mit einer herkömmlichen Kopfbedeckung zu tun haben. In Clubs wie dem Batcave in Soho mischten sich Goths, Trannies und Nachtschattengewächse aller Couleur. Queere Spielarten wurden ausgereizt, lange bevor dies mainstreamtauglich wurde: in einer Mischung aus bewusst übertriebener Do-It-Yourself-Dekadenz mit dem verzweifelten Ausbruch aus gesellschaftlichen Horrorszenarien, Armut und Wahnsinn. Bei dem raffiniert arrangierten Gang durchs Horrorland mit überlebensgroßen Geisterbahnfiguren zerschmilzt das Gesicht Margaret Thatchers wie heißer Emmentaler zur Albtraumfratze. Leigh Bowery ist ebenso Teil der Schau: Der früh an Aids verstorbene Exzentriker und Performancekünstler betrieb den Londoner Szeneclub Taboo und war Muse des Malers Lucien Freud. Allroundkünstler Derek Jarman - ebenfalls dem HI-Virus zum Opfer gefallen - ist mit seiner letzten Filmarbeit "Blue" vertreten: angefertigt zu einer Zeit, in der seine Krankheit ihn bereits so gut wie blind gemacht hatte.

Der "g’fäude" Horror

Die Referenzen des Horrors verzweigen sich wie in einem überdimensionalen Rhizom. Fehlen darf in diesem Kabinett sinistrer Gestalten selbstverständlich auch nicht die schonungslose Alleininstanz der Post-Punk-Legenden The Fall, Mark E. Smith: Von ihm ist ein überraschend höflicher Brief ausgestellt, in dem der sonstige Grantscherben um die Aufnahme in die Arthur Machen Society bittet: Vor diesem Autor und Schöpfer phantastisch monströser Zwischenwelten hatte selbst Mark E. Smith Respekt.

Auch Ian Sinclair, Schriftsteller und Chronist von einem London, dessen mystische Seiten zunehmend verschwinden, ist vertreten: mit Fundstücken von seinen rituellen Streifzügen durch die Stadt. Der drapierte Horror in all seinen Varianten gibt zahlreiche Denkanstöße, die zu eigenständigen Weitererforschungen verführen, und vielleicht auch dazu - frei nach Sinclairs psychogeographischen Wanderungen -, selbst auf Pirsch zu gehen, so wie hierzulande seinerzeit Friedrich Achleitner, Literat und Doyen der österreichischen Architekturkritik: In systematischen Exkursionen graste er (nicht nur) Wien ab und war dabei stets auf der Suche nach dem, wie er es im Dialekt nannte, "G’fäuden": semantisch zwischen "verfault" und "verfehlt", also jenen ominösen Bauten und Orten, die eine zwielichtige, surrealistische Ebene durch die Wirklichkeit ziehen.

Beim Gang durch das verwinkelte Horrorhaus in London darf man sich also auch nicht wundern, wenn plötzlich der beinahe unkaputtbare Motörhead Lemmy Kilmister mit amphetaminstechendem Blick um die Ecke blitzt; und eine Etage höher auf einmal die hyperrealistische Nachbildung eines Ertrunkenen zu atmosphärischer Horrorfilmsoundkulisse im Weg liegt. Die BBC-Poltergeist-Sendung "Ghostwatch", die erstmals zu Halloween 1992 ausgestrahlt wurde, verdient auch ihren Platz: eine zeitgemäße Antwort auf Orson Welles’ "Krieg der Welten", dem "Blair Witch Project" vorausgreifend.

Das gesamte Horrorkabinett liefert viel Stoff, aus dem die Albträume sind. Wenn aber die außer Kontrolle geratene Realität den fiktionalen Horror übertrifft, dann wirkt der sichere Kunstrahmen wie ein Rettungsanker. Das megalomanische Ziel, an dem sämtliche historische Avantgardebewegungen gescheitert sind - also Leben und Kunst zu vereinen -, strebten die in "The Horror Show!" ausgestellten Künstler ohnehin nicht mehr an: Sie trauten keinen gesamtgesellschaftlichen Utopien mehr, die spätestens mit den Hippies begraben worden waren, sondern manifestierten sich viel eher in energetischen Momenten der Gegenkultur. Das hat den Troublemakern viele Gefängnisjahre erspart - und dem Rest der Welt großartige Werke und Provokationen hinterlassen.