Drago J. Prelog, das war doch der, der um seine Bilder herumgelaufen ist, oder? Der die Leere auf der Leinwand eingekreist hat. Man kann sich also durchaus ständig im Kreis bewegen und trotzdem wo ankommen. Besonders, wenn der Weg das Ziel ist. Bzw. der Umweg. Der Weg rundherum. Und der führt in dem Fall mitten hinein. In die Kunst.

In Katar muss bekanntlich wieder einmal das Runde ins Eckige, und die Mannschaft, der das am besten gelingt, hat gewonnen. In der Galerie ARTECONT wird derweil das Werk von einem gezeigt, der das Eckige umrundet hat, sein Eckiges, und darin unangefochtener Weltmeister war. Ich kenne zumindest niemanden, der es ihm gleichgetan hätte. Noch dazu mit dieser Beharrlichkeit und Ausdauer. Nicht, dass er ein notorischer "Stuben-Jogger" gewesen wäre. Er hat eh auch andere Sachen gemacht. Geschrieben zum Beispiel. (Auf seine Art.) 

Diese Leinwände sind geimpft (gegen Langeweile)

Wofür steht denn das J in seinem Namen? Für Julius. Wie in Cäsar? Richtig. Und wie Letzterer über das römische Reich geherrscht hat, hat der Prelog, dessen erster Vorname ursprünglich Karl war, bevor er sich zwecks Betonung seiner südslawischen Wurzeln in Drago umbenannt hat, sein Metier beherrscht. Seine Malerei, in der die eigentliche Protagonistin offensichtlich die Linie ist.

"Viel Musik" (2012) hat Drago J. Prelog seinen romantisch gestimmten Kreisverkehr genannt. Man beachte die verkehrsberuhigte Zone im Zentrum. 
- © HDUNZZ ., Galerie ARTECONT

"Viel Musik" (2012) hat Drago J. Prelog seinen romantisch gestimmten Kreisverkehr genannt. Man beachte die verkehrsberuhigte Zone im Zentrum.

- © HDUNZZ ., Galerie ARTECONT

Diplomierter Maler war er übrigens keiner. Hat die Akademie der bildenden Künste, wo er die Klasse von Albert Paris Gütersloh besucht hatte, lieber sozusagen "vorne ohne" verlassen. Sprich ohne Titel. Den hat man ihm dafür Jahrzehnte später verliehen. Und gleich den Professor.

Angenehm luftig und hell ist die Ausstellung. Viel Weiß. Dabei war der 2020 im 81. Lebensjahr verstorbene Künstler ein regelrechter Farbenjunkie. Hat die bunte Droge wie Heroin in eine Spritze gefüllt und, nein, sich den Stoff dann nicht etwa in die Vene gejagt. Vielmehr hat er seiner Malerei einen roten, grünen, blauen, gelben Schuss gesetzt. Sie quasi geimpft. Wogegen? Am ehesten gegen die Langeweile. Oder die Lethargie, die Trägheit. Hat dünne, haptische Linien aus dem medizinischen Verabreichungsinstrument gedrückt, Spuren hinterlassen, mit der Acrylfarbe seine kinetische Energie aufgezeichnet, während er sich "unorthodox" (Prelog) am Bildrand entlangbewegt hat. ("Ich springe, ich hopse, ich geh auch vorwärts und rückwärts.") Während er in seinem Orbit um die Malkunst herumgetänzelt ist. Per pedes. (Womit sonst, wenn nicht mit den Füßen? Schließlich war er kein Astronaut, sondern ein Artonaut. Einer, der sich im Kosmos der Kreativität herumgetrieben hat.)

Klassisches "Umlaufbild" von Drago J. Prelog. Unbunt wie jener graue Tag, der im Titel erwähnt wird. ("Alltag", 2009.) 
- © HDUNZZ ., Galerie ARTECONT

Klassisches "Umlaufbild" von Drago J. Prelog. Unbunt wie jener graue Tag, der im Titel erwähnt wird. ("Alltag", 2009.)

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Am 18. Mai 1977 ist er zum allerersten Mal in eine Umlaufbahn um eine weiße Fläche eingeschwenkt. Mit zwei Grafitstiften und schlenkernden Armen (und noch nicht mit der – nadellosen – Spritze). Und damals war sein Zentralgestirn ein Blatt Papier auf einem provisorischen Tisch (zwei Böcke plus Holzplatte). He, im Grunde ist das Sonnensystem nix anderes als ein kosmischer Kreis-, Tschuldigung: Ellipsenverkehr, nur dass jeder Planet seine eigene "Fahrspur" hat. 

Weil Titel die Arbeit mit dem Finanzamt erleichtern

Die sogenannten "Umlaufbilder" (wobei der Prelog nicht zwingend vollständig, mit sämtlichen Körperteilen, herumrennen musste, manchmal haben lediglich die oberen Extremitäten Bewegung gemacht), diese ritualisierten Bewegungsstudien (hauptsächlich welche aus den 2010er Jahren), bilden den Schwerpunkt der stimmigen Schau. Führen den Variantenreichtum vor. Wie das theoretisch Gleiche praktisch alles andere als dasselbe ist.

Wie war das Wetter zu Ostern 2015? Anscheinend ziemlich düster. Sonst würde dieses Opus vom Drago J. Prelog doch nicht "Ostern düster" heißen, oder? 
- © HDUNZZ ., Galerie ARTECONT

Wie war das Wetter zu Ostern 2015? Anscheinend ziemlich düster. Sonst würde dieses Opus vom Drago J. Prelog doch nicht "Ostern düster" heißen, oder?

- © HDUNZZ ., Galerie ARTECONT

Auf der aufgespachtelten Grundstimmung, die immer wieder aufreißt, bis tiefere Farbschichten hervorlugen, verdichten sich die dynamischen Linien zu einem Nest für die Stille, ziehen sie ihre Kreise gleichsam um die innere Ruhe der Action. Das Auge des Drehwurms starrt einen geradezu hypnotisierend an. Wie die Transzendenz höchstpersönlich. Ein stummes Om im Zentrum der Hektik. Ein mystisches Dort, umzingelt vom rastlosen Hier und Jetzt. Die schier magische Leere in der Bildmitte (Platz für eigene Notizen der Fantasie?) saugt die Blicke förmlich ein. Leere ist freilich relativ. Ist nicht nichts. Hat da nämlich nicht selten Struktur. Eine lebendige Oberfläche. Oder alles scheint sich in weißes Licht aufzulösen.

Die Titel sind dagegen weniger erhellend. Sind ziemlich rätselhaft. "Kaiserwetter", "Ostern düster", "Kurz entschlossen". Ein zartrosa gestimmtes Opus verheißt gar "Viel Musik". Hm. Ist es im Zentrum der Musik nicht ebenfalls still? Früher war es das jedenfalls. Als sie noch auf CDs gebrannt worden ist. Und die haben bekanntlich in der Mitte ein Loch. "Titel erleichtern die Arbeit mit dem Galeristen", hat mir der Prelog einmal erklärt. Nachsatz: "Und mit dem Finanzamt." Drum gibt er seinen Bildern welche. Und die (die Titel, nicht die Bilder, die ja üblicherweise abstrakt sind) handeln nun halt vom Wetter oder irgendwas Aktuellem, das der 1939 im heute slowenischen Celje Geborene, der in der Steiermark aufgewachsen ist und zuletzt in Wien gewohnt hat, aufgeschnappt hat. Oder sind autobiografisch. Verraten, wer zu Besuch gekommen ist. Zeugen vom Humor ihres Verfassers. 

Das Bild als Durchzugsstraße

Die Galeriehomepage verspricht eine Retrospektive. Vielleicht ein bissl großspurig. Obwohl: Zurückgeblickt wird ja. Zwar nicht vor die Jahrtausendwende (mit ganz wenigen Ausnahmen), doch immerhin.

Die Farbe ist nur auf der Durchreise. Zumindest die, die der Drago J. Prelog aus der Spritze gedrückt hat. "Arktisch" (2011) - ein "Verkehrsbild". 
- © HDUNZZ ., Galerie ARTECONT

Die Farbe ist nur auf der Durchreise. Zumindest die, die der Drago J. Prelog aus der Spritze gedrückt hat. "Arktisch" (2011) - ein "Verkehrsbild".

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Außerdem sind die "Umlaufbilder" erstens sowieso Prelogs wahrscheinlich originellste und bemerkenswerteste Schöpfung (nebst seinem "Persönlichen Alphabet", das er aber letztlich ohnehin aus ebendiesen Umläufen entwickelt hat), und zweitens kriegen sie Verstärkung durch eins der rasanten "Verkehrsbilder", wo die Spritze horizontal durchs Bild geflitzt ist (ihre Fährte erinnert an die zu Lichtstreifen abstrahierten Autoscheinwerfer in nächtlichen Langzeitbelichtungen; man kann nahezu den Dopplereffekt des vorbeisausenden Durchzugsverkehrs hören, dieses Iiiiumm).

Sogar eine "Prelografie" aus den frühen 1990ern leistet ihnen Gesellschaft, diese Schablonentechnik zur Erzeugung einer echsischen Farbhaut, eines schuppigen Reliefs als Hommage an die dazumal in Mode gewesenen Reptilmuster. ("Es reizte mich, dieser trivialen Erscheinung in meiner Malerei Tribut zu zollen.") Und das Skripturale nicht zu vergessen. Zeugnisse von Prelogs intensiver, wenn nicht intimer Beziehung zur Schrift.

Reptilisch: "Grüne Schuppen" (1992), hergestellt in einer Schablonentechnik, die Drago J. Prelog bescheiden als "Prelographie" bezeichnet. (Wenn man dieses Bild häutet, kann man sich aus der Farbhaut dann eine Tasche machen? Wahrscheinlich nicht.) 
- © HDUNZZ ., Galerie ARTECONT

Reptilisch: "Grüne Schuppen" (1992), hergestellt in einer Schablonentechnik, die Drago J. Prelog bescheiden als "Prelographie" bezeichnet. (Wenn man dieses Bild häutet, kann man sich aus der Farbhaut dann eine Tasche machen? Wahrscheinlich nicht.)

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Martin Luther soll vor 500 Jahren für die Übersetzung des Neuen Testaments aus dem Altgriechischen ins Frühneuhochdeutsche elf Wochen gebraucht haben, Drago J. Prelog ("Schrift ist mein Thema, meine Obsession") hat vor knapp 65 Jahren innerhalb von sechs Wochen den kompletten Koran, okay: abgeschrieben. Und nicht einmal die arabische Originalfassung, bloß die deutsche Übersetzung. Allerdings hat er es in einer eigenen Geheimschrift getan. 

Entdecker des anderen G-Punkts

Das Alphabet hat er, der an der Wiener Kunstakademie Schrift und Schriftgestaltung unterrichtet hat, überhaupt sehr persönlich genommen. Hat sich eins aus den Umlaufbildern kreiert, aus Rudimenten davon. Und im Zuge dessen den G-Punkt entdeckt. In der Mitte von einem O (oh, là, là). Sein kleiner Unterschied war eben nicht der zwischen den Geschlechtern, sondern der zwischen seinem O und seinem G. Ein diakritisches Zeichen.

Zu sehen? Respektive zu lesen? Nein. Höchstens, wenn man in der "gemalten Biographie" (Bibliothek der Provinz) blättert. Beginnend mit 1959 (allererste Ausstellung, Galerie "Zum Roten Apfel" in Wien), hat der Prelog da bis 2019 Jahr für Jahr eine prägende (oder prägnante) Bildidee, eine "Bildidee des Jahres" gekürt und erneut gemalt. Hat die Leinwand mit einem Nasenspitzerl versehen. Witzig sein Picasso auf Seite 179: Eine Collage aus einer Spielkarte und einem bildwürdigen o (Tusche und Acryl, die unterm Pik-Ass verbissen um eine kreisrunde Mitte rotieren, als wär’s in Wirklichkeit das Götzzitat, das sie dem Betrachter/der Betrachterin mitteilen wollen). Dazu der lapidare Kommentar am unteren Ende der Buchseite: "Buchstaben als Bildmotiv sind ein unerschöpfliches Thema."

Nichts als Schrift im Kopf: Skripturales mit dem kryptischen Titel "H-Ms Trainingseinheiten" (1998) von Drago J. Prelog. 
- © HDUNZZ ., Galerie ARTECONT

Nichts als Schrift im Kopf: Skripturales mit dem kryptischen Titel "H-Ms Trainingseinheiten" (1998) von Drago J. Prelog.

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Deutlich geschrieben und dennoch unleserlich, doch auf Anhieb als Schriftstück zu entziffern (und das im Original): die meditativen Stricherllisten, Stricherllitaneien, die keine Botschaft außer sich selbst und ihren Rhythmus haben. Und wenn er die Stricherln im Kreis herumjagt, der Prelog? Ein "Rundschreiben" (1984), was sonst? Dieser Bildtitel ergibt sofort Sinn.

Ikonische Andachtsbilder von einem, der sein Konzept mit vollem Körpereinsatz und taktilen Reizen konsequent zum Leben und zur Sinnlichkeit erweckt hat.

Drago J. Prelog schickt seine Stricherlschrift im Kreis, ergo ist das ein "Rundschreiben" (1984). 
- © HDUNZZ ., Galerie ARTECONT

Drago J. Prelog schickt seine Stricherlschrift im Kreis, ergo ist das ein "Rundschreiben" (1984).

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