Nach ersten Versuchen Oswald Oberhubers die vergessene Wiener Avantgarde ab 1970 wieder ins Gedächtnis zurückzubringen und einer Schau 1988/89 an der Angewandten über Friedl Dicker-Brandeis (1898 bis 1944) und Franz Singer (1896 bis 1954), beleuchtet nun das kuratorische Team Katharina Hövelmann, Andreas Nierhaus und Georg Schrom gemeinsam mit dem Bauhaus Archiv endlich ausführlich die Aktivitäten der beiden in Wien im Musa. Dem gehen nicht nur intensive Forschungen, sondern auch die biografische Schau aus dem Archiv der Universität für angewandte Kunst zu Friedl Dicker voraus, die ihre experimentelle multimediale Arbeitsweise an Hand rezenter Forschungsergebnisse noch bis 26. November präsentiert.

Schicke Avantgarde

Die Ausstellung im Musa startet mit dem Phantasus-Baukasten und dem methodischen Schwerpunkt eines spielerischen Zugangs der Avantgarde, aber auch der pädagogisch-reformerischen Ausrichtung der beiden Protagonisten. Der Baukasten wurde am Bauhaus in der Klasse von Johannes Itten konzipiert. Nun gibt es ihn für Kinder zum Ausprobieren im Vorraum, nachgebaut von Architekt Schrom, der als Nachfahre der Wiener Ateliergemeinschaft entscheidender Leihgeber von Zeichnungen, Modellen und Möbeln ist. Er passte die ganze Präsentation im abgedunkelten Raum der orthogonalen Ästhetik des Wiener Bauhaus-Ablegers an.

Die Collage aus 1930 zeigt Friedl Dicker beim Zeichnen. - © Privatbesitz / Musa
Die Collage aus 1930 zeigt Friedl Dicker beim Zeichnen. - © Privatbesitz / Musa

Diese Gruppe studierte schon während des Ersten Weltkriegs in der Wiener Privatschule des Schweizer Malers und Reformers Johannes Itten und sie folgte ihm 1919 nach seiner Berufung ans neugegründete Bauhaus in Weimar. Gegen die etwa 20 Personen umfassende Gruppe Wiener Studierender regte sich dort leider bald Widerstand, denn sie galten nicht nur als "Ausländer", viele kamen aus gegenüber der Moderne aufgeschlossenen jüdischen Familien.

Briefe von und an Walter Gropius überliefern den Antisemitismus an der Einrichtung, die bald selbst Opfer der Politik wurde. Trotzdem sollte Dicker und Singer die Aufbruchsstimmung der frühen Jahre lebenslang lenken. Dazu haben sich im Bauhaus die textilen Aktivitäten Dickers erhalten, die an der Wiener Kunstgewerbeschule in der Textilklasse noch zu wenig Entfaltungsmöglichkeit sah. Daneben ist die Buchkunst ihrer Freundin Annie Wottitz wichtig, auch einige abstrakte Gemälde, Plakate für Theater und die Kohle-Aktzeichnungen von ihr und Singer. Die kubistischen Stilanklänge erinnern an ihren Meister Itten. Doch auch die revolutionäre Kunst der russischen Avantgarde spielt mit hinein, vor allem bei Fotos und Fotocollage.

Nach diesem ersten Kapitel folgt die kurze Arbeitsgemeinschaft in den Werkstätten bildender Kunst in Berlin und danach das zentrale Thema des Wiener Ateliers von Dicker und Singer ab 1925. Man bediente auf der einen Seite einen elitären Kundenkreis wie die Familie Auersberg mit dem Schick der Avantgarde, auf der anderen wirkte man im Roten Wien an sozialen Reformplänen mit und stattete vor allem Kindergärten aus. Das viele ambitionierte Studierende der Technischen Universität umfassende Büro pflegte "Das moderne Wohnprinzip" mit klapp- und stapelbaren Möbeln, Klassikern der Einbauschränke, teils aus Holz, aber auch Stahlrohr und Sperrholz war wesentlich.

Aufgrund einer neuen Wahrhaftigkeit des Einblicks in Räume warb das Atelier mit bunten Axonometrie-Plänen, die man den Kunden zur Erläuterung vorlegte. Der "Militärriss" mit Einblick durch die ausgeklappte Decke ist bis heute attraktiv, die Farbe war wohl Dickers Invention und das Möbeldesign kam vom auch als Tischler ausgebildeten Singer.

Kontakte mit Adolf Loos und dem Schönbergkreis waren wesentlich, Bruno Pollak hatte Erfolg mit einem stapelbaren Stahlrohrstuhl. Doch die politischen Verhältnisse zwangen die Kommunistin Dicker 1933 nach Prag auszuwandern, von wo sie 1942 mit ihrem Mann Pavel Brandeis ins Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt wurde. Dicker gab dort den Kindern Zeichenunterricht, die Werke sind in einem Film dokumentiert. 1944 wurde sie in Auschwitz ermordet.

Franz Singer ging 1934 nach London, das Wiener Atelier wurde 1938 aufgelöst.