"Sie ist ja ka Malerin", meint ihr Galerist, der Hubert Winter. Sondern? "Das ist konzeptuell zu sehen." Gemalt hat die Mary Ellen Carroll ihre Bilder aber trotzdem. (Bis auf die Fotos natürlich. Die hat sie . . . fotografiert.) Und sie schauen nicht einmal schlecht aus. Es ist allerdings kompliziert. Konzeptuell eben.

Und irgendwie dialektisch. Das macht bereits die zwiespältige Neonschrift auf der Auslagenscheibe klar: "WHICH IS NOT IS WHICH IS NOT IS" in ringförmiger Endlosschleife (der Kreis: bekanntlich eine Form ohne Anfang und Ende), und abwechselnd leuchtet "WHICH IS" oder "NOT IS" auf, und dann wieder beides gleichzeitig. Was ist überhaupt? Oder ist nicht? Sein oder Nichtsein, das ist also schon wieder die Frage. 

Ist der Tisch zu lang für die vielen Teller?

Der Ausstellungstitel ist es jedenfalls nicht, dieses "WHICH IS NOT IS", das für die Schau förmlich Reklame macht. Der lautet nämlich "Their Table is Too Long (il loro tavolo è troppo lungo)". Wer sind "die", deren Tisch zu lang ist? Und welcher "Tisch" eigentlich? Stehen tut zumindest keiner da. Eine Metapher offenbar. Wie die mit dem vollen Boot. Ach, und irgendwer hat nun halt in den Augen von jemand anderem einen zu langen Tisch und lädt einfach zu viele Menschen zum Essen ein? Oder sind "die" die "Drüberen", die vom anderen Ufer des Mittelmeers? Und wer am fernen Ende des Tisches sitzt, für den reichen die Teller nimmer?

"WHICH IS NOT IS WHICH IS NOT IS" in Endlosschleife: "SPECIAL, SUPER SEEING" heißt Mary Ellen Carrolls dialektische Neonarbeit. 
- © SIMON VERES, Courtesy: Mary Ellen Carroll und Galerie Hubert Winter

"WHICH IS NOT IS WHICH IS NOT IS" in Endlosschleife: "SPECIAL, SUPER SEEING" heißt Mary Ellen Carrolls dialektische Neonarbeit.

- © SIMON VERES, Courtesy: Mary Ellen Carroll und Galerie Hubert Winter

Und warum ist der Titel zweisprachig? Weshalb hat die in New York lebende "Nicht-Malerin" ihn ins Italienische übersetzt? Vermutlich, weil alle hier präsentierten Arbeiten in Rom entstanden sind. Im Rahmen einer Residency, nachdem Carroll den Cynthia-Hazen-Polsky-und-Leon-Polsky-Preis der American Academy gewonnen hatte. 

Der Zaun wird eh von der Nacht gefressen

Insgeheim sind die mutmaßlich (oder eher vermeintlich) abstrakten Gemälde ja alles andere als weltfremd. Sie sind sogar überaus realistisch. Migration, Grenzen, Abschottung. (Die Galerie Winter verfügt selbstverständlich über eine Tür zwischen dem Draußen und Drinnen, zwischen dem öffentlichen Raum und jenem, der Öffnungszeiten hat.)

Nicht nur von der Datierung her aktuell, auch thematisch: "est/ovest (east/west), sotto/sopra (under/over)" von Mary Ellen Carroll. Zäune. Technik: Bitumen und Silber auf Leinen. 
- © SIMON VERES, Courtesy: Mary Ellen Carroll und Galerie Hubert Winter

Nicht nur von der Datierung her aktuell, auch thematisch: "est/ovest (east/west), sotto/sopra (under/over)" von Mary Ellen Carroll. Zäune. Technik: Bitumen und Silber auf Leinen.

- © SIMON VERES, Courtesy: Mary Ellen Carroll und Galerie Hubert Winter

Bitumen und Silber auf Leinen (interessante Technik): Zwischen Gitterstäben aus einem pechschwarzen Erdölprodukt schimmert das Silber verheißungsvoll. Und Zeit und Luft malen mit, sind Carrolls Assistentinnen. Weil nach und nach wird das Silber oxidieren, sich langsam schwärzen. Das herumschwirrende Schwefeldioxid wird den Grenzzaun vielleicht nicht gänzlich wegzaubern können, sich freilich redlich bemühen (und die Malerei sich immer mehr "entgrenzen"). Ein Work in progress, gewissermaßen. Beschaulich spannende Prozesskunst. Wobei die Spannung im Versprechen liegt, dass etwas passieren wird. (Wenn die Chemie stimmt.) Doch will man das wirklich? Ist nachher nicht bloß der Hoffnungsschimmer weg (wenn er von der Dunkelheit verschluckt, das Bild ein Nachtstück wird)?

Ikonisch streng paaren sich die Gegensätze in der "Kapelle" hinten, im Hinterkammerl, zu einem Diptychon. Zu einer Dichotomie, einer dualen Zweisamkeit. Addieren, ergänzen sich zu einem Quadrat wie Yin und Yang zum Kreis. Links die absorbierende Finsternis, rechts ein mystisches Licht, wie es vom klassischen Goldgrund auf sakralen Tafelbildern feierlich abgestrahlt wird. Nacht und Tag, Hölle und Paradies. Oder schlicht Bitumen und Silber. Und der Werktitel, der beteuert, dass "es", was auch immer, "so gewesen" ist? ("é stato così (it was like that).") Ist von Natalia Ginzburgs gleichnamigem Roman geborgt, wo eine Frau ihren Mann umbringt und die Vorgeschichte Revue passieren lässt. So ist es gewesen – abstrakte Kunst lügt nicht. Kann sie das denn? Oder ist sie "das einzig Wahre"? 

Armee der blauen Flecken

Dass es sich bei den seriellen blauen Flecken (wieder nebenan im Hauptraum) um keine simple Meditations- und Konzentrationsübung handelt, sondern um Realitätsfragmente, das deuten nicht zuletzt die Titel der Gouachen an: "Lampedusa", "Malta", "Palermo". Allesamt Ankunftsorte von Bootsflüchtlingen.

Ortsbezogener Pointillismus: "Malta" (links) und "Palermo" (rechts). Gemalt hat die Gouachen wieder Mary Ellen Carroll. 
- © SIMON VERES, Courtesy: Mary Ellen Carroll und Galerie Hubert Winter

Ortsbezogener Pointillismus: "Malta" (links) und "Palermo" (rechts). Gemalt hat die Gouachen wieder Mary Ellen Carroll.

- © SIMON VERES, Courtesy: Mary Ellen Carroll und Galerie Hubert Winter

Und was hat es jetzt mit der "Fleckenarmee" auf sich, die auf dem Aquarellpapier in einem All-over aufmarschiert und dabei als Negativform ein weißes Raster erzeugt? Die Lücken in Absperrungen aus Plastik sind das. Hm. Ein zerstückeltes Sehnsuchtsblau? Proben vom Himmel über den jeweiligen Lokalitäten? Der Betrachter wird zum Zaungast. ("Unempfindlich gegen Sonnenlicht und schlechtes Wetter", preist ein Anbieter solcher Einfriedungen sein Produkt im Internet an. Und unempfindlich gegen illegale Einwanderung?) 

Gott-, aber nicht Radio-Vatikan-verlassen

Auf den Schwarzweiß-Fotografien: Jö, eine Mauer! Gegen unbefugtes Betreten. Dahinter: Radio Vatikan. Exterritoriales Gebiet des Heiligen Stuhls. ("Santa Sede – centro radio di S. Maria di Galeria" ist über dem "Tor mit Seitenteilen" zu lesen.) Eine unheimliche, fast endzeitliche Atmosphäre mit Sendemast. Carroll, die einmal 48 Stunden lang das CIA-Hauptquartier in Langley aus der Ferne gefilmt hat (um ihren Monumentalspionagefilm danach im Kino vorzuführen), hat die Masten geradezu durch die Landschaft verfolgt.

Unwirklich menschen- und autoleer. Und die Funkwellen sind ja unsichtbar. Eine gott-, aber nicht Radio-Vatikan-verlassene Gegend. Die einzigen Exemplare der Spezies Homo sapiens sind der Papst (auf einem Porträt an der Wand eines Büros, in das es die Künstlerin hineingeschafft hat) und – die Frau hinter der Kamera.

Die Fotos der Serie "FM" (über Radio Vatikan) führen einen direkt in den "Andachtsraum", wo das Diptychon "é stato così (it was like that)" zur Kontemplation einlädt. Lauter Carrolls. 
- © SIMON VERES, Courtesy: Mary Ellen Carroll und Galerie Hubert Winter

Die Fotos der Serie "FM" (über Radio Vatikan) führen einen direkt in den "Andachtsraum", wo das Diptychon "é stato così (it was like that)" zur Kontemplation einlädt. Lauter Carrolls.

- © SIMON VERES, Courtesy: Mary Ellen Carroll und Galerie Hubert Winter

Überall Bezüge, Anspielungen, Zitate. Ideen, getarnt als sperriger Minimalismus (okay, Zäune sind sperrig). Oder könnte es genau umgekehrt sein? Tun "ungegenständliche" Bilder, die gut als solche funktionieren, so, als wären sie reines Konzept? Ist das Kunst oder muss man das verstehen? (Müssen tut man gar nix.)