Ihre Karriere startet, wie es sich viele Künstler ihr Leben lang erträumen: nämlich als Einspringerin. Die Wienerin Ottilie Helene Angela Godeffroy (1880-1971) ersetzt den gefeierten Star Gertrud Eysoldt (1870-1955) in Oscar Wildes Stück "Salome" in Berlin bei Max Reinhardts Deutschem Theater und brilliert in der Hauptrolle. Es wird die Geburtsstunde der legendären Bühnenfigur Tilla Durieux sein, die später zu einer Zeitzeugin und zu einem Role Model wird. Deshalb widmet ihr das Leopold Museum im zweiten Untergeschoss unter dem Titel "Tilla Durieux. Eine Jahrhundertzeugin und ihre Rollen" die Präsentation einer umfassenden Kunstsammlung mit rund 233 Werken, darunter 14 Gemälde, 81 Arbeiten auf Papier und 84 Fotografien. Durieux war wohl eine der meist abgebildeten Frauen ihrer Zeit.

Schon beim Eingang zur Ausstellung wird man von einem der wohl der bekanntesten Porträts der Künstlerin empfangen: einer Großaufnahme mit dem damals typischen Theater-Kopfschmuck. Sie wäre keine Schönheit gewesen, liest man immer wieder in Zitaten, doch gerade dieses Bild zeigt so viel mehr: Ein ungemein ausdrucksstarkes Gesicht, das auf zahlreichen Porträts bedeutender Künstler dieser Epoche immer wieder neu erscheint. Dabei soll sie die Porträtmalerei gar nicht gemocht haben, am ehesten nach von weiblichen Künstlerinnen.

1914 malte Auguste Renoir die Schauspielerin. - © The Metropolitan Museum of Art, Bequest of Stephen C. Clark, 1960
1914 malte Auguste Renoir die Schauspielerin. - © The Metropolitan Museum of Art, Bequest of Stephen C. Clark, 1960

Es war bereits ihr erster Ehemann Eugen Spiro (1874-1972), der als Grafiker und Maler seine Frau im privaten Umfeld oftmals porträtierte. Ihr zweiter Mann, der Kunsthändler und Verleger Paul Cassirer, führte sie nicht nur in die Berliner Künstlerkreise ein, sondern gab auch zahlreiche Porträts in Auftrag: Ihre Sitzung für das 1914 entstandene Bild von Auguste Renoir ist auch fotografisch dokumentiert, Max Slevogt, Lovis Corinth, Franz von Stuck und Max Oppenheimer schufen ebenfalls eindrucksvolle Bildnisse. Ernst Barlach fertigte gleich vier Büsten von ihr an. Ein Gemälde von Oskar Kokoschka konnte jedoch nicht für die Ausstellung gewonnen werden.

Moderne Frau

In den 1920er Jahren wurde sie aufgrund ihrer Schauspielerfolge zu einer Person des öffentlichen Lebens: Charley Toorop, Martel Schwichtenberg oder die Fotografinnen Lotte Jacobi und Frieda Riess befassten sich mit Durieux als Vertreterin eines modernisierten Frauenbildes. Zeichnungen von Felix Albrecht Harta zeigen die Wandelbarkeit der Schauspielerin, die auch politisch aktiv war. Anlässlich ihres 65-jährigen Bühnenjubiläums stiftete sie den Tilla-Durieux-Schmuck, der alle zehn Jahre einer Künstlerin verliehen wird.

Über ihr Zürcher Exil im Ersten Weltkrieg, die Wirren der Münchner Räterepublik, ihre abenteuerliche Flucht 1933 direkt vor dem Schlussapplaus einer Vorstellung nach Prag oder ihre Beteiligung am Widerstand sowie über ihre zahlreichen Theater- und Filmarbeiten würde man sich eine tiefergehende Auseinandersetzung wünschen, aber es ist eben eine "Kunstsammlung".