Wirklich heavy, was die da macht, die Nevin Aladağ. Heavy Metal. Ihre Noten schlagen jedenfalls wie Kanonenkugeln im Showroom der Galerie Krinzinger ein. Na ja, es sind Kanonenkugeln. Aber ich will jetzt nicht gleich zu Beginn das Ende dieser sehr musikalischen (und körperlichen) Ausstellung verraten. Nur so viel (Spoileralarm!): Kein einziger Spatz kam zu Schaden. Auf diese Vogerln schießt man doch angeblich gern mit Kanonen, oder?

Nicht, dass die 1972 in der Türkei geborene und mittlerweile in Berlin weilende Installations- und Performancekünstlerin (noch einmal Spoileralarm) das getan hätte. Oder überhaupt eine Kanone besäße, mit der sie das tun hätte können. Selbst die Kugeln sind eigentlich nicht echt. Sondern bloß Abgüsse von den Originalen aus dem 17. Jahrhundert. Und bei der Technik "Kanonenkugeln in Wand" (Betonung auf "in") hat die studierte Bildhauerin und nunmehrige Professorin für Skulptur in Bewegung an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden ebenfalls ein bissl geschummelt. Keine Wand wurde während des Aufbaus der Schau beschädigt. Nicht ernsthaft zumindest. 

Der Weltfrieden bleibt auf dem Teppich

So. Schluss. Aus. Bevor niemand mehr weiterliest, weil alle sowieso schon wissen, wie’s ausgeht. Anfangs ist auf alle Fälle noch alles friedlich. Auf zwei Teppichen herrscht geradezu Weltfrieden. Teppiche: Diese Dinger, auf denen man gemeinhin herumtrampelt, weil sie sich einem dauernd kriecherisch vor die Füße werfen. Allerdings sind sie hier vor den "Trampeltieren" in Sicherheit gebracht, an die Wand entrückt worden.

Teppichfragmente, von Nevin Aladağ zu "Social Fabrics" (2022) vereint. Multikulti-Collagen. 
- © Carmen Alber, Courtesy: Galerie Krinzinger und Nevin Aladag

Teppichfragmente, von Nevin Aladağ zu "Social Fabrics" (2022) vereint. Multikulti-Collagen.

- © Carmen Alber, Courtesy: Galerie Krinzinger und Nevin Aladag

Patchworkartige Collagen. Handgeknüpftes und Massenware in spannungsreich harmonischer Koexistenz. Denn zusammen ergeben die Teppichfleckerln unterschiedlichster Herkunft, einträchtig vereint, ein neues Muster, ein versöhnliches Ornament. Das eine organischer, das andere streng geometrisch. Und beide "Social Fabrics" erinnern mit ihren schwarzen Trenn- bzw. Verbindungslinien entfernt an Tiffany-Lampenschirme, wo die einzelnen bunten Glasstückchen mit charakteristisch patinierten Lötnähten eingefasst sind. Oder an Kirchenfenster.

Die abstrakte Allegorie einer idealen multikulturellen Gesellschaft? Obwohl eine Allegorie laut Online-Duden ein "(personifizierendes) rational fassbares Bild als Darstellung eines abstrakten Begriffs" ist? (Personifizierend, wohlgemerkt.) Und warum sind die Teppiche rund? Eine Anspielung auf den sogenannten Erdkreis? Also tatsächlich irgendwas mit Weltfrieden? Hintergründig dekorativ. 

Zur Not könnte man das als Aschenbecher verwenden

Als insgeheim figurativ entpuppt sich schließlich die Kletterwand. (Eine andere Version ist am Robert-Koch-Institut in Berlin permanent installiert.) Vielleicht hätte man ein Warnschild anbringen sollen: "Bitte nicht benutzen. Nicht einmal auf eigene Gefahr." Die farbigen Griffe sind nämlich gar keine Aufstiegshilfen. Höchstens für den Blick. Und während der so hochkraxelt, erkennt er . . . nichts. Und plötzlich: Äh, ist das ein zerknautschter Aschenbecher? Nein, irgendein Körperteil. Das dort drüben ist dafür eindeutig eine Faust. Und da: ein Fuß. Weil Aladağ die Physis zerstückelt (nicht mit der Säge natürlich) und die Fragmente lose über die weiße Galeriewand verteilt hat.

Kletterwand? Die "Griffe" sind überraschend "human" (nämlich Abdrücke von menschlichen Körperteilen) und aus Meissener Porzellan. "Leaning Wall" (2015) von Nevin Aladağ. 
- © Carmen Alber, Courtesy: Galerie Krinzinger und Nevin Aladag

Kletterwand? Die "Griffe" sind überraschend "human" (nämlich Abdrücke von menschlichen Körperteilen) und aus Meissener Porzellan. "Leaning Wall" (2015) von Nevin Aladağ.

- © Carmen Alber, Courtesy: Galerie Krinzinger und Nevin Aladag

Oder genau genommen sind das Teilabdrücke von Leibern beiderlei Geschlechts. Was sich vom Fleisch und den Knochen in die noch feuchte keramische Substanz eingeprägt hat. Edles Meissener Porzellan übrigens. Ich-war-da-Signaturen? Jö, ein Gesicht! (Stirn und Nase.) Da ist wer ins Porzellan regelrecht hineingeköpfelt.

Der Titel von Nevin Aladağs Serie verrät schon, woher die Dellen im Kupferblech stammen: "Stiletto" (2017). Hier wurde mit High-Heels zum Song "Yaow" von Baauer getanzt. 
- © Daniela Kohl, Courtesy: Galerie Krinzinger und Nevin Aladag

Der Titel von Nevin Aladağs Serie verrät schon, woher die Dellen im Kupferblech stammen: "Stiletto" (2017). Hier wurde mit High-Heels zum Song "Yaow" von Baauer getanzt.

- © Daniela Kohl, Courtesy: Galerie Krinzinger und Nevin Aladag

Und die Kupferplatten? Verdanken ihre "Cellulite" einer unorthodoxen Technik: Absatzabdruck auf Kupfer. Tänzerinnen mit High-Heels und Kopfhörern, die haben diese kleinen Dellen gemacht. 2017. Bei einer Live-Performance auf der Biennale in Venedig. Als sie das klassische Material für Kupferstiche und Radierungen als Tanzfläche benutzt und sich zu verschiedenen (allein für sie hörbaren) Songs bewegt haben. Mit dem Stöckel haben sie das auf dem Boden liegende Blech folglich bearbeitet. Stiletto statt Stichel.

Albrecht Dürer soll für die Herstellung seines berühmten Stichs "Ritter, Tod und Teufel" Monate gebraucht haben, mehr als ein Vierteljahr, Aladağs Performerinnen waren mit ihrem Quadratmeter bereits nach Minuten fertig. "Yaow" von einem gewissen Baauer war eine Sache von zwei Minuten und zehn Sekunden, der Synthie-Pop-Hit "Enjoy the Silence" von Depeche Mode nach sechs Minuten ins Metall gehämmert. Druckerschwärze war keine mehr vonnöten für die Vervollkommnung der visualisierten Rhythmen. Alles Unikate. Eckige Schallplatten, stumme Tonträger. Ein aktionistischer Pointillismus? Der Mensch und die Zeit hinterlassen ihre Spuren. Konzeptuell originell. Oder umgekehrt: originell konzeptuell? 

Die Haare machen wieder ein Theater

Weiter hinten: haarige Angelegenheiten. Theatralische Frisuren üben offenbar in ihren handlichen Proberäumen für den großen Auftritt. Im selben Jahr, 2012, in dem diese Objektkästchen entstanden sind ("Rehearsal" = Probe), wo sich glattes, rotes Kunsthaar zum offenen Theatervorhang scheitelt, mit Spangerln auseinandergehalten wird (oder sich ein brauner Haarvorhang zu Zopferln flicht), hat noch längeres Haar, quasi Rapunzelhaar, auf einer imposanteren, weil begehbaren Bühne (in den Räumlichkeiten des Istanbuler Arter) eine Vorstellung als Vorhang gegeben. Unter dem Serientitel "Stage" (Bühne). Auch im Kleinformat überaus sinnlich. Dass man mit den Fingern durchfahren möchte.

Der Vorhang hat die Haare schön: Frisiert hat ihn Nevin Aladağ für ihre stark behaarte "Rehearsal"-Serie (2012). 
- © Daniela Kohl, Courtesy: Galerie Krinzinger und Nevin Aladag

Der Vorhang hat die Haare schön: Frisiert hat ihn Nevin Aladağ für ihre stark behaarte "Rehearsal"-Serie (2012).

- © Daniela Kohl, Courtesy: Galerie Krinzinger und Nevin Aladag

Das Finale ist dann ein intimes Musikzimmer. ("Music Room" – einen solchen hat die Künstlerin zudem auf der Documenta 14 in Athen oder voriges Jahr in ihrer Einzelpräsentation in der Villa Stuck in München eingerichtet.) Da spielt sich Aladağ mit dem Mobiliar, das sich nachher spielen lässt. Bespannt den Kleiderständer mit Harfensaiten, macht aus ihm und einem Goldrahmen Zupfinstrumente. Letzterer hat entfernt was von einem Webrahmen. Die Saiten sind, wenn man so will, die Kettfäden, die Klänge und Melodien, die die zupfenden Finger sozusagen hineinweben, der Schuss. Keine Farbtöne rahmt das vergoldete Holz diesmal ein. Die Möbel machen Hausmusik. Oder das Interieur Kammermusik? 

Kanonenkugeln sind keine Mozartkugeln

Und die Noten haben keinen Ständer. (Okay, das hat irgendwie obszön geklungen.) Vielmehr rammen sie sich martialisch in die Wand (oder tun so als ob), auf die vorher Notenlinien geklebt worden sind. Formieren sich zu einer simplen Komposition, einem Tusch. Und im Krieg werden nun einmal Fanfaren und diverse Geschosse geschmettert.

In Aladağs Wandinstallation ballt sich beides zu einer Ladung ballistischer "Noten". Und die werden ausgerechnet einer sanftmütigen "Hanger Harp" und einer ebenso friedfertigen "Frame Harp" vorgesetzt? Was hätte es wohl zu bedeuten, wenn diese "Möbelharfen" die wuchtige Tonfolge realiter in liebliche Klangfarben transformieren würden? Dass sich der Krieg verzupfen kann? Oh, das ist ein Karnevalstusch? ("Tusch-carnival", 2015.) Somit eh nix Ernstes?

Und noch einmal das Musikzimmer: Nevin Aladağs Kleiderständer trägt weder Hut noch Mantel, dafür Harfensaiten ("Hanger Harp", 2014). 
- © Carmen Alber, Courtesy: Galerie Krinzinger und Nevin Aladag

Und noch einmal das Musikzimmer: Nevin Aladağs Kleiderständer trägt weder Hut noch Mantel, dafür Harfensaiten ("Hanger Harp", 2014).

- © Carmen Alber, Courtesy: Galerie Krinzinger und Nevin Aladag

Überall Querverweise auf Aladağs bisheriges Werk. (Von der Kanonenkugelkomposition existiert ja ebenfalls anderswo gewissermaßen eine Langversion.) Eine stimmige kleine Personale (Titel: passenderweise "Tuning", das Stimmen) mit Aha-Effekten, die gleich über sechs Schlusspunkte verfügt. (Die Kanonenkugeln eben.) Dieser Text hat lediglich einen (noch dazu ziemlich mickrigen).