Es stimmt also noch immer, was ich im Jahr 1 v. Cor. (vor Corona) über seine Landschaften geschrieben habe. Dass der Harald Gangl nämlich überhaupt keine malen würde. Was nicht bedeutet, dass auf seinen stimmungsintensiven Gemälden nicht trotzdem dauernd welche drauf wären. Das eine schließt das andere doch nicht aus.

"Ich bin niemand, der rausgeht und einen Teich abmalt", sagt er und zeigt im Keller der Galerie Frey auf . . . einen Teich. Einen uferlosen aus Farbe, auf den es herabzuregnen scheint. (Begrenzt wird das stehende, Tschuldigung: hängende Gewässer höchstens von den Bildkanten.) "Aber dass das mit was Wässrigem, mit Spiegelungen zu tun hat, ist evident." Ja. Ist es. 

Die Bilder haben mehr Atmosphäre als die Erde

Bei den Landschaften, die der gebürtige Klagenfurter (Jahrgang 1959) nicht malt und die dennoch gemalt sind (Gemälde, wohlgemerkt), handelt es sich definitiv nicht um staubige Mondlandschaften. Um astronautische Weltfluchtgegenden. Auf dem Erdtrabanten gibt’s schließlich keinen Regen. Überhaupt kein Wetter. Und nicht einmal einen blauen Himmel. Keine Atmosphäre eben. Während Gangls Malerei gleich mehrere davon hat. Zumindest kündigt der Ausstellungstitel "Atmosphären" an. Atmosphäre-n. Plural.

Auch hier kann die Fantasie abtauchen: Teich? Mit Spiegelungen und leichtem Regen? Der Titel hält sich wie immer beim Harald Gangl bedeckt: "Ohne Titel", Öl auf Mollino, 2022. 
- © Galerie Frey

Auch hier kann die Fantasie abtauchen: Teich? Mit Spiegelungen und leichtem Regen? Der Titel hält sich wie immer beim Harald Gangl bedeckt: "Ohne Titel", Öl auf Mollino, 2022.

- © Galerie Frey

Okay, jedes Opus verfügt über seine eigene. Und wie viele Schichten hat die jeweils? Mehr als die von der Erde, die bekanntlich grad einmal auf fünf kommt: Tropo-, Strato-, Meso-, Thermo- und Exosphäre. "Sieben, acht sind’s meistens. Können auch vier Schichten sein. Oder zwölf." Lasierend aufgetragen. ("Ich hab nicht den Ehrgeiz, viel Material zu verschwenden.") Und mit viel Farb- und Fingerspitzengefühl zu einer fulminant nuancierten "Stimmung" verschmolzen, verwischt. Verrieben zu einer landschaftlichen Farbimpression. Nicht, dass auf dem Mond nicht auch eine Stimmung herrschen würde. Eine Kraterstimmung halt. (Mit zwei r, nicht bloß mit einem.) Und man könnte dort oben durchaus Sonnenaufgänge beobachten. Allerdings keine romantischen. Und ist die Leinwand am Anfang nicht ebenfalls wüst und leer? 

Malen bis zum Gipfelsieg

Wenn das nicht eine geile Farbstimmung ist. Glüht der Tag schon vor oder noch nach? Das zu entscheiden oder etwas völlig anderes zu sehen, überlässt der Harald Gangl ganz dem Betrachter. 
- © Galerie Frey

Wenn das nicht eine geile Farbstimmung ist. Glüht der Tag schon vor oder noch nach? Das zu entscheiden oder etwas völlig anderes zu sehen, überlässt der Harald Gangl ganz dem Betrachter.

- © Galerie Frey

Das Gefühl für feine Nuancen hat der Wiener mit Kärntner Wurzeln (oder bleibt man ein Kärntner auf Lebenszeit?) freilich nicht nur in den Fingerspitzen. Er hat’s in den ganzen Händen, mit denen er seine Ölfarben nicht selten aufträgt. (Selbstverständlich nicht mit den bloßen. Für so was hat man Handschuhe, hallo?) Zu Spachteln greift er genauso gern. Und zur Walze. "So richtig pinseln tu ich nicht." Den Pinsel nimmt er lediglich ab und zu "für Kleinigkeiten".

Malen ist für den einstigen Hollegha-Schüler "wie Klettern". Irgendwann ist man oben, falls man nicht vorher ausrutscht oder aufgibt? Und die aufgespannte Baumwolle ist die "sehr hohe Wand" zum Herumkraxeln? So ungefähr. "Ich kann die ersten Schritte übersehen", und das meint er offenkundig im Sinne von "überblicken", "erfassen" (nicht im Sinne von "unabsichtlich ignorieren"), "aber die späteren nicht mehr." Die sind das Abenteuer. Obwohl die Richtung (nach oben?) in etwa vorgegeben ist. Wohin es gehen soll. Gangl: "Viele Leute nennen es Flow, dass man intuitiv weiß, was zu tun ist." "Das Scheitern ist natürlich inbegriffen", weiß er, der "kein Schnellmaler" ist, außerdem. 

Die Lehrerin im Blumentopf

Ah, Wasser. Andererseits glost hier was im Blau. Das letzte Glimmen der untergehenden Sonne (oder das erste der aufgehenden)? Gut, dann: Ah, Himmel. Sind diese diffusen Farbgefilde jetzt eigentlich in Wirklichkeit abstrakt und die Gewässer, Wälder, Hügel reine Einbildung, weil man selbst in einem Mondrian immer noch ein Bücherregal oder ein Geschirrhangerl erkennen kann bzw. muss? Und Blau interpretiert man eben bald einmal als Meer oder See und Grün als Botanik?

Advent, Advent, die Leinwand brennt: Der Harald Gangl hat sie nämlich angezündet. Mit feurigen Orangetönen. 
- © Galerie Frey

Advent, Advent, die Leinwand brennt: Der Harald Gangl hat sie nämlich angezündet. Mit feurigen Orangetönen.

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Nicht unbedingt. "Ohne Titel" heißt nicht zwangsläufig "Ohne Inhalt". Schon gar nicht "Ohne Bezug zur Realität". Besonders nicht, wenn der Schöpfer dieser Bildwelten ("ich leb in der Stadt, ich komme vom Land") ein scharfer (und geduldiger) Beobachter ist. An der Natur regelmäßig die Wahrnehmung schult, sie trainiert. "Ich brauch ned viel. Das kann auch ein kleines Pflänzchen am Fenster sein." Im Blumentopf? Ja. Ohne dass jedoch am Ende ein Blumenstillleben herauskäme. Den Kräften, "die unseren Planeten beleben", denen spürt er vielmehr nach. Im Laufe des Malprozesses. (Betonung auf "Prozess".) Dem Werden und Vergehen, Wachsen und Welken.

Der Lebensenergie höchstpersönlich? Sinngemäße Naturstudien demnach? Jedenfalls keine wortwörtlichen wie Dürers "Großes Rasenstück" mit seinen quasi abgezählten Grashalmen. Oder studiert da einer die Natur der puren Malerei, der Farbe? Und: "Ein Gedanke kann auch lebendig sein." Gangls verhalten dynamische Malerei ist es sowieso. Lebendig. (Abgesehen davon, dass die Malerei generell nicht totzukriegen ist.) Ruhig sind seine Bilder, nicht grabesstill. Bilden sichtlich sehr wohl etwas ab: die Essenz der Natur, den beständigen Wandel. Man gewinnt nicht zuletzt den Eindruck, der Prozess wäre noch in vollem Gange, und wenn man nur lange genug hinschauen würde, würde der rötliche Streifen am "Horizont" sich irgendwann entscheiden, ob er das Vor- oder Nachglühen des Tages ist. 

Zu schön, um hässlich zu sein

Frostiges Weiß: Dieses meisterliche Opus von Harald Gangl ist vermutlich nicht als psychologische Raumheizung geeignet. Aber dafür als Klimaanlage im Sommer? 
- © Galerie Frey

Frostiges Weiß: Dieses meisterliche Opus von Harald Gangl ist vermutlich nicht als psychologische Raumheizung geeignet. Aber dafür als Klimaanlage im Sommer?

- © Galerie Frey

Ein ozeanisches Türkis, Glutnester im Nebelgrau, ein geheimnisvoll durch die Lasuren schimmerndes Licht. Doch egal, ob er nun die komplette Leinwand in Brand steckt (mit feurigen Orangetönen) oder sie mit einem winterlich kalten Weiß virtuos einfriert, stets beweist er mit seinen attraktiven Farbklängen und seinem Sinn für Ästhetik großen Mut zur Schönheit, der Gangl, der sich zu dieser offen bekennt: "Ich bin der Meinung, dass wir Schönheit brauchen. Nur darf die nicht mit Kitsch verwechselt werden." Womöglich ist sie sogar ein Lebens- und nicht allein ein Genussmittel. (Gangl: "Schönheit ist Seelennahrung.") Die Welt ist schiach genug, oder? (Das Klima, Kriege . . .) Und wenn ich schon in einem Katastrophenfilm mitspielen muss, ach, sollen wenigstens geile Bilder an der Wand hängen?

Gangls Kunst muss deshalb nicht gleich ein verlogenes Miststück sein, zu schön, um wahr zu sein. Die wahrhaftige Schönheit – im 19. Jahrhundert wäre das "noch selbstverständlich" gewesen. Das Wahre, das Schöne und das Gute. Gangl: "Und ich muss halt mit dem Vorwurf leben, dass das alles zu schön sei." Wenn wir den Katastrophen aber nichts entgegenzusetzen hätten ("wie’s schöner sein kann"), helfe uns "die ganze Analyse nix".

Hm. Wenn etwas zu schön sein kann, um wahr zu sein, kann dann im Gegenzug etwas zu wahr sein, um schön zu sein? Oder zu hässlich, um zu lügen? Wurscht. Die Bilder vom Gangl sind echt. Echt gut. Das sollte doch bitte reichen.