Seit der deutschen Frühromantik kennt man im deutschsprachigen Raum die Gattung des Künstlerromans, in dem das Schicksal eines wirklichen oder fiktiven Künstlers beziehungsweise Genies im Mittelpunkt steht und in dem dessen Leben, Schaffen, gesellschaftliches und persönliches Umfeld sowie dessen Erfolg oder Scheitern in literarischer Form beleuchtet werden.

Angefangen mit J. J. W. Heinses 1787 erschienenem "Ardinghello und die glückseligen Inseln", der als erstes Werk dieser Gattung im deutschsprachigen Raum gilt, über Goethes "Wilhelm Meister" (1798) und Novalis’ "Heinrich von Ofterdingen" (1802), Kellers "Der grüne Heinrich" (1854), Mörikes "Mozart auf der Reise nach Prag" (1856) im 19. Jahrhundert, Thomas Manns "Der Tod in Venedig" (1913) bis hin zu Peter Härtlings "Niembsch oder Der Stillstand" (1964) oder Christoph Ransmayrs "Die letzte Welt" (1988) hat der Künstlerroman in der Hochliteratur seine Leserschaft gefunden und auch in seiner Ausformung als Trivial- und Unterhaltungsliteratur ein breites Publikum erreicht.

Auch in diesem Leseherbst hat sich wieder eine Reihe von Autorinnen und Autoren Künstlerpersönlichkeiten zum Thema genommen und deren Leben oder Lebensabschnitte in den Fokus voluminöser Romane gestellt. So beschäftigt sich etwa die 1966 in Wien geborene Journalistin und Schriftstellerin Kirstin Breitenfellner in ihrem Buch "Maria malt" in romanhafter Form mit dem Werden der Malerin Maria Lassnig und ihrem Verhältnis mit und zu ihrem zehn Jahre jüngeren Schüler Arnulf Rainer.

- © Picus
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Bei ihrer literarisch-biographischen Annäherung an Lassnig (1919-2014) standen der Autorin die Tagebücher und ausgewählte Briefwechsel (etwa jener Lassnigs mit ihrer Mutter) zur Verfügung, in welche ihr die Maria-Lassnig-Stiftung Einblick gewährte. So erzählt "Maria malt" eine nah an den realen Lebensumständen der Künstlerin angelehnte Geschichte, die vorwiegend von Lassnigs schwieriger Beziehung zu ihrer Mutter, ihren komplizierten Liebesverwicklungen und ihrem Überlebenskampf als Künstlerin in einem von Männern dominierten Kunstbetrieb gespeist wird - und die Breitenfellner mit ihren eigenen Gewichtungen und Interpretationen anreichert.

Von den ersten Jahren der eher verschlossenen Maria bei der Großmutter, ihrer Übersiedlung mit sechs Jahren zur Mutter nach Klagenfurt, ihrer Schulzeit bei den Ursulinerinnen, ersten Begegnungen mit der Kunst, amourösen Beziehungen mit meist jüngeren Männern aus dem Kulturbetrieb oder Lassnigs Reise mit Arnulf Rainer nach Paris, die ihr die Augen für die Tendenzen der modernen Kunst und damit für die Entwicklung ihres Werks öffnete - stets versteht es Kirstin Breitenfellner, Fakten und Fiktionen geschickt zu verquicken und flott zu schildern.

Dabei thematisiert die Autorin die Zurücksetzung, die Frauen im damaligen männerdominierten Kunstbetrieb erfuhren, verfällt aber bei dessen Schilderung und auch der Beschreibung der Beziehungen von Lassnig nie in ein Schwarz-Weiß, sondern zeigt vielmehr, dass jeder der jeweiligen Lebensabschnittspartner die Künstlerin auch in ihrem Werden weiterbrachte.

Die späte Weltkarriere, die Maria Lassnig nach ihrem 80. Geburtstag noch starten konnte, wird im Epilog des Buches, der eine Aufzählung der wichtigsten Ausstellungen der Künstlerin enthält und den Reigen der ihr zugesprochenen Preise nennt, knapp dokumentiert.

Mehr als eine Muse

Im Paris der 1930er Jahre spielt Mina Königs Roman "Mademoiselle Oppenheim - Sie liebte das Leben und erfand die moderne Kunst". Der jungen, freiheitsliebenden Meret Oppenheim ist das ländliche Leben im Südwesten Deutschlands nicht genug. So reist sie in die französische Kunstmetropole, um dort Künstlerin zu werden. Zunächst noch unterstützt von ihren Eltern, muss sie bald auf eigenen Beinen stehen. Gemäß ihrem Lebensmotto - "Die Freiheit wird einem nicht gegeben. Man muss sie nehmen" - behauptet sie sich in einer Künstlergesellschaft, deren Atmosphäre Mina König eindrücklich zu schildern versteht, und entwickelt sich in einer Zeit, in der in Deutschland die Nazis auch ihre Eltern - ihr Vater war "Halbjude" - bedrohen, zu jener Künstlerpersönlichkeit, die die Kunstgeschichte heute kennt.

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Die Stadt Paris wie auch die Gruppe der Surrealisten, in der die mit Alltagsgegenständen künstlerisch experimentierende sowie Mode und Schmuck entwerfende Meret Oppenheim vorwiegend verkehrt, weiß die Autorin anschaulich und lebendig werden zu lassen - und Künstler wie Pablo Picasso, Salvador Dalí, Joan Miró, Alberto Giacometti, André Breton, Marcel Duchamp oder Max Ernst (mit dem Oppenheim eine ausführlich thematisierte Liebesaffäre verband) treten als glaubwürdig gezeichnete Charaktere auf.

Meret Oppenheim wollte mehr sein als die Muse eines bekannten Künstlers. Als sie merkte, dass ihre eigene künstlerische Entfaltung unter dieser sie immer mehr einengenden Beziehung litt, beendete sie nach einer augenöffnenden Begegnung mit Ernsts zweiter Ehefrau das Verhältnis und wurde zur Schöpferin des "Frühstücks im Pelz", das sie berühmt machen und zu einem Symbol des Surrealismus sowie einem künstlerischen Schlüsselwerk des 20. Jahrhunderts werden sollte.

"Wenn ich Ihnen einen Tipp geben darf, Meret Oppenheim. Werden Sie kein Herdentier. (...) Machen Sie immer das, was von hier drinnen kommt", rät ihr Marcel Duchamp im Buch und klopft auf sein Herz. Wie wir heute wissen, folgte Oppenheim diesem Rat.

In ihrem Nachwort betont die Autorin, dass es sich bei ihrem Roman nur um einen Ausschnitt aus dem Leben Meret Oppenheims handelt und die von ihr geschilderten Dialoge und Szenen fiktiv sind. Aber ihrem Roman merkt man an, dass sich Mina König (ein Pseudonym, hinter dem sich die britisch-österreichische Autorin Emily Walton verbirgt) ausgiebig mit Leben und Werk Meret Oppenheims auseinandergesetzt, genau recherchiert und eine glaubhafte Geschichte vorgelegt hat.

Dem 1916 im Ersten Weltkrieg gefallenen Maler Franz Marc widmet der deutsche Autor Tilman Röhrig, der schon in romanhafter Form über historische Persönlichkeiten wie Martin Luther, Caravaggio oder Friedrich Engels erfolgreiche Bücher schrieb, sein neuestes Werk. In "Der Maler und das reine Blau des Himmels" folgt er den Lebensspuren des Mitbegründers des "Blauen Reiter", zeigt dessen künstlerische Entwicklung und den Kampf, den Marc und seine Künstlerfreunde gegen die verkrusteten Strukturen des Kunstbetriebs im deutschen Kaiserreich zu führen hatten, um mit ihrer Kunst schließlich doch reüssieren zu können.

- © Piper
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Im Buch geht es aber nicht nur um Marcs Künstlertum. Tilman Röhrig erzählt auch, und das nicht zu knapp, von den amourösen Verstrickungen des Malers, dem es nicht reichte, die Natur einfach abzumalen: "Rein" sollten die Farben sein, die er wählte, vor allem seine Lieblingsfarbe Blau. Der in seiner Malerei geforderten Klarheit entgegengesetzt waren lange Zeit seine privaten Verhältnisse - denn Marc stand zwischen drei Geliebten, ehe er sich zu Maria, seiner späteren Frau, bekannte, die schließlich sein großer Halt wurde.

Wer an Kunstgeschichte und Liebesaffären interessiert ist, kommt mit Röhrigs genau recherchierter und routiniert geschriebener Erzählung dieses Künstlerlebens im Wirrwarr der Gefühle durchaus auf seine Kosten.