Gefährlich! Gut ist die neue Ausstellung im Jüdischen Museum; gut, aber teilweise eben auch gefährlich. Barbara Staudinger beginnt ihre Amtszeit als Direktorin mit der Schau "100 Missverständnisse über und unter Juden", die schnell selbst Missverständnisse verursachen kann.

Man spürt den Willen, vieles anders zu machen: Der Ausstellungsraum im Ersten Stock ist neu unterteilt, der ehemalige Ausgang jetzt der Eingang und umgekehrt. Steht diese erste Ausstellung auch für eine inhaltliche Modifikation? Das Jüdische Museum hat sich bisher wiederholt intensiv mit den antisemitischen Missverständnissen über Juden auseinandergesetzt. Nun zeigt es die philosemitischen Missverständnisse. Das ist immerhin ungewöhnlich, gewiss auch mutig, teilweise brilliant, doch nicht in allen Punkten gelungen.

Die Ausstellung will vor Augen führen, wie aus dem Entsetzen über die Schoah und einer irregeleiteten Aufarbeitung beschönigende, verkrampft positive, verkitschende, jedenfalls falsche Vorstellungen über Juden wachsen. Punkt für Punkt werden in der Ausstellung und im Katalog 100 solcher Missverständnisse aufgezählt und anhand von Bildern und Objekten ironisiert. Der erhobene Zeigefinger will lachen. Kann er verhindern, dass manches in den falschen Hals gerät und einen Hustenanfall des Befremdens verursacht?

Keine Comics über die Schoah?

Natürlich gibt es Missverständnisse, die aufzuklären spannend ist, etwa: "Es gibt nur einen Messias." Meschiach (gräzisiert "Messias") heißt "der Gesalbte" - es gab mehrere Personen, die sich als Meschiach ausgaben oder als Meschiach betrachtet wurden, einer davon war Jeschua (gräzisiert Iesus); illustriert wird das mit einem Plakat von Rabbi Menachem Mendel Schneersohn, der die Ankunft des Meschiach erwartete und von einigen Anhängern selbst dafür gehalten wurde.

Oder: "Über den Holocaust darf man keine Comics zeichnen" - widerlegt wird das mit Beispielen von Thomas Fatzineks Holocaust-Comics.

Oder: "Alle Jüdinnen und Juden müssen sich an strenge Regeln halten" - was ein Irrtum ist, denn die Regeln beachten nur Juden, die sich zum mosaischen Glauben bekennen. Agnostische oder atheistische Juden halten sich naturgemäß an keine religiösen Regeln und lassen sich fallweise auch Schweinefleisch schmecken - was in Anna Adams Objekt "Susi Sorglos" die Zaghaftigkeit der Frage des Schweins erklärt, ob es bei Juden sicher ist.

Auch das ostjüdische Schtetl war nicht wie in "Yentl" (dazu eine Barbra-Streisand-Darstellung von Deborah Kass) - wie es tatsächlich war, eventuell wirklich so schmutzig und verwahrlost, wie Marcel Reich-Ranicki es mehrfach anklingen ließ, kommt freilich nicht zur Sprache.

Solche unaufgeklärten Missverständnisse sind die Mankos dieser Ausstellung. Manchmal wird der Betrachter nur mit einem nicht wirklich relevanten Missverständnis allein gelassen, das er, selbst weiterdenkend, anhand des beigegebenen Objekts aufklären kann. Das ist durchaus amüsant, zumal nahezu der ganzen Ausstellung eine Leichtigkeit und Selbstironie anhaftet, die bezwingend ist.

Doch andere angebliche Missverständnisse verstören, etwa: "Israelische Soldaten sind besonders tapfer." Mag sein, dass der Fotograf Adi Nes dieses heroisierende Bild in Frage stellt; doch wenn die Behauptung der besonderen Tapferkeit zum Missverständnis erklärt wird: Welche Eigenschaften sind dem isarelischen Soldaten dann zuzuschreiben?

Oder: "Mit dem Holocaust macht man kein Geschäft", illustriert mit Gil Yefmans Schlüsselanhänger "Kaufen macht frei". Dass mit dem Holocaust auch Geschäfte gemacht werden, steht außer Frage. Aber das üble Klischee vom geschäftstüchtigen Juden, der aus allem Geld macht, liegt zum Greifen nahe. Es ist nicht gemeint, aber es sollte, es muss im Zusammenhang thematisiert werden, um nicht antisemische Stereotypien zu bedienen.

Gut ist sie, diese neue Ausstellung im Jüdischen Museum, witzig und mutig obendrein. Dass sich der aufgeklärte Besucher dabei nicht nur wohlfühlt, ist das Beste an ihr.