Jubiläumsschau in der Orangerie des Belvedere, wo einst die klassische Moderne und danach das österreichische Mittelalter gezeigt wurde, versucht, mit vielschichtigen Gedankensträngen durch bewegte drei Jahrhunderte zu lenken. Die Architektur von studio-itzo lässt Durchblicke in ähnlich große Kojen offen. So ist die Dichte des Materials von Gemälde, Objekt, Briefen, Katalogen, Fotografien und Film etwas aufgelockert.

Die vier Kuratorinnen und vier Kuratoren haben den chronologischen Ablauf mit wechselvollen Ereignissen und Ankäufen stringent als jeweils eigene Geschichten mit Bildern und Archivmaterial aufbereitet. Es wird schnell ersichtlich, dass sich nicht nur ein roter Faden vom adeligen Besitz über die Öffnung unter Maria Theresia für das Publikum und die republikanische Museumsreform von Hans Tietze bis ins 20. Jahrhundert ziehen kann. Vor allem Letztgenanntes ist mit den großen Verwerfungen zweier Weltkriege und der nationalsozialistischen Ära schwierig zu beleuchten, da auch die Aufteilung und Aufgaben ständig wechselten.

Prinz Eugen, Hausherr für immer: Und dargestellt von Oswald Oberhuber bereichert er obendrein die Sammlung zeitgenössischer Kunst. 
- © Markus Guschelbauer

Prinz Eugen, Hausherr für immer: Und dargestellt von Oswald Oberhuber bereichert er obendrein die Sammlung zeitgenössischer Kunst.

- © Markus Guschelbauer

Diese Schwerpunkte und die Gedankenschichten zur Rolle des Belvedere als eines Museums mit nationaler Ausrichtung seit 1912 können die handelnden Personen nicht auslassen. So beginnt die Schau mit Prinz Eugen im Repräsentations-Porträt und pop-gelbem Reiterbild Oswald Oberhubers.

Bewegte Sammlungsgeschichte


Der Bogen wölbt sich von 1723 (Fertigstellung der Bauten) bis um 2000 mit wechselndem Sammlungsbestand. Am Anfang stehen Werke aus kaiserlichem Besitz, der 1777 – 1827 bei freiem Eintritt für das Wiener Publikum museal (nach Schulen und Stilen) verwaltet wird. Von damals sind nur noch zwei Gemälde vorhanden. Mit dem Auftrag, Zeitgenössisches zu sammeln, ging es ab 1827 und besonders 1903 durch die Gründung der Modernen Galerie weiter. Damals war das Museum geschlossen und nach Eröffnung des Kunsthistorischen am Ring vorübergehend Wohnsitz des Thronfolgers Franz Ferdinand. 1912 wurde das Untere Belvedere k. k. Österreichische Staatsgalerie.
Lilly Steiners "Composition baroque" (1938) ist unter der wesentlichen Künstlerinnen, die in die Sammlung aufgenommen wurden.  
- © Belvedere, Wien

Lilly Steiners "Composition baroque" (1938) ist unter der wesentlichen Künstlerinnen, die in die Sammlung aufgenommen wurden. 

- © Belvedere, Wien

Nach dem Untergang der Monarchie folgte 1921 die Umbenennung in Österreichische Galerie. Der Museumsreformer Tietze richtete nicht nur das ab 1923 bis 2007 auch im Sammeln wichtige, heute nahezu fehlende Barockmuseum ein. Die Moderne Galerie wanderte mit den Sammlungen des 19. Jahrhunderts ins Obere Belvedere. Grafische Bestände gingen an die Albertina, internationale Gotik ans Kunsthistorische Museum. Später kam auch die internationale Malerei vorübergehend in die Stallburggalerie. 1938 musste die Moderne Galerie schließen: Die Verflechtung des Direktors Bruno Grimschitz mit der NS-Politik zeigt sich auch in Erwerbungsgeschichten; jedoch auch in der Zeit nach 1945 und dem Wiederaufbau nach Bombentreffern und Evakuierung der Kunstwerke, gibt es seltsam rückwärtsgewandte Ankäufe.

Jedoch nicht nur: Die Gegenwartskunst, auch Künstlerinnen von Lilly Steiner bis Elke Krystufek, wurde immer wichtiger unter den Direktoren Fritz Novotny über Hans Aurenhammer, Gerbert Frodl bis zu Agnes Arco-Husslein. Sie konnte das ehemalige moderne Museum als 21er Haus 2002 integrieren. Damals war die Gegenwartskunst im Atelier Augarten. Husslein schloss die Barockgalerie zugunsten großer Sonder-Ausstellungsflächen im Unteren Belvedere, eröffnete aber im Prunkstall zudem ein Schaudepot für das Mittelalter.

Das Belvedere bleibt neuen Strömungen gegenüber aufgeschlossen, wie Marcin Maciejowskis Bild beweist: "I used to live in Vienna, now I live in L. A. and the paintings have followed me here" (2006). 
- © Belvedere Wien / Johannes Stoll / MEYER*KAINER

Das Belvedere bleibt neuen Strömungen gegenüber aufgeschlossen, wie Marcin Maciejowskis Bild beweist: "I used to live in Vienna, now I live in L. A. and the paintings have followed me here" (2006).

- © Belvedere Wien / Johannes Stoll / MEYER*KAINER

Seit 1986 ist die internationale Moderne wieder zurück im Museum, die nationale Kunst wird gegenüberstellend im Zusammenhang präsentiert. 2011 endet die Ausstellungstätigkeit im Atelier Augarten. Die neue Direktion konzentriert sich auf das in Belvedere 21 umbenannte ehemalige 20er Haus.

Kontinuitäten und Brüche halten wie die seit dem Restitutionsgesetz erfolgten Rückgaben und Neuankäufe die vielen Einzelerzählungen in Spannung – in einer Schau, die zu Recht viel Zeit oder mehrere Besuche beansprucht.