TW: M*rtin Pr*ska. Hä? Was soll denn das bedeuten, bitte? Na ja, das ist eine Triggerwarnung. (Trigger: Auslöser für unschöne Erinnerungen und Emotionen, ein Schlüsselreiz, der im schlimmsten Fall sogar Flashbacks hervorrufen kann.) Und das, wovor eindringlich gewarnt wird, wird am besten obendrein mit Sternderln entschärft, damit nicht schon allein das Wort (oder in dem Fall der Name eines Erzeugers von Kunst, die nicht gerade poko ist) jemanden retraumatisiert. Poko? Politisch korrekt. (Kommt die Warnung nicht etwas zu spät, zumal der "reizende" Name bereits im Titel steht? Noch dazu ohne Sternderln?)

Der folgende Text handelt nämlich (Achtung! Lesen auf eigene Gefahr!) von einer Ausstellung, die Poko-Gefühle verletzen kann. Und die außerdem verstörend wirken könnte durch die explizite Darstellung von körperlicher Attraktivität und von Nippeln. 

Er will ja nur schöne Bilder malen

Hab ich jetzt wirklich "Nippeln" geschrieben? Tschuldigung: "Nippes" sollte das eigentlich heißen. Diese eskapistisch kitschigen Staubfänger aus Porzellan. Die hat er dermaßen glatt und zerbrechlich hingekriegt, der (Vorsicht, ich schreibe den Namen nun aus) Martin Praska, die betteln regelrecht um den Staubwedel. (Klingt fast sexistisch.) Wer also an einem Putzzwang leidet, könnte von den dekorativen Figürchen durchaus getriggert werden.

Eunuchen musst du suchen: Auf diesem Gemälde wird man jedenfalls KEINE finden. Im Gegenteil. "Dick-Pic" von Martin Praska. 
- © Galerie Gans

Eunuchen musst du suchen: Auf diesem Gemälde wird man jedenfalls KEINE finden. Im Gegenteil. "Dick-Pic" von Martin Praska.

- © Galerie Gans

Und weil der Zuag‘raste aus Deutschland (1963 in Wiesloch bei Heidelberg geboren) eben talentiert ist wie das Rumpelstilzchen (das kann bekanntlich Stroh zu Gold spinnen, okay, das kann er nicht, dafür Öl zu Porzellan und Fleisch vermalen), sollten die Bilder lieber nicht runterfallen. Nicht, dass die Feinkeramik womöglich noch einen Sprung bekommt.

"Triggerwarnung" ist die Schau ein bissl unspezifisch betitelt. Wahrscheinlich, weil der Titel sonst zu lang wäre. Wenn man vorsorglich alles aufzählen würde, was einen da irritieren könnte. "Ich will schöne Bilder malen", konkretisiert der eingewienerte Deutsche und outet sich als unverbesserlicher Ästhet, "ich warne aber vor dem Schönheitsideal." Und das ist ja per definitionem unrealistisch. Andernfalls wär’s schließlich keins, kein Ideal. Nicht einmal die Supermodels sollen so aussehen, wie sie aussehen. Nachsatz: "Wer’s divers haben will oder auf politische Korrektheit setzt, der wird sich hier sehr unwohl fühlen." Vor allem wegen dieser Hetero-Cis-Männer-Fantasien, die potenziell menstruierende Personen objektifizieren. Ach, nach der Menopause sind die Frauen keine Frauen mehr? Doch. Nur malt der Praska sie anscheinend nimmer. Für ihn sind halt offenbar nicht alle identisch schön und bildwürdig. ("Da bin ich ja gleich ein rechtes Arschloch oder ein Nazi.") 

Das ist nicht der G-Punkt, das ist ein Muttermal

Nicht von Vermeer, sondern vom Martin Praska, aber einen Ohrring trägt das Mädel auch. 
- © Galerie Gans

Nicht von Vermeer, sondern vom Martin Praska, aber einen Ohrring trägt das Mädel auch.

- © Galerie Gans

Einen Essay mit über fünf Seiten hat er zum Thema verfasst. In "Das Wahre, Gute und Schöne – eine Triggerwarnung" beklagt er die "Unkultur des Starrsinns", eine Kunst, die allen "mit der Attitüde der moralischen Überheblichkeit gegen das Schienbein tritt", die "Benimm-Hysterie" und das "Gender-Neusprech" mit seinen "Buchstabensalat(en)" ("LGBTQIA+") und zieht daraus den Schluss, dass es höchste "Zeit für einen neuen Dadaismus" wäre. "Für eine Kunst, die sich des Moralisierens enthält und Schönheit zelebriert. (. . .) In einer Zeit, da die Schönheit verpönt ist und als obszön gilt, in dieser Zeit ist die obszöne Kunst eine der Schönheit verpflichtete. Sie will nichts, sie sagt nichts, sie ist nur da."

Die Erotik bringt er für sich (in seiner obszönen Kunst) jedenfalls auf den Punkt. Den G-Punkt? Blödsinn. (Wieso "Blödsinn"?) Vielmehr dürfte er ein Muttermalfetischist sein. ("Ich liebe Muttermale.") Schummelt gern auf den einen oder anderen Schenkel oder eine Hüfte so ein kokettes braunes Fleckerl dazu. Begründung: "Die Pigmentstörung macht’s natürlicher."

Hm. Einer, der die Natur idealisiert, indem er sie natürlicher macht, als sie ist? Oder ist bei ihm die Wirklichkeit realistischer als real? Weil Schönheit in Wahrheit die Abweichung von der Perfektion ist, der individuelle Makel? Und darf man das überhaupt noch sagen: Muttermal? Immerhin wurde der "Mutter-Kind-Pass" soeben – berechtigterweise – in "Eltern-Kind-Pass" umbenannt. Hat man demnach "Elternmale"? Und darf niemanden mehr bemuttern, bloß noch "beeltern"? 

Alle treiben es mit dem abstrakten Expressionismus

Moment. Ist Praskas Stil nicht ohnedies ziemlich divers? Zumindest ist er non-binär, ist figurativ und abstrakt, demonstrativ high und low. Haut alles gleichwertig auf die Leinwand. Oder ist diese Totalmalerei eher ungeniert promiskuitiv? Eine wilde Orgie? Die jungen, feschen Modelle (oh, Nippel kommen eh auch vor) treiben es mit den alten weißen Männern bzw. den alten weißen Meistern (mit Delacroix, Caravaggio, Picasso . . .) und alle zusammen mit dem abstrakten Expressionismus und der Pop-Art. Mit der Kunstgeschichte hat der Maler generell ein intimes Verhältnis. Malt sie förmlich ex. Er sampelt "wie ein DJ" (Praska). Klaut, was das Zeug hält, und macht was Neues draus. Sexy Hybriden. Ein postmoderner Eklektizismus?

Links erkennen Museumsgängerinnen und -gänger gleich einmal was von Schiele und Velazquez auf ein und demselben Bild, das wiederum von Martin Praska stammt. ("Never Underestimate the Gray", 2022.) 
- © Galerie Gans

Links erkennen Museumsgängerinnen und -gänger gleich einmal was von Schiele und Velazquez auf ein und demselben Bild, das wiederum von Martin Praska stammt. ("Never Underestimate the Gray", 2022.)

- © Galerie Gans

Den Anfang macht immer das Hinschmeißen und -fetzen der Farbe. ("Da bin ich der abstrakte Expressionist. Da hören viele schon auf.") Erst dann erhebt sich aus dem informellen Chaos (in Acryl), das elementar zur Schöpfung gehört, die Figur (in Öl), respektive wird nachher die mit der guten Figur erschaffen: die Eva. Quasi. 

Das Lineal ist dennoch nicht verboten

Martin Praska rettet Kleopatra galant das Leben: "Kleopatra ohne Schlange" (nach Cagnacci). 
- © Galerie Gans

Martin Praska rettet Kleopatra galant das Leben: "Kleopatra ohne Schlange" (nach Cagnacci).

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"Never Underestimate the Gray" (unterschätze nie das Graue): Ein flotter Dreier auf dem Leintuch, das dabei trotzdem nicht zerknüllt. (No na, es ist mit der Heftklammerpistole aufgespannt worden. Und genau genommen handelt es sich um eine Leinwand.) Zugegeben, Edith Schiele, ein muskulöser Assistent aus Vulkans Schmiede, der weiß, wo der Hammer hängt (nämlich dort, wo der Velazquez ihn hingemalt hat), und eine anonyme Nackte in Schwarzweiß (mit aufreizend züchtig übereinandergeschlagenen Beinen) vergnügen sich weniger miteinander als mit dem gestisch hingerotzten Untergrund.

He, der Kleopatra hat der Praska sogar galant das Leben gerettet. Hat ihr die Giftschlange, die ihr ein gewisser Guido Cagnacci an der rechten oberen Extremität platziert hat, vom Ärmchen gepflückt. Ein wahrer Gentleman eben. Nein, er ist nicht mit einem Flascherl Lösungsmittel ins Kunsthistorische Museum marschiert. Er hat das Kriechtier beim Kopieren des Originals einfach weggelassen und den "Selbstmord der Kleopatra" (1661 – 1662) kurzerhand zu einer "Kleopatra ohne Schlange" transformiert. Der Thron löst sich in ausschweifende Pinselschwünge auf, die einzigen geraden Linien sind die zwei, die die Armlehnen andeuten und die einnickende, erschlaffende Pharaonin stützen. Hat der Praska die etwa mit dem Lineal gezogen? "Ja, sicher. Ist das verboten?" 

Weg mit dem fliegenden Babyspeck!

Wird Caravaggios siegreicher Amor auch gegen die Kanonenkugel gewinnen, die der Martin Praska auf ihn abgefeuert hat? ("Out of the Dark", 2022.) 
- © Galerie Gans

Wird Caravaggios siegreicher Amor auch gegen die Kanonenkugel gewinnen, die der Martin Praska auf ihn abgefeuert hat? ("Out of the Dark", 2022.)

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Ein Blumenmädchen aus Porzellan (diese Figürchen hat der Praska früher gesammelt, neuerdings erlegt er sie mit der Kamera im Dorotheum oder anderswo), das hat der "wahre Gentleman" freilich sexuell belästigt. Mit einem "Dickpic". (Pfui! So ein Saubartel.) Die pubertäre Kritzelei würde einem als solche gar nicht auffallen, trüge das zunächst recht bukolisch anmutende Gemälde nicht den unzweideutigen Titel "Dick-Pic". Ein Wixerbild folglich. Hoppala, falsch: ein Vexierbild. Auf alle Fälle eines, auf dem man die Anzüglichkeit suchen muss wie die bunten Eier zu Ostern. (Hier sind sie übrigens rot.) Ich will zwar nicht wieder die göttliche Inspiration bemühen, die berühmte Szene mit den sich nähernden Zeigefingern aus der Sixtinischen Kapelle, aber deutet die vulgäre Zeichnung nicht schier numinos auf das porzellanene Naserl?

Bei einem anderen Nackedei ("Das Mädchen mit dem Goldohrring") wird der ekstatische Pinsel zudringlich, bedrängt, begrapscht sein Opfer geradezu. (Und das in der Post-MeToo-Ära.) Caravaggios Amor wiederum hat der Praska die Flügel ausgerissen. Einen unbekleideten Minderjährigen noch einmal zu malen und in einer öffentlich zugänglichen Galerie, der Galerie Gans, zum Kauf anzubieten, fällt das nicht unter Verbreitung von Kinderpornografie? Und müsste man in den Museen nicht sowieso die ganzen Raffaels und Tizians mit ihren Flugnackerpatzln, den Putten, dem fliegenden Babyspeck, auf der Stelle abhängen? 

Ade mit Negligé

Noch ein alter Bekannter: der Albrecht Dürer. Dereinst hat sein Fan, der Austrogermane Martin Praska ("weil mir das grafische Element so gefällt, diese knallharte Zeichnung"), im unbeachteten fernen Hintergrund eines Holzschnitts, in einer entlegenen Region abseits der Action, einen mysteriösen Monolithen "entdeckt". (Ein megalomanes Zippo. Das Feuerzeug eines Titanen?) Diesmal zoomt er erneut in die Landschaft hinein und findet: "Ein Schloss am Wörther See." (Laut Bildtitel.)

Wie im Kino muss man über störende Köpfe drüberblicken, konkret über die von Ritter, nein, nicht: Tod und Teufel, sondern "und Landsknecht". Von oben flattert derweil ein Rot mit seidigem Glanz und ansprechendem Faltenwurf in die keusche Welt der scharfen Konturen herein. Ein Vorhang? I wo. "Das ist", klärt mich der, der das Ding gemalt hat, auf, "ein Negligé aus Satin." Eine sinnliche Verlockung. Und wo ist die Nackerte, die sich der Textilie entledigt hat? Vermutlich irgendwo . . . außerhalb vom Bild.

Rotes Negligé flattert in keuschen Dürer-Holzschnitt hinein: Den Ritter und den Landsknecht kann der Martin Praska jedenfalls NICHT aus dem Konzept bringen. Eigentlich geht es aber eh um Gebäude und Landschaft im Hintergrund: "Ein Schloss am Wörther See" (2022). 
- © Galerie Gans

Rotes Negligé flattert in keuschen Dürer-Holzschnitt hinein: Den Ritter und den Landsknecht kann der Martin Praska jedenfalls NICHT aus dem Konzept bringen. Eigentlich geht es aber eh um Gebäude und Landschaft im Hintergrund: "Ein Schloss am Wörther See" (2022).

- © Galerie Gans

Wenigstens hat er lediglich Humor und keine Dreadlocks, der Praska. (Kulturelle Aneignung, hallo?) Und malt geile Bilder, die alle Stückln und Stile spielen. Oder notgeile? Auch wenn ich mir beim Betrachten dauernd zwei Finger in den Hals habe stecken wollen. Um meine letzte Mahlzeit schleunigst wieder loszuwerden. Denn diese schlanken Körper waren echt gemein zu mir (und zu meiner Body-Positivity).