Hat sie nun einen Titel oder nicht, die Ausstellung vom Herbert Hinteregger? Der, den der Künstler ihr selbst gegeben hat, behauptet jedenfalls nachträglich, dass er eigentlich gar keiner wäre: "How to (Untitled)." Was auf Deutsch so viel heißt wie: "Wie man (Ohne Titel)." Hm. Wie man was?

Dafür sind die Bilder gleich "ohne" ("Untitled"). Und überlegen es sich dann allerdings anscheinend doch wieder anders. Verorten sich geografisch. In Klammern. Führen lauter Gegenden am Meer an. Weil die Bilder eben Landschaften sind, aber gleichzeitig auch irgendwie nicht

Der Zauberer von Ozterreich

Na ja, der rote Faden, der sich durch alles durchzieht, durch die komplette Soloshow (die einen von Anfang an in ihren Bann zieht und nimmer loslassen will), ist schließlich ebenfalls nicht rot. Sondern gelb. Neongelb. Und kein Faden. Sondern ein Klebeband. Und dieses fungiert als eine Art Leitsystem, das einem den Weg weist. Von der Arbeit in der Auslage bis zum – überraschenden – Ende im Oberlichtsaal, zu dem man "durchtauchen" muss.

Nein, nass wird man dabei nicht. Und die Luft muss man genauso wenig anhalten. Lediglich eine Stiege hinab- und eine andere wieder emporsteigen. Immer treu begleitet vom neongelben Streifen, der die Bilder mit dem Raum und untereinander verbindet. Über den Boden kriecht er, die Wände rauf und entlang, schlüpft unterm Handlauf durch, zwängt sich zwischen Tür und Angel, schmiegt sich in Ecken und an Kanten, besucht jedes einzelne – hängende – Opus. Selbst wenn man alle Bilder abnehmen würde, bliebe also ein schwaches Echo von ihnen zurück. Eine Leerstelle wie die leise Ahnung einer einstigen Anwesenheit. "Ob’s ein Leitsystem durch die Galerie ist, weiß ich nicht", wendet der ein, der das Band aufgeklebt hat. "Es ist eine Thematisierung der Räume."

Gerade ist man abgetaucht in die "Unterwelt", die erste Stiege ist geschafft. Links: Herbert Hintereggers "Untitled (Kiekut)", 2022, Kugelschreibertinte auf Leinwand. 
- © kunst-dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez, Copyright: Georg Kargl Fine Arts, Courtesy: Herbert Hinteregger und Georg Kargl Fine Arts, Vienna

Gerade ist man abgetaucht in die "Unterwelt", die erste Stiege ist geschafft. Links: Herbert Hintereggers "Untitled (Kiekut)", 2022, Kugelschreibertinte auf Leinwand.

- © kunst-dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez, Copyright: Georg Kargl Fine Arts, Courtesy: Herbert Hinteregger und Georg Kargl Fine Arts, Vienna

War da nicht einmal was mit einem gelben Pfad, dem man folgen soll? Richtig: "Der Zauberer von Oz." Man fühlt sich tatsächlich ein bissl wie die kleine Dorothy, die in diesem Filmmusical von einem Wirbelsturm ins Technicolor-Land Oz verblasen wird, nur dass keine böse Hexe des Ostens zermalmt unter der Galerie (Georg Kargl Fine Arts) liegt und man ihr die magischen roten Schuhe nicht von den kalten Füßen klauen muss, weshalb man am Ziel nicht einfach die Hacken zusammenschlagen und sich als Zauberspruch mantraartig vorsagen kann: "Es ist nirgends besser als daheim." Oder können tut man natürlich schon, bloß wird man trotzdem die ganze Strecke retourmarschieren müssen und nicht wundersam nach Hause teleportiert werden. Auf die eigene Wohnzimmercouch. 

Der graue Alltag macht blau

Obwohl: Ist hier nicht ohnedies der Weg das Ziel? Nicht das letzte Bild, vielmehr sämtliche Bilder? Und man singt auch nicht dauernd. Immerhin ist Hintereggers hochkonzentrierte Kunst sehr kontemplativ. Unhektisch. Expressionist ist der Tiroler (ein 1970er-Jahrgang), der heute in seinem Geburtsbundesland und in Wien lebt, eindeutig keiner. Rhythmisch addiert er senkrechte Streifen, Balken, kippt sie mitunter in die Schräge, unterbricht sie ausgeklügelt. Mathematische Strenge mit subjektiver Raffinesse.

Nach der ZWEITEN Treppe (wieder nach oben) kriecht das neongelbe Klebeband durchs Büro. Aufgepickt hat das signalfarbene Leitsystem der Herbert Hinteregger. Der Streifen klappert jetzt brav jedes Gemälde (Kugelschreibertinte, Textmarker, Klebestreifen auf Leinwand oder sonstigem Stoff) ab, erkundet die Ausstellung. 
- © kunst-dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez, Copyright: Georg Kargl Fine Arts, Courtesy: Herbert Hinteregger und Georg Kargl Fine Arts, Vienna

Nach der ZWEITEN Treppe (wieder nach oben) kriecht das neongelbe Klebeband durchs Büro. Aufgepickt hat das signalfarbene Leitsystem der Herbert Hinteregger. Der Streifen klappert jetzt brav jedes Gemälde (Kugelschreibertinte, Textmarker, Klebestreifen auf Leinwand oder sonstigem Stoff) ab, erkundet die Ausstellung.

- © kunst-dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez, Copyright: Georg Kargl Fine Arts, Courtesy: Herbert Hinteregger und Georg Kargl Fine Arts, Vienna

Und während im Märchenland Oz die gelb geziegelte Straße ins Grüne führt, ins Smaragdgrün (zur Smaragdstadt, in der besagter Zauberer residiert, bei dem es sich in Wahrheit freilich um einen Illusionisten handelt), geht die Reise an der Seite des neongelben Klebestreifens, der immer wieder auf die gemalten Streifen und deren Ausrichtung reagiert, ins – Blaue. Ins Bic-Kugelschreiber-Blau. Wobei die satte Farbe dennoch ein Mysterium bleibt, letztlich unfassbar. Sich durch den Lichteinfall verändert, ins Rötliche schillert.

"Ich hab mich immer für Materialien interessiert", erläutert der Meister der Bild-Raum-Vernetzung und der Verortung im Hier und Jetzt und Anderswo, "die nicht so ganz alltäglich sind." Äh, ich verwende Kugelschreiber aber durchaus im Alltag. "Nicht kunstalltäglich." Die fluoreszierende Farbe aus Textmarkern baut er übrigens ebenso manchmal akzentuierend ein wie die dünnen Klebestreifen, die er ansonsten zum Abkleben der Leinwand nutzt und nachher in der Regel wieder abzieht. 

Wie man Kugelschreiber melkt

Nicht, dass er seine schlanken Flächen mit dem Kuli vollkritzeln würde, mit dem banalen Gerät für schnelle Notizen. Er trägt seine Malfarbe klassisch auf. Mit dem Pinsel. Und wie kriegt er die Tinte aus dem Kuli? Er melkt ihn. Oder genau genommen macht das die Schwerkraft. Er hängt nur die Minen auf und lässt sie langsam ausbluten. Die Stunden, Tage, Wochen tropfen gemächlich aus der Plastik-Ader, die normalerweise einen Punkt absondert, der auf Wanderschaft geht und sich zur Linie, zur Handschrift fortbewegt. Die Zeit macht ein Lackerl. Hätte er die Tinte nicht stattdessen schlicht irgendwo kübelweise kaufen können? Wahrscheinlich. Hinteregger: "Ein bewusster Prozess der Entschleunigung."

Zweimal mit ohne Titel: Links "Untitled (Ludwigsburg)", rechts "Untitled (Lehmberg)".  Beides von Herbert Hinteregger und von heuer. 
- © kunst-dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez, Copyright: Georg Kargl Fine Arts, Courtesy: Herbert Hinteregger und Georg Kargl Fine Arts, Vienna

Zweimal mit ohne Titel: Links "Untitled (Ludwigsburg)", rechts "Untitled (Lehmberg)".  Beides von Herbert Hinteregger und von heuer.

- © kunst-dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez, Copyright: Georg Kargl Fine Arts, Courtesy: Herbert Hinteregger und Georg Kargl Fine Arts, Vienna

"Ganz am Anfang waren sie noch weich", nämlich die Minen, weiß der Hinteregger aus eigener Erfahrung. (Und seine blaue Periode dauert ja bereits deutlich länger als dem Picasso seine, die es auf nicht einmal fünf Jahre gebracht hat.) "Da konnte man’s ausquetschen. Jetzt ist das Innere halt hart, da muss man eine Stufe geduldiger sein." Intensive Zeitkonzentrate, ausgefeilte Geduldsproben. "Mir wurde gesagt, dass die Bilder die Zeit, die ich hineinstecke, auch ausstrahlen und wieder abgeben." Stimmt. Das tun sie, die beschaulichen Streifenbilder ("zerschnittene Monochromien eigentlich"), die einen beruhigen wie ein gekämmter Zen-Garten, ohne dass sie einen jedoch einschläfern würden. 

Die Tinte geht baden (im Moorsee)

Wie ist er überhaupt auf das Kugelschreiberblau gekommen? (Abgesehen davon, dass er ursprünglich Schriftsteller werden wollte.) Er ist an einem Moorsee in der Nähe von Kitzbühel aufgewachsen und hat irgendwann den Wunsch verspürt, sich ein Stück herauszuschneiden "und an die Wand zu hängen". Gewissermaßen. Und die rätselhaft schimmernde Kuli-Tinte kommt dieser speziellen Oberfläche eben relativ nahe.

Leider sieht man auf dem Foto nicht, wie das neongelbe Band besonders hier im Oberlichtsaal leuchtet. Kein Bild vom Herbert Hinteregger hängt ihm zu hoch. Selbst für "Untitled (Dänisch Nienhof)", links, braucht es keine Leiter. 
- © kunst-dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez, Copyright: Georg Kargl Fine Arts, Courtesy: Herbert Hinteregger und Georg Kargl Fine Arts, Vienna

Leider sieht man auf dem Foto nicht, wie das neongelbe Band besonders hier im Oberlichtsaal leuchtet. Kein Bild vom Herbert Hinteregger hängt ihm zu hoch. Selbst für "Untitled (Dänisch Nienhof)", links, braucht es keine Leiter.

- © kunst-dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez, Copyright: Georg Kargl Fine Arts, Courtesy: Herbert Hinteregger und Georg Kargl Fine Arts, Vienna

Seestücke quasi? Das Gemälde als stilles Gewässer aus geronnener Zeit? Auf alle Fälle eine sinnlich intellektuelle Transformation von Natur in Kunst. Konzeptuelle Landschaften bzw. Abstraktionen, bei denen im Hintergrund die Kontemplation in vertrauten heimatlichen Gefilden mitschwingt. Und zwischendurch spannt der Künstler gemusterte Stoffe als Unterlage auf, verzieht die hineingewobenen Geraden zu sanften Wellen, lässt seine strikten Streifen mit dem Geschwungenen kommunizieren, dem Organischen. Mit Camouflage-Schecken zum Beispiel.

Seine "materialsprachliche Malerei" (Hinteregger) hat folglich einen Bezug zur Außenwelt, ist kein in sich geschlossener Kosmos "wie der von Ad Reinhardt". Überdies verweist der Ausstellungstitel, der sich wie eine Anleitung liest, die jeder selber für sich vervollständigen muss ("How to . . ."), auf ebendiesen Ad Reinhardt. Zitiert dessen collagierte Cartoons. ("How to Look.") 

Das Meer ist gestrandet

Ad Reinhardt, ist das nicht der, der das Licht ausgemacht hat? Welches Licht? Na das, das in diesem legendären Zitat des Kunstkritikers Harold Rosenberg gebrannt hat: "Newman schloss die Tür, Rothko zog den Rollladen herunter und Reinhardt löschte das Licht." Die Kunst zieht sich aus der Hektik und Fülle dort draußen in die pittoreske Stille zurück. In die Reduktion. Und wie soll man was erkennen, wenn’s finster ist? Ach, die späten meditativen Tafelbilder vom Reinhardt sind ohnehin schwarz ("Black Paintings").

He, ist das ein schwarzer Kuli? Nein, ein grüner. Und mit der Ernte aus ein paar roten "blutet" der Hinteregger eine größere Fläche malerisch voll. Hinteregger: "Die rote Farbe vermalt sich anders als die blaue. So gesehen hat das Material bestimmt, wie das aussehen wird." Und der überraschende Schluss? Wo endet das neongelbe Band? Bei der (Spoileralarm!) Ostsee.

Das Ende des Weges (und des Klebebands): So geht die Soloshow von Herbert Hinteregger also aus. Mit einer Ostsee ("Baltic Sea") ohne Blau. Textmarker und Grundierung auf sandstrandfarbener Leinwand. 
- © kunst-dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez, Copyright: Georg Kargl Fine Arts, Courtesy: Herbert Hinteregger und Georg Kargl Fine Arts, Vienna

Das Ende des Weges (und des Klebebands): So geht die Soloshow von Herbert Hinteregger also aus. Mit einer Ostsee ("Baltic Sea") ohne Blau. Textmarker und Grundierung auf sandstrandfarbener Leinwand.

- © kunst-dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez, Copyright: Georg Kargl Fine Arts, Courtesy: Herbert Hinteregger und Georg Kargl Fine Arts, Vienna

Gut, die Bildtitel davor erwähnen eh auch Orte an den dortigen Küsten. (Sandwig, Falshöft, Meierwik, Maasholm, Kronsgaard . . .) Vom Moorsee in den Kitzbüheler Alpen zur "Baltic Sea". Zum finalen Diptychon, wo die zwei Tafeln einmal übereinander hängen statt nebeneinander. Im Spalt dazwischen: der Horizont. Und über beide Teile des Zweiteilers hinweg wogt das Leuchtstiftgelb verbindend auf und ab. Auf sandstrandfarbenem Grund. Kein Blau. Nirgends. Eine konsequente Reduktion bis zur Ebbe.

Absolut stimmig und schlüssig, diese Schau, in der die Zeit das Räumliche segnet.