Durch die Aufmerksamkeit, die in den vergangenen Jahren afrikanischen Künstlern wie Amako Boafo am Kunstmarkt zukam, ist das Interesse geweckt, mehr über die neue Kunstproduktion aus Ghana, Nigeria, Äthiopien, Kongo, Tansania zu erfahren, auch über die in Europa und Amerika arbeitenden Künstlern dieser Herkunft. Boafo ist nach seinem Studium an der Wiener Akademie wieder zurück in Accra und schart in seinem dortigen Atelier und durch ein Artists in Residence-Projekt eine ganze Gruppe neuer Talente um sich, die selbst wenn sie das Ghanatta College of Art and Design absolviert haben, meist nicht an eine Künstlerkarriere dachten. Es ist ein großer Freundeskreis entstanden, aus dem auch die US-Bildhauerin Kennedy Yanko stammt, die der Maler mit schwarzer Hautfarbe porträtiert hat, obwohl sie fast weiß ist, doch durch ihren Vater die afrikanischen Wurzeln bevorzugt.

Barockige Bezüge

Boafo wurde in Wien auf Schiele und Klimt aufmerksam, mehr noch ist aber seine Fingermalerei von Alberto Giacomettis Skulpturen und deren Oberflächenstruktur inspiriert - die so melancholisch wie selbstbewusst aus dem Bild blickende Kennedy ist das Plakat- und Katalogsujet der Ausstellung, die Florian Steininger gemeinsam mit dem in London tätigen bekannten afrikanischen Kurator Ekon Eshun und dem aus dem Iran stammenden Sammler Amir Shariat für die Kunsthalle Krems konzipiert hat. Zum großen Interesse weckenden Hype kommt das Wagnis, da der Kunstmarkt natürlich seine Schattenseiten mit sich bringt und der Sammler nicht nur Boafo nach Miami für ein Stipendium empfohlen hatte und noch bekannter machte, sondern auch im Zusammenhang mit Vermittlung in der Rahmenfälschungsaffäre Heller-Basquiat ins Gerede kam.

Porträt einer Bildhauerin: Amoako Boafo, Kennedy, 2021 - © Bildrecht Wien 2022, Courtesy The Shariat Collections, Jorit Aust
Porträt einer Bildhauerin: Amoako Boafo, Kennedy, 2021 - © Bildrecht Wien 2022, Courtesy The Shariat Collections, Jorit Aust

Doch sollte die Frage gestellt werden, was die neue afrikanische Szene an geistiger Bereicherung für die Kunst bringt, die einer figurativen Tradition folgt, aber auch viele Bezüge zu Künstlern der westlichen Kunstgeschichte aufweist - oft ist von Barock und Rokoko die Rede, nicht nur von Klimt und Schiele. Ganz selten wie bei Josie Love Roebuck tauchen asiatische Anflüge auf, sind jedoch wie bei Vincent van Gogh expressiv altmeisterlich japanisch beeinflusst, also um drei Ecken. Nicht selten sind Gesticktes, Collagen und textiles Arbeiten zur Malerei von großer Bedeutung: so auch bei Basil Kincaids eindrucksvoll repräsentativen Halbfiguren - auch hier taucht "Kennedy mit Nasir" wieder auf. Die älteste Künstlerin verweist noch auf die Ästhetik der Pariser Avantgarde der 1960er: Everlyn Nicodemius aus Tansania erlebte viel Rassismus in Schweden, Belgien und Frankreich, ihre Bilder behandeln das Trauma, das sie auch als Unilehrerin und Kritikerin erfuhr.

Flucht und Migration drückt Tesfaye Urgessa aus Äthiopien mit seltsam gedrängten Figurengruppen aus, die mit dramatischen Gesten den existenziellen Themen Francis Bacons naherücken. Nächtlich und schwarz inszenieren Gastineau Massamba und Kimathi Donkor ihre Protagonisten, Cornelius Annor, der den ganzen Oberlichtsaal mit scheinbar simplen Familienszenen gefüllt hat, gibt diesen mit Stoffcollagen als "Cabinet of Memories" historischen Anstrich. Schwarze Hautfarbe kann auch blau und grau erscheinen wie bei Eric Adjei Tawiah, Otis Kwame Kye Quaicoe oder Atsoupé. Alexander Diop, Franko-Senegalese und Schüler von Daniel Richter in Wien, löste bei Sammler Shariat besondere Begeisterung in Folge eines Akademierundgangs aus. Er collagiert Metall, Latex, kombiniert Schrift und abstrahiert bunte Typen, meist Autoporträts eines jungen, selbstbewussten Schwarzen, der auch Musiker und Tänzer ist. Diese klare Ansage - ein Habitus einer gestärkten Identität - ist auch Souleimane Barrys inspiriertem Sitzenden anzumerken, wie den erschöpften Frauen von Afia Prempeh. Ein lohnender Rundgang, der auch weibliche Selbstbildnisse als Aktfiguren (von Crystal Yayra Anthony) enthält und drei Arbeiterinnen (von Jean David Nkot) zur Dreifaltigkeit gegen Rohstoffausbeutung erhebt.