Das achte Sanktionspaket gegen Russland, das die Regierungschefs der EU-Mitgliedstaaten am 6. Oktober 2022 als Reaktion auf die russische Annexion von Teilen der Ukraine beschlossen haben, setzt jahrelangen Aktivitäten des Wiener Architekturbüros Coop Himmelb(l)au in Russland ein Ende. "Engagements müssen spätestens bis 8. Jänner abgeschlossen werden. Genau das machen wir jetzt", sagte der kaufmännische Geschäftsführer des Büros, Harald Krieger, im Telefonat mit der APA.

Die Rechtslage sei eindeutig, erklärte Krieger und verwies auf eine Verordnung des Europäischen Rates, in der die Erbringung von Architektur-Dienstleistungen für die Regierung Russlands sowie für in Russland ansässige Rechtspersonen nach Ablauf einer dreimonatigen Übergangsfrist verboten wurde.

Da es keine Projekte in Russland gäbe, bei denen Coop Himmelb(l)au Generalplaner gewesen wäre, sei der Ausstieg ohne weiteres möglich, erläuterte er. Sollten in Zukunft Fragen zu den Projekten auftauchen, sind die russischen Auftraggeber auf sich alleine gestellt. "Wir dürfen nichts machen", sagte Krieger.

Ausbleiben von Folgeaufträgen

Konkret müssten bis Jahresende noch zwei Hotelbauprojekte in Moskau sowie im sibirischen Kemerowo abgeschlossen werden, schilderte er. Mit drei weiteren Großprojekten - einem Eishockeystadion in St. Petersburg, einem Theater- und Museumskomplex in Kemerowo sowie einem Opernbau in der Krimhafenstadt Sewastopol - habe das Büro schon seit längerer Zeit nichts mehr zu tun und es gebe in diesem Zusammenhang auch keine laufenden Verträge.

Über wirtschaftlichen Konsequenzen der EU-Sanktionen für das von Architekt Wolf Prix geleitete Büro wollte der kaufmännische Geschäftsführer keine konkreten Angaben machen. Im wesentlichen bestünde der Schaden im Ausbleiben etwaiger Folgeaufträge. "Die Auswirkungen sind aber nicht so groß, dass wir Mitarbeiter entlassen müssten. Wir sind auch bereits auf anderen Märkten präsent", erklärte er.

Insbesondere das von Präsident Wladimir Putin unterstützte Engagement des österreichischen Architekturbüros in Sewastopol hatte zu kritischen Reaktionen geführt. Unter anderem hatte die Ukraine Sanktionen gegen Prix beschlossen und sich die EU-Kommission mit dem Projekt beschäftigt. Auch die Staatsanwaltschaft Wien prüfte gleich zwei Mal, ob das Projekt auf der Krim gegen die europäischen Sanktionsbestimmungen verstoßen habe. In Ermangelung eines Anfangsverdachts auf eine Straftat verzichtete die Behörde jeweils jedoch auf die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens.

"Freche Politik"

Architekt Wolf D. Prix, Gründer und führender Kopf des weltweit agierenden Architekturbüros Coop Himmelb(l)au, der am 13. Dezember seinen 80. Geburtstag feiert, findet im Gespräch mit der APA nichts dabei, in China und Russland zu bauen.

"Was ich von der Politik frech finde", sagt er, "ist, dass sie die Probleme, die sie lösen muss, an uns Individuen delegiert. So hat die EU unser Büro mit einer Sanktion belegt, dass wir nicht mehr in Russland arbeiten dürfen. Damit bricht nicht die russische Wirtschaft zusammen, sondern man schadet uns, einem Teil der österreichischen Wirtschaft."

Weiter sagt Prix: "Ich finde Krieg das Dümmste, was man machen kann. Mein Vater ist schwer verwundet aus dem Krieg zurückgekommen, und die Familie hat mitgelitten. Mehr fällt mir dazu nicht ein. Was soll ich jetzt tun? Soll ich aus moralischen Gründen die Verträge, die wir haben, zur Seite legen? Schauen Sie doch meine Kollegen an! Die Kollegen, die gesagt haben: Nie werden wir für Autokraten und Diktatoren bauen! Mit denen planen wir jetzt Schulter an Schulter in Saudi-Arabien. Das ist die beste Doppelmoral, die ich kenne: Für den Diktator nicht, für den anderen doch. Seit dem Mittelalter gibt es Hunderte Beispiele, dass für autoritäre Systeme gebaut wurde. Und es ist kein Unterschied, ob man für turbokapitalistische Systeme oder für autokratische plant." (apa/hgh/whl/maf)