Die Musik und die Farbe pflegen ja überhaupt eine intime Beziehung miteinander. Klänge haben bekanntlich Farben (die Klangfarben eben), Farben wiederum Töne (Farbtöne). Und werden Bilder nicht ebenfalls komponiert? Nicht, dass Ágnes Zászkaliczkys Ölgemälde, die sich einem mit ihrer dekorativen Buntheit fast wie Ohrwürmer einprägen, bloß dass sie sich halt durch die Pupillen bohren, Augenwürmer sind, nicht dass das also Musikstücke wären. (Oder irgendwie sind sie das durchaus.)

Musikalisch ist dieser süffige Realismus aber auf alle Fälle. Noch dazu beherrscht die Malerin (1980 in Budapest geboren) gleich zwei Instrumente. Oder genau genommen sogar drei. Nicht nur ihr Streichinstrument, den Pinsel, sondern außerdem Klavier und Orgel. Weil sie vor ihrem Kunststudium am Ilya-Repin-Institut für Malerei, Skulptur und Architektur in Sankt Petersburg noch am Salzburger Mozarteum ihr Orgel-Diplom erworben hat. 

Malen ohne Zahlen, dafür mit Noten

Die Musik hat die diplomierte Organistin und Pinselsolistin förmlich im Blut. Bzw. in den Genen. Vater: orgelnder Bach-Forscher, Mutter: Klavierlehrerin. Verheiratet ist sie, die Tochter, übrigens mit Tibor Bogányi, der beruflich auch ein Staberl schwingt. Allerdings ein unbehaartes, eines ohne Borsten. Den Taktstock nämlich. (Er ist Dirigent, hallo?) Und ein Streichinstrument spielt er obendrein: Cello. Hat auf diesem, mit dem man Musik "verstreicht" und keine Farbe, während der Vernissage im Taith contemporary ("Taith": Walisisch für "Reise, Weg, Entwicklung") was zum Besten gegeben.

Und seine doppelt begabte Frau, deren Spezialgebiet das Porträt ist? Stimmt sich, besonders auf ihre Musiker- und Musikerinnenporträts, mit den passenden Klängen ein. Inspiriert sich an der Musik der konterfeiten Pianisten, Schlagzeuger, Dirigenten, Sänger und -innen, lässt diese in ihre Malerei einfließen. Liefert gleichsam den Soundtrack mit. Läuft folglich beim Malen ständig Musik? Mischt Zászkaliczky ihren Farben quasi Töne bei, um sie zum Klingen zu bringen? "Nicht immer. Ich brauch auch Stille." Wie bei ihrem Carmina-Burana-Projekt (einer opulenten 3D-Bühnenshow mit visuellen Effekten und Tanz, zusammen mit ihrem Mann an der Budapester Oper realisiert) fusionieren Malerei und Musik.

Leonard Bernstein, 2016 von Ágnes Zászkaliczky gemalt, dirigiert die Farbtöne. 
- © Ágnes Zászkaliczky

Leonard Bernstein, 2016 von Ágnes Zászkaliczky gemalt, dirigiert die Farbtöne.

- © Ágnes Zászkaliczky

Leonard Bernstein mal drei (ältere Arbeiten von 2016). Einmal dirigiert der Maestro mit ausladender Gebärde in Schwarzweiß. Und offenbar was Moderneres. Lauter Streifen greifen jedenfalls hinter seinem Rücken ineinander, verweben sich zur geometrischen Abstraktion. Das Muster macht Musik. Oder erzeugt, andersrum, die Musik ein Muster? Im Diptychon daneben verhallt dagegen der Hintergrund als Echo eines intimen, gefühlvollen Dirigats, verfließen die Gesten der Künstlerin zu diffusen Farbklängen, einer düsteren Atmosphäre, die auf der linken Tafel des Zweiteilers abrupt in schroffe senkrechte Balken umschlägt, in eine ziemlich emotionslose Strenge. Malen nicht nach Zahlen, vielmehr nach Noten. Sozusagen. 

Die Tapete macht Stimmung

"Muster mag ich", gesteht die Malerin, die ihr Leben und ihre Kunst "benotet". "Und Art déco." Generell "tapeziert" sie ihre Hintergründe gern. Mit einem prächtigen All-over. Hinterfängt ihre figurativen Inszenierungen mit ornamentalen Rhythmen, visualisierter Akustik. Die Tapete "musiziert", macht Stimmung auf diesen Bühnen, auf denen Sachlichkeit auf Jugendstil trifft. Die unnahbare Coolness wird von einem Hauch Melancholie erwärmt, die Glätte von einem malerischen Gemüt beseelt. Über den Ernst huscht das sanfte Licht wie ein Lächeln.

Mustergültig, das Porträt ("Emotions VI.", 2021), das die Ágnes Zászkaliczky da angefertigt hat. 
- © Ágnes Zászkaliczky

Mustergültig, das Porträt ("Emotions VI.", 2021), das die Ágnes Zászkaliczky da angefertigt hat.

- © Ágnes Zászkaliczky

Nie nüchtert dieser cleane Realismus komplett aus oder wird gar unpersönlich. Im Gegenteil. Nicht zuletzt, weil die dargestellten Personen Zászkaliczky großteils näher bekannt sind. Gut, dem Bernstein ist sie lediglich im Archiv der Wiener Philharmoniker begegnet. Schließlich hat er bereits 1990, und da war sie erst zehn, seinen Taktstock – und sein anderes Staberl, das glimmende, den Glimmstängel – endgültig aus der Hand gelegt, der berüchtigte Kettenraucher. Wobei: Ersteren, den Taktstock, hat er ja im Grunde schon ein paar Wochen vor seinem Tod "abgegeben". Öffentlich. Am Ende seines "Final Concert" ("It’s over"), wo er sich nach einem Schwächeanfall mit Mühe durch die letzten Takte von Beethovens Siebenter gekämpft hat. Andererseits hat man ihm ein Dirigentenstaberl in den Sarg gelegt. Aber selbstverständlich keine Zigarette.

Und seine posthume Porträtistin (hm, das Opus, auf dem er den Taktgeber in der einen sowie den Tschick in der anderen Hand hat, wird jetzt geradezu zum Memento mori) hat die schwarzweißen Fotografien nicht mit heimnehmen dürfen. Hat sie höchstens an Ort und Stelle handygrafieren dürfen. Denn was man digital auf dem Smartphone besitzt, kann man getrost nach Hause tragen. 

Auf Kleid reimt sich Krawatte (aber nur eine geblümte)

Auch ihre lebenden Modelle fotografiert sie in der Regel. Macht mit ihnen Fotosessions und keine Malsitzungen. ("Niemand hat Zeit zu sitzen." Nämlich so lange. Und ruhig.) Tja, das Sitzfleisch der Mona Lisa, die es sogar noch geschafft hat, dabei zu allem Überfluss noch zu schmunzeln, ist längst Geschichte. Kunstgeschichte.

Ágnes Zászkaliczkys Leinwände sind eben Mensch-Muster-Begegnungsstätten. ("Emotions VII.", 2021.) 
- © Ágnes Zászkaliczky

Ágnes Zászkaliczkys Leinwände sind eben Mensch-Muster-Begegnungsstätten. ("Emotions VII.", 2021.)

- © Ágnes Zászkaliczky

Und die Dunkelhäutige, einmal ernst, einmal unterschwellig lächelnd, vor der stilisierten üppigen Botanik, einer grafischen "Blümchentapete"? Musikerin? Sängerin? "Nein, eine Studentin", weiß die, die sie gemalt hat. "Aus dem Kongo." Welches Instrument? Klavier, der Pinsel, die Stimme? Oh, das Stethoskop. Ihr Fach ist Medizin. Man sieht den Leuten ihre Profession halt nicht an. Und kein Attribut gibt hier einen Hinweis. (Außer beim Bernstein.) Der Mensch allein, seine Ausstrahlung, ist von Bedeutung und Interesse.

Doppelporträt auf dem Kanapee – he, das reimt sich ja irgendwie. Genauso wie das Kleid und die Krawatte der zwei, die auf besagter Couch Platz genommen haben. Seit wann reimen sich Kleid und Krawatte? Das sind doch nicht einmal Stabreime, wo sich die Wörter vorne reimen, nicht hinten. Denselben Anlaut haben. Wie in "Kind und Kegel" oder "Leib und Leben", "frank und frei". Freilich muss die Silbe jeweils eine betonte sein. Und trotzdem reimen sich das lange Kleid, das Kafiya Mahdi, ein Model mit Fluchthintergrund, trägt, und die Krawatte des Sohnes der Künstlerin. Optisch. Auf beiden sind zumindest rote Blüten drauf, auf die die Blicke fliegen wie die Bienen.

Blumenmädchen: Jö, die Krawatte, die der Sohn der Künstlerin trägt, reimt sich in Ágnes Zászkaliczkys "Destiny I." (2022) ja auf die Blütenpracht, in die Model Kafiya Mahdi gehüllt ist. 
- © Ágnes Zászkaliczky

Blumenmädchen: Jö, die Krawatte, die der Sohn der Künstlerin trägt, reimt sich in Ágnes Zászkaliczkys "Destiny I." (2022) ja auf die Blütenpracht, in die Model Kafiya Mahdi gehüllt ist.

- © Ágnes Zászkaliczky

Die mit 15 vor einer Zwangsheirat nach Europa geflohene Somalierin, die ein Jahr unterwegs war, bis sie in einem ungarischen Waisenhaus gelandet ist, und die nun erfolgreich modelt, und ein blonder Bursch, der als Wiener Sängerknabe viel herumgekommen ist, sitzen vielleicht nicht im selben Boot, aber einträchtig nebeneinander auf demselben Sofa (dessen glänzendes schwarzes Leder sich sinnlich knautscht, dass man es beinah knirschen hören kann). 

Sängerknaben beim Synchronschweigen

Zwei Wiener Sängerknaben, asketisch. ("Hitomi", so heißt das Bild von Ágnes Zászkaliczky, und das ist auch im Hintergrund zu lesen.) 
- © Ágnes Zászkaliczky

Zwei Wiener Sängerknaben, asketisch. ("Hitomi", so heißt das Bild von Ágnes Zászkaliczky, und das ist auch im Hintergrund zu lesen.)

- © Ágnes Zászkaliczky

Diesmal hat sich das Muster gänzlich aufs Gewand zurückgezogen, der Hintergrund ist eine neutralgraue Fläche, die von den Schatten im Raum verortet wird. Moment: Muster und Menschen (das stabreimt, nebenbei bemerkt). Ach, wie beim Klimt (der mit dem Kleid alliteriert)? Nicht direkt. Beim Jugendstilmeister werden die Körper vom Ornament regelrecht verflacht, lösen sich in diesem auf. Okay, Zászkaliczkys Schöne wird von den blühenden Stoffmassen, unter denen ihre Füße völlig verschwinden, zwar ebenso einverleibt (ein Fleisch fressendes Kleid gewissermaßen), das Blümchenmuster verhält sich jedoch vollkommen natürlich. Wirft Falten, reagiert aufs Licht. (Nein, es schläft nicht nachts und schließt seine Kelche, bevor es wieder in den Morgen hineingähnt.)

So gesehen wurden aus dem vergleichsweise asketischen Bild mit den zwei Sängerknaben sämtliche Blümchen gepflückt. Sohn János und ein japanischer Internatskamerad hüllen sich in zeitlose Tücher (der eine in ein weißes, der andre in ein blaues), in monochrome Flächen (nicht in ihre Matrosenanzüge), und starren den Betrachter unverwandt an. Hocken vor einem Weiß, das nicht einmal rauscht. Vor der weißen Stille. Synchronschweigen. (Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. – Und das Singen?) Zwischen ihren Köpfen: ein goldenes asiatisches Schriftzeichen. Das japanische Wort "Hitomi". Auf Deutsch heißt das dennoch nicht Sängerknabe. Sondern? Pupille.

Witzigerweise bedeutet das englische Wort "pupil" neben Pupille auch Schüler (der auf Japanisch wiederum "Seito" hieße). Hitomi war zudem der Name eines Weltraumteleskops. Die klaren Blicke der im Duett Schweigenden gehen gleichfalls tief. Ein Japaner und ein Ungar singen in Wien im Chor und touren durch den Rest der Welt. Die Mutter von Zweiterem: "Wir müssen unseren Kindern beibringen, dass wir alle gleich sind. Egal, woher wir kommen. Das ist auch die Botschaft der Wiener Sängerknaben." 

Allein mit den bunt durcheinandergewürfelten Farben

Ágnes Zászkaliczky erwischt Sohn János in flagranti mit - Rubiks Würfel. 
- © Ágnes Zászkaliczky

Ágnes Zászkaliczky erwischt Sohn János in flagranti mit - Rubiks Würfel.

- © Ágnes Zászkaliczky

Erneut der János, noch reduzierter. Allein. Konzentriert auf "das" Solitär- und Geduldsspiel der 1980er Jahre: Rubiks Würfel. Und während der Sängerknabe in Zivil versucht, die chaotische Buntheit in Ordnung zu bringen, die sechs Farben auseinanderzudividieren, strahlt er eine ansteckende innere Ruhe aus. (Ich hab ja immer irgendwann aufgegeben und die Pickerln heruntergekletzelt und nachher "richtig" aufgeklebt.) Im ersten Lockdown hat Zászkaliczky ihn so in der Küche vorgefunden, ihren Buben, und sofort das Potenzial der Szene erkannt. Ein Andachtsbild des Social Distancing? Der pandemischen Isolation? Des Zurückgeworfenseins auf sich selbst?

"Porträts und Landschaften" verspricht der Ausstellungstitel. Und Landschaften? Na ja, Stadtlandschaften. Die Aussicht "von unserer Terrasse". Wo? In der Leopoldstadt. Für die, die sich in Wien nicht auskennen: Nein, kein Ort in Niederösterreich (das wäre Leopoldsdorf), sondern der zweite Bezirk. Tag und Nacht, Rücken an Rücken in der Auslage. Wie ein Januskopf. Derselbe Ausschnitt. Mit Sonnen- und (noch stimmungsvoller) mit künstlichem Licht. Mit beleuchteten Fenstern, die anzeigen, dass jemand zu Hause ist.

Sehr persönliche Bilder, die für alle anderen freilich . . . nicht weniger sehenswert sind.

Blick von Ágnes Zászkaliczkys Terrasse auf die nächtliche Leopoldstadt. 
- © Ágnes Zászkaliczky

Blick von Ágnes Zászkaliczkys Terrasse auf die nächtliche Leopoldstadt.

- © Ágnes Zászkaliczky