Farben haben halt auch Gefühle. Oder haben, umgekehrt, Gefühle Farben? Farben drückt man jedenfalls aus der Tube und Gefühle aus. Letzteres manchmal mithilfe von Farben. Man errötet, wenn einem etwas peinlich ist oder man sich geniert, man wird gelb und grün vor Neid (das hab ich allerdings noch nie live beobachtet, dass es einem das Neidgelb oder das Neidgrün ins Gesicht getrieben hätte wie die Schamesröte), ärgern tut man sich dagegen grün und blau – oder nur grün. Das wiederum hab ich sehr wohl gesehen. Im Fernsehen. Da ist ein Wissenschafter, immer wenn er wütend geworden ist, zum Zornbinkerl Hulk ergrünt. Zum großen grünen Männchen. 

Wenn die innere Ruhe Bewegung macht

Für seine Gefühle reichen ihm freilich oft die Farbtuben nicht, dem Zhang Wei. Dann schüttet er die Emotionen lieber gleich aus Kübeln. Bevor er die Malerei mit seinem Motorrad überfährt. Nicht, weil er sie umbringen will (die anscheinend sowieso unsterblich ist), vielmehr weil er verspielt ist. Reifenspuren (nicht einmal welche von einem ferngesteuerten Spielzeugauto, mit dem er ebenfalls bereits experimentiert hat) sind aber eh keine auf den Bildern auszumachen, die in der Galerie Krinzinger dem Ausstellungstitel "The Colors of Emotions" ausdrucksstark Farbe verleihen.

Zhang Wei erzählt hier eigentlich eine Dreiecksgeschichte: Magenta, Blau und - die Leere. 
- © Courtesy: Galerie Krinzinger und Zhang Wei

Zhang Wei erzählt hier eigentlich eine Dreiecksgeschichte: Magenta, Blau und - die Leere.

- © Courtesy: Galerie Krinzinger und Zhang Wei

Es wird gegossen, gespritzt, verstrichen. Doch bei all der kinetischen Energie, die in diesen mutmaßlichen Action-Paintings gespeichert ist, strahlen die großzügigen Flecken und prägnanten Gesten dennoch eine gewisse Gelassenheit aus, eine innere Ruhe. Etwas Abgeklärtes. Die Konzentriertheit der chinesischen Kalligrafie. Der 1952 in Peking geborene Maler, der nach seinen knapp 20 New Yorker Jahren 2005 in seine Geburtsstadt zurückgekehrt ist und als einer der frühesten Abstrakten Chinas in seiner Heimat zur Avantgarde zählt, geht sichtlich spar- und bedachtsam mit der Action um. Wahrscheinlich, weil nicht allein Jackson Pollock (dieser Spritzer und Tröpfler) Eindruck auf ihn gemacht hat, sondern genauso die Alten Tuschemeister.

Besonders von einem schwärmt er, der aus jener Dynastie stammt, die bekannt ist für ihre teuren Vasen: Xu Wei. Der hat also in der Ming-Dynastie Eseln auf bemerkenswerte Art Beine gemacht, sie angetrieben, bis sie ihre Hufe verloren haben. (Um mit der Lücke zwischen Haxen und Huf die davongaloppierende Bewegung einzufangen.) 

Die Landschaft ist beunruhigt

Und Zhang Wei scheint nun den westlichen abstrakten Expressionismus mit östlichen Traditionen zu "verpartnern". Im Endeffekt sind seine kraftvollen Bilder, auf denen laute und leisere Töne spannungsreich zusammenklingen, leidenschaftliche Beziehungsgeschichten. Zwischen den Farben untereinander und zwischen ihnen und der Leere.

Eigentlich ist die Paarung Orange und Grün oder das Techtelmechtel zwischen Magenta und Blau folglich eine Dreiecksgeschichte (auch wenn die Leinwand viereckig ist). Weil das Weiß der Grundierung so prominent mitmischt. Und dauernd verliert der Zufall quasi die Kontrolle, die daraufhin offenbar die Intuition übernimmt, das Form-, Farb- und Bauchgefühl.

Wuchtiges von Zhang Wei. (Öl auf Leinen, 2021.) 
- © Courtesy: Galerie Krinzinger und Zhang Wei

Wuchtiges von Zhang Wei. (Öl auf Leinen, 2021.)

- © Courtesy: Galerie Krinzinger und Zhang Wei

Abstraktion als künstlerischer Freiheitskampf. Anfang der 1980er Jahre hat sich Zhang Wei mit einem inszenierten Zufall (Leiter rauf, Farbe runter, platsch!) von der Gegenständlichkeit endgültig verabschiedet, konkret von seinen Landschaftsimpressionen, mit denen er wiederum dereinst, als Mitglied des Underground-Kollektivs Wuming (No Name Group), die Autorität des dogmatischen Sozialistischen Realismus angezweifelt hat.

Und jetzt, 2022, mit dem Ukraine-Krieg, ist er gleichsam zur Landschaft zurückgekehrt, um sie erneut zu verlassen. Bzw. variiert er die ukrainische Fahne, bei der es sich insgeheim ja um eine minimalistische Landschaftsdarstellung handelt (Weizenfeld unter blauem Himmel), dahingehend, dass er ein bissl Unruhe in die "Kornkammer Europas" bringt. Nicht, dass er ein blutiges Rot verspritzen würde. Das Verhältnis zwischen Himmel und Erde ist einfach nimmer so ausgeglichen (und so fad). Das Gelb wird zum gestischen Akzent, zum expressiven Lebenszeichen, das in einen Dialog mit dem entspannten Blau tritt. 

Die Seite ist so lang, die füllt das ganze Buch

Ein Buch, das von der Ukraine handelt, hat der Künstler ebenso gestaltet. Es ist zwar nicht so dick wie "Krieg und Frieden", hat schließlich nur eine einzige Seite, die dafür umso länger ist, hat aber auch viel zu sagen. Auf dem Reispapierstreifen in Zick-Zack-Faltung unterhalten sich Gelb und Blau angeregt miteinander (ein Duett oder Duell?) und können sich offenkundig nicht entscheiden, ob sie Kalligrafie oder Malerei sein wollen und sind kurzerhand beides. Die Präsentation als zackiges "Gebirge" statt als entfaltete, glattgestrichene Ebene zerstückelt das Streitgespräch noch weiter in Gesprächsfetzen. Erhöht die Dramatik.

Abstrakte Kunst ist eben nicht zwangsläufig weltfremd. Und unpolitisch ist sie schon gar nicht.

Das "einseitige" Buch in der Vitrine ist von Zhang Wei und heuer und verwickelt die Landesfarben der Ukraine in einen Dialog. 
- © Carmen Alber, Courtesy: Galerie Krinzinger und Zhang Wei

Das "einseitige" Buch in der Vitrine ist von Zhang Wei und heuer und verwickelt die Landesfarben der Ukraine in einen Dialog.

- © Carmen Alber, Courtesy: Galerie Krinzinger und Zhang Wei