Ihr praktischer Charakter lässt sich kaum bestreiten - und das nicht erst seit anhaltenden Hitzeperioden und Betonsiedlungsöfen, die auch in der Nacht ihr tropisches Klima halten. Die leichtgewichtigen und zusammenfaltbaren Instrumente lassen sich unkompliziert verstauen und transportieren, sie surren nicht, brauchen keine Steckdose und haben eine sofortige Kühlwirkung. Ihre Nutzung allerdings geht weit darüber hinaus: Kaiserin Sisi etwa verbarg ihre zunehmend schlechten Zähne hinter dem Fächer. Doch ein eigenes Museum für diesen Windmacher? Unbedingt, meint die Hausherrin Hélène Alexander.

Das kleingehaltene Fan Museum eröffnete 1991 und gilt damit als erstes Sammlungshaus, das sich dezidiert dem Fächer-Phänomen widmet. (Seit 1995 gibt es übrigens eins in Bielefeld.) Zu finden ist es im Londoner Stadtteil Greenwich, in einem unter Denkmalschutz stehenden Gebäude mit zauberhafter Orangerie und einem japanisch gehaltenen Garten: der adäquate Rahmen für die Kollektion von Hélène Alexander, einer Lady erkorenen Stils. Aufgewachsen in wohlhabenden Verhältnissen in einem liberalen Alexandria und dort schon als Kind in höchsten Kreisen verkehrend, stellt sie in ihrem Spezialmuseum nicht nur Fächer aus, sondern auch eine Atmosphäre her. "Sie wird heuer 90 Jahre alt, kommt aber noch immer sechsmal pro Woche in ihr Museum", erzählt die junge Mitarbeiterin Ailsa Hendry, die der Chefin als Kuratorin zur Seite steht.

Schon im alten Ägypten

Hélène Alexander und ihr Ehemann. - © C. Marschall
Hélène Alexander und ihr Ehemann. - © C. Marschall

Der Sammlungsrundgang beginnt im "Green Room" und erzählt neben der Geschichte von Fächern auch die des Museums. Aus dem Audioguide wird man majestätisch und mit klassischer Musik begrüßt. Über dem Kamin hängt ein stattliches Porträt von Hélène Alexander mit ihrem Mann Anthony Victor ("Dicky") Nessim. Rundherum werden Fächer sämtlicher Ausführungen gezeigt: in verschiedenen Designs aus verschiedenen Erdteilen und Epochen. Was sie allesamt auszeichnet: delikate Handarbeit und hochwertige Materialien. Erste historische Darstellungen von Fächern stammen noch aus dem alten Ägypten: in Form von großen Wedeln, mit denen Diener ihren Herrschern Frischluft zuwarfen. Das Museum aber fokussiert auf in Eigenhand gehaltene Fächer, die in Europa ab dem 16. Jahrhundert auftauchen. Die ausfaltbare Fläche und der Haltestil wurden zunehmend künstlerisch gestaltet und zum Statussymbol: zuerst mit Motiven aus dem antiken Griechenland oder der Bibel, später auch mit zeitgenössischen Darstellungen wie der Französischen Revolution.

Multifunktional: ein Fächer im Operngucker. - © C. Maschall
Multifunktional: ein Fächer im Operngucker. - © C. Maschall

Die Sammlung besteht einerseits aus der privaten Kollektion der Begründerin, andererseits aus der Fan Museum Trust Collection: Nachlässe, Ankäufe und Geschenke ans Haus. Ein Exponat ist mit einer Zeichnung von Don Quixote und Sancho Panza versehen - angefertigt von niemand Geringerem als Salvador Dali. Zu weiteren Schmankerln gehören von Künstlern wie Paul Gauguin, George Sheringham oder Walter Sickert gestaltete Fächer, rare Prachtstücke aus dem Elisabethinischen Zeitalter, japanische Gerichtsfächer oder ein Fabergé-Fächer mit detaillierten Goldarbeiten.

Die Sprache der Fächer

Fächer trugen in der gehobenen Schicht einen exotischen Nimbus der Koketterie mit sich, der auch dazu diente, die soziale Stellung kundzutun. Angeblich soll es eine eigene, semigeheime Fächersprache gegeben haben: Legt eine Dame den geschlossenen Fächer auf ihre linke Wange, soll das demnach als Liebesbekundung gedeutet werden. Lässt sie ihren Fächer fallen, gilt die Geste als Teil des Balzverhaltens, und der sich angesprochene Herr muss vor ihr niederknien, um ihn aufzuheben. "Ja, diese Legenden gibt es", sagt Ailsa Hendry, "aber bewiesen ist gar nichts. Es ist durchaus möglich, dass es sich bei dieser ‚Fächersprache‘ um einen Marketingtrick aus dem 18. Jahrhundert handelt: Damals war das Bürgertum stark im Wachstum und man wollte es so womöglich zu neuen Trends verführen."

Im Flamenco allerdings gibt es tatsächlich eine Fächersprache, in der die Haltung den Inhalt bestimmt. Und aus dem japanischen Militär stammen nichtfaltbare Signalfächer, mit denen kommuniziert werden kann. "Diese Fächer heißen Gunbai Uchiwa", sagt Ailsa Hendry: "Sie werden auch heute noch verwendet: im Sumo-Ringkampf."

Fächer sind im europäischen Raum - anders als in Asien - kulturell nach wie vor eher den Frauen vorbehalten. Ausnahmen wie Karl Lagerfeld bestätigen die Regel: Er hielt sich mit diesem Instrument den Mundgeruch seiner Gesprächspartner fern.

Samurai hingegen hielten mit Fächern ihre Feinde auf Abstand - mit Fächern aus Eisen, wohlgemerkt: Wenn sie das Haus eines anderen Samurai betraten, hatten sie ihre Ausrüstung samt Schwert abzulegen - nicht aber den Fächer, und so wurde der zur geheimen Waffe: James Bond lässt grüßen - so auch bei einem vortäuschenden Fächer, der sich als waschechter Dolch entpuppt. Ein anderer Fächer hat ein Hörrohr als direkte Verlängerung, ein weiterer wurde mit einem Opernglas kombiniert, in der Vitrine daneben liegt ein Exemplar mit einem versteckten Fach für Nähzubehör. Außerdem sind Fächer zu sehen, die sich aus einer scheinbaren Zigarrendose falten, aus einem kleinen Champagnerfläschchen schlüpfen oder sich aus einer Pistolenform herausschälen. In ihrer Verwandlungsgabe erinnern diese nur scheinbar eindeutigen Gegenstände an Taschenspielertricks.

Kuriositäten

Im Fan Museum werden aber nicht nur Täuschungsobjekte ausgestellt, sondern mehrheitlich schlicht bestechende Sammlerstücke: mit fein bearbeitetem Schildpatt oder farbenprächtigen Federn, die in der Form von fliegenden Schmetterlingen arrangiert sind. Jene Stücke, die nicht gezeigt werden, übertreffen die Zahl der ausgestellten Fächer bei Weitem, doch mit dem riesigen Archiv im Rücken konnten hier bereits um die hundert temporären Nischenausstellungen gestaltet werden, zu Themen wie Fächerkuriositäten, Art-Déco-Schmuckstücken oder Objekten vom Zarenhof. Auch die Wiener k. u. k. Hoflieferanten Gebrüder Rodeck, die schmuckvolle Zigarrenetuis, Lampen und Kutscheruhren angefertigt haben, sind in der Museumssammlung mit ihren kunstvollen Fächern vertreten.

Für Interessierte, die nicht unbedingt zwei linke Hände mit sich tragen, finden reguläre Workshops statt, bei denen man lernt, eigene Fächer anzufertigen. Darin geht es um mehr, als mit einem zusammengefalteten Blatt Papier herumzuwacheln, und man wird - den gediegenen Gepflogenheiten des Hauses entsprechend - von Fächer-Koryphäen unterrichtet.

Man muss also kein Fächer-Freak sein, um diesem Museum einen Besuch abzustatten, denn es zeigt abermals: Jedes Thema kann Spannung entfalten, sofern man sich gründlich genug damit beschäftigt.