Worum genau es sich bei dem handelt, was Caitlin Lonegan da macht, das ist nicht so eindeutig. Ja, sie malt. Und am Ende kann man die Bilder ganz klassisch aufhängen (zum Beispiel in der Galerie nächst St. Stephan). Aber hat man es hier tatsächlich mit einem abstrakten Expressionismus zu tun? Wenn, dann mit einem lyrischen. Einem abstrakten Stimmungsexpressionismus? Oder doch mit einem abstrakten Impressionismus? Womöglich gar mit einem impressionistischen Expressionismus?

Reale Eindrücke verarbeitet die Malerin aus Los Angeles (geboren wurde sie freilich 1982 in Long Island, New York) nämlich durchaus. Beobachtet das Licht, die Farben. Nicht einmal unbestreitbar abstrakt sind die Arbeiten also. Moment: das Licht? Wie dieser Monet? Der nicht die Nadel, sondern den Sonnenstrahl im Heuhaufen gesucht hat und dessen Farben blumig im Seerosenteich getrieben sind und sich an der Fassade der Kathedrale von Rouen tageszeit- und witterungsabhängig in Licht und pure Malerei aufgelöst haben? 

Die Sonnenstrahlen wälzen sich nicht nur im Heu

"Sie macht es dann aber ohne Kathedrale sozusagen", merkt Autor und Kurator Jurriaan Benschop zu Lonegan und ihrer "abstrakten Art von Impressionismus" an (in seinen auf Video aufgezeichneten einführenden Worten, die in Schleife laufen). Okay, auch wenn sie quasi die Heuhaufen (und die Kathedrale) weglässt, wirkt ihre Malerei (Technik: metallisches, irisierendes und "stinknormales" Öl auf Leinwand) nicht "unnatürlich", erblüht diese mitunter wie die Seerosen im Teich des Paradeimpressionisten. Oder breitet sich auf der Fläche wie ein Gewächs aus. Ohne allerdings alles zuzuwuchern. Oft tut sich eine Lichtung im atmosphärischen Fleckendickicht auf, in die das Licht hinaustritt wie ein scheues Reh.

Lichtungen im Fleckendickicht: Caitlin Lonegans malerische Buntheit hält dem Weiß einen Platz frei. 
- © Markus Wörgötter, Courtesy: Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder

Lichtungen im Fleckendickicht: Caitlin Lonegans malerische Buntheit hält dem Weiß einen Platz frei.

- © Markus Wörgötter, Courtesy: Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder

Das Weiß der Grundierung dient überhaupt als Lichtquelle. Die Lichtgeschwindigkeit mag die höchste im Universum sein, in Lonegans Universum lässt sich das Licht Zeit. Ein Wetter gibt es ebenfalls. Einen sanften Goldregen. Oder einen aus Silber oder Kupfer. Oder es tröpfelt ohne metallischen Schimmer.

Es tröpfelt? Wie bei Jack the Dripper? Wenn Jackson ("der Tröpfler") Pollock seine Tropfen geschleudert hat, ist dabei zum Schluss jedenfalls ein Action-Painting herausgekommen. Die "Drippings" von Caitlin Lonegan sind beschaulicher. Und vergleichsweise unhektisch. Action in Slow Motion? Pollock in Zeitlupe? Nicht, dass es bei der Amerikanerin nicht spritzen täte, ihre "expressiv impressionistischen" Gemälde nicht spritzig wären. 

Sein Pinsel ist ein Chamäleon

Mittendrin in der Ausstellung plötzlich vollkommen andere Töne. Rauere. Nimmer die etwas gedämpften, die aquarellig zu Harmonien verfließen. Stattdessen wilde Materialschlachten (Acryl, Öl, Emaille, Sprühfarbe und Tinte) auf roher, ungrundierter Jute. Ein bissl wie Jekyll und Hyde. Ist da jemand etwa eine gespaltene Persönlichkeit? Leidet an einer dissoziativen Identitätsstörung? Und zwischendurch übernimmt eben ein Brutalo die Kontrolle über die Hand der Künstlerin? Ein Stimmungsschwankungs-Expressionismus demnach? Lonegans Mr. Hyde heißt übrigens Lewis. Vorname: Spencer. Und ist wirklich ein anderer. Leibhaftig. Privat sind die beiden jedoch eh ein Paar.

Hier irgendwo hat sich das "Borstenvieh" (der Pinsel) in seinen natürlichen (oder künstlichen? - schließlich handelt es sich um Kunst) Lebensraum hineingetarnt: in die Malerei (von Spencer Lewis). Acryl, Öl, Emaille, Sprühfarbe, Tinte und eben ein Pinsel auf Jute. 
- © Markus Wörgötter, Courtesy: Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder

Hier irgendwo hat sich das "Borstenvieh" (der Pinsel) in seinen natürlichen (oder künstlichen? - schließlich handelt es sich um Kunst) Lebensraum hineingetarnt: in die Malerei (von Spencer Lewis). Acryl, Öl, Emaille, Sprühfarbe, Tinte und eben ein Pinsel auf Jute.

- © Markus Wörgötter, Courtesy: Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder

Lewis (Jahrgang 1979, mit Atelier in L.A.) bürstet seine Jute sogar. Raut sie auf, bis sich ihr die Härchen aufstellen, als hätte sie eine Gänsehaut. Generell ist er, der seine kräftige, laute Farbpalette sehr direkt und rabiat aufträgt, nicht gerade zimperlich im Umgang mit seinen Malsachen. Nicht zuletzt hat er auf einem der Bilder (als Pointe) sein "Borstenvieh" in der Farbmasse ertränkt. Armes Schwein. Wieso "Schwein"? Borstenvieh unter Anführungszeichen! Gemeint ist: der Pinsel. Ein recht breiter, nebenbei bemerkt. Und der hat sich dermaßen perfekt in seinen Lebensraum, in die pastose Buntheit, hineingetarnt (wie ein Chamäleon), der ist jetzt praktisch unsichtbar.

Jekyll und Hyde – das bedeutet selbstverständlich nicht, dass die eine die Brave wäre und der andere schlimm. Das duftig Luftige und die rotzige Sinnlichkeit ergänzen sich eher. Intensivieren sich gegenseitig. Und vertragen sich erstaunlich gut.