Was man hier, in der zs art galerie, geboten bekommt, ist nicht normal. Behauptet zumindest der Titel der Schau (nicht, dass er die gezeigten Sachen für verrückt erklären würde – jedenfalls nicht dezidiert): "Abweichen von der Norm." Dabei scheint mit dem, was an den Wänden hängt, wenigstens auf den ersten Blick, eh alles in Ordnung zu sein.

Die zwei, die da ausstellen, sind nämlich sehr ordnungsliebend. Allerdings dürfte ihre Ordnung so kreativ sein wie dieses berüchtigte Chaos. Speziell dem Thomas Koch seine. Doch selbst bei ihm ist das Raster noch überall ein Hintergrundrauschen. Und auf Quadrate stehen sowieso beide. Auf den Kreis unter den Vierecken. Nahezu alle Arbeiten sind schließlich gleich hoch wie breit. 

Diese Würfel benehmen sich einfach unmöglich

Beti Bricelj "würfelt" ein paar von ihren "viereckigen Kreisen" sogar. Ach, die Slowenin (1974 in Postojna geboren), die in ihrem Geburts- und in Schottland lebt, arbeitet und gerade Striche zieht, montiert noch fünf weitere Quadrate dazu? Nein, denn ihre "FlatCubes" (Flachwürfel) verfügen natürlich nicht über sechs Flächen (sonst wären sie ja Fat Cubes bzw. welche mit "normaler" Figur), sie haben vielmehr sechs Ecken. Sind Hexagone. Außen. Noch dazu unregelmäßige.

Wieso diese "impossible objects" DOCH möglich sind (sonst würden sie schließlich nicht existieren)? Weil Beti Bricelj sie nicht geschnitzt, sondern auf Holz GEMALT hat. Zwei "FlatCubes": Flächen mit surrealen 3D-Effekten. 
- © Stefan Seelig, Courtesy: zs art galerie

Wieso diese "impossible objects" DOCH möglich sind (sonst würden sie schließlich nicht existieren)? Weil Beti Bricelj sie nicht geschnitzt, sondern auf Holz GEMALT hat. Zwei "FlatCubes": Flächen mit surrealen 3D-Effekten.

- © Stefan Seelig, Courtesy: zs art galerie

Holzplatten, deren Konturen dem konstruierten Schrägbild eines regulären Würfels folgen. Und die Acrylfarbe erledigt den Rest. Suggeriert paradoxe Vorsprünge und Ausbrüche aus der rationalen Geometrie, erzeugt ein surreales 3D. Macht aus den planen Brettln "impossible objects" (Bricelj). Fantasiekuben, die im realen Raum unmöglich wären, im illusionistischen besteht an ihrer Existenz aber sichtlich nicht der geringste Zweifel. Herrlich subtile Irritationen, die einen mit ihrem leicht verwirrten Raumgefühl vielleicht noch um den Verstand bringen, wenn man sie zu lange auf sich einwirken lässt.

Man spürt: Da steckt System dahinter. Natürlich. Dasselbe ausgeklügelte wie hinter den zweidimensionalen Hyperwürfeln. Im Revier von Briceljs Lineal regiert eben die Präzision mit ihren rechten Winkeln. Was sind zweidimensionale Hyperwürfel, bitte? Okay, schlichte Quadrate. (Weil Hyperwürfel n-dimensionale Analogien zum Quadrat sind.) Freilich im vorliegenden Fall mit einem ziemlich komplexen Innenaufbau, einer für Nichteingeweihte nicht restlos zu durchschauenden Binnenstruktur (weil das Gliederungsprinzip perfiderweise selber nicht unabänderlich ist, sich anpasst, mit seinen Aufgaben wächst wie bekanntlich die Leber). Lauter Details aus dem großen Plan, der den ruhenden Verkehr auf der Leinwand oder dem Holz regelt, also die Flächen "einparkt", die nach einer farbintensiven Phase und weil die Künstlerin die Buntheit irgendwann sattgehabt hat ("I got fed up with that") inzwischen meist nur schwarz und weiß und grau sind.

Vom Bücherregal in die Kunst: Buchdeckel machen Karriere als Collage von Thomas Koch (links). An der langen Wand machen derweil die Kompositionen von Beti Bricelj was anderes. Okay, sie selber hängen bloß faul herum, Schwarz und Weiß machen allerdings rhythmische Gymnastik. 
- © Stefan Seelig, Courtesy: zs art galerie

Vom Bücherregal in die Kunst: Buchdeckel machen Karriere als Collage von Thomas Koch (links). An der langen Wand machen derweil die Kompositionen von Beti Bricelj was anderes. Okay, sie selber hängen bloß faul herum, Schwarz und Weiß machen allerdings rhythmische Gymnastik.

- © Stefan Seelig, Courtesy: zs art galerie

Proportionen, Harmonien, Spannungen, Gewichtungen. Auf 16 handlichen Quadraten (aus einer Serie von 64) macht das Schwarz rhythmische Gymnastik, eine Wellenbewegung, wobei das korrespondierende Weiß mehr ist als lediglich die Leere. Ein gleichwertiger Partner ist es. Und die "dicken" Gemälde von 2015, auf denen sich ein "Yellow Square" und eines in Blue ins Unbunte einordnet? Sind keine Flächen mit Tiefen- oder eher Höhenillusion, die springen tatsächlich neun Zentimeter aus dem 2D heraus. (Ätsch!) 

Spielbrett für ordnungswidriges Verhalten

Das Einzige, was beim Koch (ein 1959er Jahrgang) rechtwinklig ist, sind die Untergründe für seine Mischtechniken und Collagen. Na ja, und seine "Flachbücher". (Die nennt nicht er so.) Obwohl sie streng genommen keine Bücher mehr sind. Der Deutsche ("Ich hab sie wirklich aus dem Regal gezogen. Ich durfte Bibliotheken ausräumen" – und ist ein Regal nicht ebenfalls ein Ordnungssystem?) hat sie komplett ausgeweidet, sämtliche Seiten entfernt, und hat die leeren, anonymen Hüllen, das farbige Buchbinderleinen, zu seiner typisch verspielten Strenge geordnet. Mit einem Hauch Vanitas. ("Wenn man ein paar Generationen weiterdenkt, wird man das Buch nicht mehr kennen.")

Erinnert mich ein bissl an eine Szene aus "Wall.E – Der Letzte räumt die Erde auf". Großes Science-Fiction-Animationskino über den allerletzten noch funktionstüchtigen Müllsortier- und Aufräumroboter, der seit Jahrhunderten im Einsatz ist, um den zugemüllten Heimatplaneten der Wegwerfgesellschaft so weit zu entrümpeln und bewohnbar zu machen, dass die einstige dominante Lebensform, die mittlerweile auf Raumschiffen vor Monitoren vor sich hin verfettet und verblödet, wieder zurückkehren kann. (Der Messie?) Einmal findet besagter Wall.E, der Gefühle entwickelt hat und interessante Dinge sammelt, einen Ring in einer Schatulle, ist von Letzterer und ihrer Beweglichkeit total begeistert und schmeißt Ersteren achtlos weg. Und Tomas Koch mag halt Buchdeckel und -rücken und tackert sie kurzerhand auf eine Holztafel. Weil Klebstoff ist ihm zu "unangenehm".

Ordnung ist das halbe Chaos: Oder sooo chaotisch ist die Ordnung vom Thomas Koch auch wieder nicht. Im Hintergrund rauscht ein Raster. 
- © Stefan Seelig, Courtesy: zs art galerie

Ordnung ist das halbe Chaos: Oder sooo chaotisch ist die Ordnung vom Thomas Koch auch wieder nicht. Im Hintergrund rauscht ein Raster.

- © Stefan Seelig, Courtesy: zs art galerie

Zeichnung, Malerei, collagierte Elemente (Koch: "Das Schöne ist, Dinge zusammenzubringen, die gar nicht funktionieren, und das so zu kombinieren, dass es funktioniert") – alles wächst zu einer subjektiven Ordnung zusammen und dieser zugleich davon. Der skizzenhafte Strich tanzt aus der Reihe, aus dem Liniennetz, das sich freilich nie vollständig auflöst, immer irgendwie erahnbar bleibt, unterschwellig (als Echo eines strengen Schemas, das in der Ferne ruft). Das Spielbrett für ordnungswidriges Verhalten (der Bildgrund) ist insgeheim gekastelt wie beim Schach. Zum Schluss gewinnt die reizvollste Symbiose zwischen Strategie und Zufall, Mathematik und Lebendigkeit. Und das sinnliche Relief. Die Ordnung kommt in die Pubertät. Oder wird das Chaos langsam erwachsen? 

Er drückt auf die Tube

Eigentlich ist Kochs Kunst (nicht zu verwechseln mit der Kochkunst), sind diese zeichenhaften Formen, denen man höchstens unterstellen möchte, sie wären ein persönliches Alphabet, gegenständlich. "Ursprünglich sind das Gegenstände aus meinem Atelier." Echt? Welche? "Farbtuben." Aha, so alte aus Metall. "Die kann man gut formen, sind fast figurativ. Die arrangier ich mir als kleines Stillleben." Gelernt hat er immerhin "beim realistischen Maler". Und: "Früher wollte ich Stillleben malen. Das fand ich einfach schön, dass jemand mit wenigen Materialien auskommt." Witzige Vorstellung, dass sich seine Modelle leeren könnten, während er sie malt (und bis zur Unkenntlichkeit abstrahiert), weil er sie beim Malen ausquetscht.

Zwei individuelle Rastersysteme (ein slowenisches und ein deutsches), die dank der klugen und rücksichtsvollen Hängung angeregt miteinander kommunizieren und sich obendrein harmonisch in das Raster der sie umgebenden Architektur einfügen und mit den Öffnungen und Durchgängen (und mit den Gitterstäben des Geländers vom Halbstock) turteln.

Turteln nicht nur miteinander, sondern genauso mit der Architektur: die Ordnungssysteme von Beti Bricelj (vorne und im Durchblick rechts) und Thomas Koch (hinten links). 
- © Stefan Seelig, Courtesy: zs art galerie

Turteln nicht nur miteinander, sondern genauso mit der Architektur: die Ordnungssysteme von Beti Bricelj (vorne und im Durchblick rechts) und Thomas Koch (hinten links).

- © Stefan Seelig, Courtesy: zs art galerie