Diese Bilder wurden übrigens zweihändig gemalt. Wobei sich die beiden Hände aber vermutlich eh abgewechselt haben werden und nicht gleichzeitig losgelegt haben dürften. Um sich nicht in die Quere zu kommen. Trotzdem. Ein bissl ist’s bei dem, was in der Galerie Ernst Hilger präsentiert wird, wie bei den Deckenfresken in der Sixtinischen Kapelle. Jedenfalls soll deren Schöpfer ein Beidhänder gewesen sein. Oder einfach nur ein umgeschulter Linkshänder?

Nicht, dass dieser Gabriel Asgar der neue Michelangelo wäre. Besonders weil das nicht einmal sein Name ist. (Michelangelo? Das ist er ebenfalls nicht.) Zumindest ist sein vermeintlicher Vorname (Gabriel) in Wahrheit der Nachname von jemand anderem. Von einer Maler-in nämlich. Die "vorne" wiederum Elisabeth heißt (wie er, nebenbei bemerkt, Daryoush). Und nun sind die beiden zu Asgar/Gabriel amalgamiert und teilen sich ihre Leinwände. Ach, halbe-halbe, wie das bei der Hausarbeit dauernd gefordert wird? 

Das vierarmige Mal-Wesen

Tatsächlich spielt sich alles drinnen ab, halten sich sämtliche dargestellte Personen in Innenräumen auf. In privaten Haushalten. Ja, schon. Doch wer hat ausgekehrt (halt mit dem Pinsel, nicht mit dem Besen), wer das (zugegeben spärliche) Essen gemalt? Und wer hat diese ganzen stylishen Leute eingeladen und ihre Weingläser mit roter Farbe gefüllt? Wer hat also was gemacht? Kann man eben nimmer unterscheiden. Kollektiv, hallo?

Häusliche Gewalt? Oder einfach die alternative Körperlichkeit von Asgar/Gabriel? Letzteres. (Oder beides.) 
- © Asgar/Gabriel und Galerie Ernst Hilger

Häusliche Gewalt? Oder einfach die alternative Körperlichkeit von Asgar/Gabriel? Letzteres. (Oder beides.)

- © Asgar/Gabriel und Galerie Ernst Hilger

Und wie Asgar und Gabriel (der eine 1975 in Teheran geboren, die andere im selben Jahr in Wien) quasi zu einem vierarmigen hybriden Mal-Wesen verschmolzen sind, verwischen auch in ihrem gemeinsamen Oeuvre die Grenzen zwischen den Geschlechtern (Gabriel: "Das sind ja keine wirklichen Porträts. Manchmal gehen wir sogar so weit, dass wir Männer- und Frauengesichter überlagern"), und es vermischt sich so einiges in dieser fulminant fluiden Malerei, in der praktisch nix eindeutig ist: das Figurative mit dem Abstrakten, Porträts mit Stillleben, die konsumgeile Gegenwart mit der Kunstgeschichte, die modebewusste Jugend mit den Alten Meistern. Immer wieder steigert sich der Realismus zu einem glossigen Fotorealismus. Einem Foto-Surrealismus.

Der Mensch deformiert in seiner jeweiligen Privatsphäre, in seinem Wohnraum, seinem persönlichen Gehäuse, hat manierierte Proportionen. Die Gliedmaßen werden ihm langgezogen oder gar zu knochenlosen, geschmeidigen Tentakeln, wenn sich seine Anatomie nicht gleich überhaupt in einem monströsen Konglomerat aus a- bzw. biomorphen Formen auflöst, in einem verstümmelten, verwachsenen humanoiden Horror-Organismus.

Gelenkige Gliedmaßen kann man nie genug haben. Auch wenn man dann mitunter nicht weiß, wohin damit. Aber sie können ganz praktisch sein, wenn einem einmal fad ist und man sich irgendwie beschäftigen muss.Titel hat diese anatomische Vision von Asgar/Gabriel aus dem Vor-Corona-Jahr 2019 keinen. 
- © Asgar/Gabriel und Galerie Ernst Hilger

Gelenkige Gliedmaßen kann man nie genug haben. Auch wenn man dann mitunter nicht weiß, wohin damit. Aber sie können ganz praktisch sein, wenn einem einmal fad ist und man sich irgendwie beschäftigen muss.Titel hat diese anatomische Vision von Asgar/Gabriel aus dem Vor-Corona-Jahr 2019 keinen.

- © Asgar/Gabriel und Galerie Ernst Hilger

Das anatomisch korrekt gebaute Duo (jenes vor der Leinwand) genießt sichtlich die Erschaffung einer alternativen Wirklich- und Körperlichkeit. Macht sowieso keinen Hehl aus seiner Lust am Malen, an der Sinnlichkeit des Farbauftrags. Genauso wenig wie aus seiner Liebe zum Detail. 

Ein Apfel ist ein Apfel ist ein Apfel ist ein Apfel – basta!

Diese Details werden dann dekorativ an Ohrläppchen gehängt (die blonde Zitronenschalenlocke, die sich geradezu aus dem 17. Jahrhundert herauskringelt, aus einem holländischen Stillleben, macht als Ohrring eine gute Figur), sie werden auf der Tapete versteckt (im Streumuster: bunte Pillen und Kapseln) oder kurzerhand auf der zweidimensionalen Fläche an eindimensionalen Linien festgeknotet, die im dreidimensionalen Illusionsraum zu Schnüren mutieren.

Besteck zum Beispiel. Oder ein Apfel. Immerhin "die" Stilllebensfrucht schlechthin (neben den Weintrauben). Und das Maskottchen des Surrealismus. Oder lässt dieser Paradesurrealist, der René Magritte, das Kernobst der Erkenntnis etwa nicht vor dem Antlitz eines Hutträgers schweben (ohne Schnürl) oder behauptet von einem anderen gemalten Apfel, er wäre keiner, bezweifelt dessen Apfelsein ebenso vehement, wie er auf die Existenz seiner Pfeife pfeift ("Ceci n’est pas une pipe" – dies ist keine Pfeife)?

Die Liebe steckt im Detail. Und das knotet man am besten an einem Faden fest. Man beachte das Zitruslöckchen in Asgar/Gabriels "body talk" (Öl auf Leinwand, 2022). 
- © Asgar/Gabriel und Galerie Ernst Hilger

Die Liebe steckt im Detail. Und das knotet man am besten an einem Faden fest. Man beachte das Zitruslöckchen in Asgar/Gabriels "body talk" (Öl auf Leinwand, 2022).

- © Asgar/Gabriel und Galerie Ernst Hilger

Moment: Gab’s da nicht bereits einmal einen, der sein Obst und Gemüse aufgeknüpft hat? Richtig: diesen Cotán. Den Kieberer? Nein: Den Barockmaler aus Spanien. Den andern schreibt man mit K und Doppel-t. Und ohne diakritisches Zeichen. Treffen sich eine Quitte, ein Kohlkopf, eine Melone und ein Essiggurkerl auf einem Fensterbankl. Mag sich anhören wie der Beginn von einem Witz (oder einer wunderbaren Freundschaft), so fängt allerdings vielmehr eines der originellsten und bizarrsten Früchtestillleben an. Denn ein gewisser Juan Sánchez Cotán hat um 1602 eine Fensternische zum Koordinatensystem erklärt und dort die Früchte wie Punkte auf einer Hyperbel arrangiert. Quitte und Kohl müssen deshalb notgedrungen, um ihre Positionen einzunehmen, ziemlich unnatürlich in der Luft rumhängen. 

Überleben ist der letzte Schrei

Stylishe Fashionista im Überlebenskampf? Asgar/Gabriel haben sie mit allem Nötigen ausgestattet. 
- © Asgar/Gabriel und Galerie Ernst Hilger

Stylishe Fashionista im Überlebenskampf? Asgar/Gabriel haben sie mit allem Nötigen ausgestattet.

- © Asgar/Gabriel und Galerie Ernst Hilger

Ihren knackigen Apfel (und es besteht nicht der geringste Zweifel, dass es sich um einen solchen handelt – ceci est une pomme!) hängen Asgar/Gabriel an ein Mäderl dran, das generell mit diversen Sachen bestückt ist. An den Extremitäten (die oberen schlenkern schlaff und in Überlänge zu viert herab – wie bei einer müden, erschöpften Kali) sind mit Gummiringerln eine Trinkflasche, ein Tablettenblister (Drogen? Antidepressiva?), ein Fieberthermometer (unverzichtbares Utensil am Anfang der Corona-Pandemie, als man noch keine Schnelltests hatte), ein Pumpflascherl (Desinfektionsmittelspender?) und ein Plüschviecherl befestigt. Letzteres zum Kuscheln zwischendurch? Als Ersatz für die fehlende körperliche Nähe? (Das Opus ist 2020 datiert. Und damals gab’s noch den Babyelefanten als Anstandswauwau. Oder Anstands-Tröt-tröt.) Und "an apple a day keeps the doctor away".

Wie das personifizierte Social-Distancing steht sie da, die junge Frau, die mit ihren Doc-Martens-Boots bereit wäre rauszugehen. Ein Andachtsbild des Pandemie-Menschen? Oder ist das Julie Leyroux? Weil auf ein Buchcover hat das Sujet es obendrein geschafft (nicht bloß an eine Galeriewand). Gabriel hat nämlich eine zweite Identität, ist die Schriftstellerin Flora S. Mahler, die als solche einen Roman über eine fiktive Konzeptkünstlerin geschrieben hat, der schlicht deren Namen als Titel trägt: Julie Leyroux. (Erschienen 2021 bei müry salzmann.)

Cremetuben, Pillen et cetera, alles mit der Gummiringerlmethode fixiert: Über provisorische "Survival Kits" verfügen die Fashionistas genauso, die hip angezogen sind wie in einem Hochglanzmagazin ("Wenn man Leute mit Klamotten malt, spielt das zwangsläufig eine Rolle", sprich was sie anhaben, sagt Gabriel) und die sich in einem Wohnzimmer drängen, sich da zur geselligen Einsamkeit einfinden. Modetrend (das mit den Gummiringerln) oder lauter Lockdown-Überlebende? Feiern die womöglich grad eine Corona-Party? Zwei von ihnen haben schließlich einen Mund-Nasen-Schutz dabei, den Vorgänger der FFP2-Maske. Oder ist das ein Wunschtraum? Eine Vision? Die Sehnsucht nach der "alten Normalität" (die mittlerweile bekanntlich beinah wieder komplett hergestellt ist)? 

Die Blöd-Uhren messen nur die Vergänglichkeit

Das viele Rosa (vom Schlabberpullover bis zum Kaffeehäferl und zur gestischen Spur im Spraylook, und auf der Torte hat es sich als zwei Marzipanröschen manifestiert) kann freilich nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Welt nicht heil ist. Auf einer anderen Party hat sich wer maskiert, nein, keine FFP2-Maske aufgesetzt, sondern einen haarigen Teddybärenkopf. Modell Panda. (Asgar: "Darunter ist tatsächlich ein anderer Kopf. Den haben wir übermalt.") Panda – Pandemie: ein Zufall? Oder ein diskreter Verweis auf die Entstehungszeit?

Pandas sind Partytiger. (Nicht Party-BÄREN?) "Wait till the Party's Over" (2022). Da kann man allerdings lange warten. Denn auf der Leinwand von Asgar/Gabriel dauert das Festl quasi ewig. 
- © Asgar/Gabriel und Galerie Ernst Hilger

Pandas sind Partytiger. (Nicht Party-BÄREN?) "Wait till the Party's Over" (2022). Da kann man allerdings lange warten. Denn auf der Leinwand von Asgar/Gabriel dauert das Festl quasi ewig.

- © Asgar/Gabriel und Galerie Ernst Hilger

Und überall Accessoires und Fetische der Warenwelt als fotorealistische Momente. (Obwohl: "Fotorealismus ist ein Begriff, den wir nicht so mögen", räumt Gabriel ein.) Handys (diese eigentlichen Social-Distancing-Geräte, Sozialdistanzierer, zumal die meisten Leute aufs Display schauen statt in die Augen ihres Gegenübers) und Smart-Watches. Oder Dumb-Watches, Blöd-Uhren, simple, nicht schlaue Armbanduhren, die nicht mehr als die Zeit anzeigen können. Manche Models haben gleich zwei oder drei davon auf einmal am Handgelenk. Als Vanitas-Symbole? Erinnerungen an die Vergänglichkeit (des Lebens und dass selbst diese globale Epidemie offenbar schön langsam in den letzten Zügen liegt)? 

Mal keinen über 30

Androgyner Naturbursch, inszeniert von Asgar/Gabriel: Romantischer Sonnenuntergang im Tapetendschungel. 
- © Asgar/Gabriel und Galerie Ernst Hilger

Androgyner Naturbursch, inszeniert von Asgar/Gabriel: Romantischer Sonnenuntergang im Tapetendschungel.

- © Asgar/Gabriel und Galerie Ernst Hilger

Und warum sind alle Abgebildeten so jung? Trau keinem über 30? Sind sie angeblich gar nicht. Also jünger als Asgar/Gabriel selber. Wieder die weibliche Hälfte des Teams: "Da wir nicht sooo fotorealistisch sind und nicht jede Falte gemalt wird, sind die Personen nicht besonders alt und nicht besonders jung." Na ja, ist man mit weniger Falten nicht eher . . . jung? Und würde sich vor allem, wenn man älter wäre, wahrscheinlich anders kleiden? "Es wird natürlich eine bestimmte Generation zitiert."

Die einzigen Fenster zur Außenwelt oder zu einem Anderswo sind medial. Sind Monitore. Von Laptops und Fernsehern. Auf einem Flatscreen geht die Sonne romantisch unter. Die Sonne, wohlgemerkt. Nicht die Welt. Taucht jene Sonne, die im rätselhaften Titel der Ausstellung erwähnt wird, folglich doch noch auf. (Oder unter.) "Obscure things and the sun." Und die obskuren Dinge? Die unklaren, dunklen, fragwürdigen? Damit könnte theoretisch alles an dieser g’schmackigen surrealistischen Pop-Art gemeint sein. Oder hat man es hier, umgekehrt, mit einem poppigen Surrealismus zu tun? Wurscht. So oder so geil.