Robert Opie ist der unumstrittene Sammlerkönig historischer Kaufwaren. Seit Jahrzehnten widmet er sich dem Archivieren der Alltagskultur der vergangenen 200 Jahre: Süßigkeitenverpackungen, Seifenschachteln, Werbefiguren, Parfümfläschchen, Zigarettendosen und unzählige weitere Zeitgeisterscheinungen sind Teil davon.

Von Baked Beans bis Biscuits: die fabelhafte Welt der Lebensmittelverpackungen. - © Clemens Marschall
Von Baked Beans bis Biscuits: die fabelhafte Welt der Lebensmittelverpackungen. - © Clemens Marschall

Ausgang nahm seine Leidenschaft 1963 am Bahnhof im schottischen Inverness. Der 16-Jährige bekam Hunger, doch es war ein Sonntag, kein Geschäft hatte offen. Er drückte sich also einen Munchies-Schokoriegel aus dem Automaten und entschied, das Papier nicht in den Mistkübel zu werfen, sondern mit Inventarnummer 1 als Gründung seines zukünftigen Archivs aufzuheben.

Bizarre Fundstücke aus den 1940er Jahren. - © Clemens Marschall
Bizarre Fundstücke aus den 1940er Jahren. - © Clemens Marschall

Seither hat er die Entsorgung scheinbaren Abfalles stark eingeschränkt - zugunsten niederschwelliger Forschungsarbeit: "Das alles hier ist Roberts alleiniger Verdienst, das ist seine Sammlung", so Connie, die im Museum of Brands am Empfang sitzt und sich ein Lachen verkneifen muss, wenn sie sagt: "Er kann einfach nicht aufhören zu sammeln."

Ein Thronjubiläum und die Queen ist allerorts: Produkte erzählen Geschichten. - © Clemens Marschall
Ein Thronjubiläum und die Queen ist allerorts: Produkte erzählen Geschichten. - © Clemens Marschall

Unterhaltsame Zeitreise

Robert Opie ist schwer vorbelastet: Seine Eltern Iona Margaret Balfour und Peter Mason Opie waren Koryphäen auf dem Gebiet der Volkskunde und sammelten anhand direkter Feldforschung und tausender Interviews mit Kindern deren Lieder, Spiele und Reime. So gesehen war Robert Opie fast ein Spätzünder: Seine erste Ausstellung kuratierte er 1975 im Victoria & Albert Museum, sie trug den Titel "The Pack Age. A Century of Wrapping It Up".

1984 eröffnete er sein eigenes Museum, nach einigen Umzügen landete er 2015 im heutigen, bereits von außen mit bunter Pop Art funkelnden Gebäude beim Portobello Road Market im Londoner Stadtteil Notting Hill. "Hier war früher das allererste Hospiz für Aids-Kranke", erzählt Connie: "Deswegen haben wir einen wunderschönen Garten im Innenhof, der nach wie vor vom damaligen Gärtner betreut wird." Connie selbst arbeitet hier unentgeltlich als freiwillige Kraft.

Ob sie aus der Designecke kommt? "Nein, aus der Archäologie, das liegt dem Museum genauso nahe. Robert bezeichnet seine Tätigkeit selbst als ‚modern day archeology‘." Auf sein Konto gehen mittlerweile etwa 20 Bücher und unzählige Radio- und Fernsehauftritte, wo er seine Forschungsergebnisse erläutert. Im Museum sind 12.000 seiner 500.000 Sammlungsobjekte ausgestellt, chronologisch arrangiert im kurvigen "Time Tunnel", dem Hauptbestandteil des Museums, durch den man in eigener Geschwindigkeit flaniert. Man begibt sich auf eine unterhaltsame Zeitreise: Alltagsgegenstände und Konsumgüter gewähren Einblicke in Trends und Entwicklungen vom Viktorianischen Zeitalter bis heute: durch Krönungsfeierlichkeiten, Weltkriege, die erste Mondlandung bis in die digitale Ära. Marken, Design und Produkte werden in ihren jeweiligen Kontext gesetzt und zeigen, wie sich ihr Marketing den Umständen anpasst. Die Emanzipation der Frau ist ebenso Teil des Rundgangs wie die Popularisierung von Plastik und die Selbstbedienung im Supermarkt im Gegensatz zu den Greißlern.

Darts im Krieg

Derzeit erinnert sich die Welt noch an 2022 gefeierte 70-jährige Thronjubiläum von Queen Elizabeth II., doch schon Victorias "Diamond Jubilee", 1897 zu ihrem 60er an der Macht, wurde hochprofessionell vermarktet und kommerzialisiert, wie zahlreiche Exponate zeigen: Teedosen, Sammelkarten, Senf- und Zigarettenpackungen - allesamt vom Konterfei der damaligen Queen geziert. Eine solch unprätentiöse Geschichtsschreibung liegt zwar auf der Hand, wurde aber dennoch lange sträflich vernachlässigt. Der Allgemeinkultur gestand man nicht den Wert zu, dokumentiert und erforscht zu werden: Im elitären Verständnis der Museumslandschaft wurde eher dem Geniekult gehuldigt - und das nicht nur in England.

Dabei birgt genau dieser Gesellschaftsaspekt ein verbindendes Element, über Schichten und Klassen hinweg. Das Museum of Brands aber beherbergt weit mehr als nur eine Sammlung von Marken und Supermarktartikeln, macht auch anhand von Kleidung, Einrichtungsgegenständen, Spielzeugen und Zeitungsanzeigen Geschichte nachvollziehbar. Man sieht bekannte Produkte in unzähligen Varianten nebeneinander, als würde man einem Menschen beim Wachsen im Zeitraffer zuschauen.

Auch über lange Zeitabschnitte hat sich bei einigen Marken nicht viel geändert, und das Design von Kellog’s Cornflakes, Baked Beans von Heinz oder Guinness Bier ist sofort klar erkennbar - auch wenn sie aus dem Jahre Schnee stammen. Die Mutation der Werbeträger betrifft nicht nur die Ästhetik, sondern auch ihre Zweckmäßigkeit und Sujets: Im Ersten Weltkrieg etwa florierten Spiele wie "Race to Berlin" und "Catch the Kaiser". In den harten Zeiten der Wirtschaftskrise in den 1930ern wurde Nostalgie verstärkt als Designelement eingesetzt: Die Verpackungen suggerieren eine gute alte Zeit - die es möglicherweise nie gegeben haben wird. Im Zweiten Weltkrieg bezogen schließlich auch kulturelle Güter Position: Mit satirischen Büchern wie "Struwwelhitler", "Mein Rampf" (sic!) oder Dartsscheiben, bei denen man in Hitlers Allerwertesten zu treffen hat.

Geschichte von unten

Im "Time Tunnel" werden antiquierte Kramläden und Drogerien komplett nachgebaut. Man sieht schmucke Zigarrenetuis glänzen. Stil wurde anno dazumal großgeschrieben - eine Tatsache, die jedoch keine gesellschaftlichen Missstände aufgehoben hat. Ganz im Gegenteil, konnte man sich dadurch erst recht abheben.

Postkarten aus den 1890ern illustrieren die Reiselust der Oberschicht: Es ging damals scheinbar in englischen "seaside towns" genauso hoch her wie bei den Pyramiden am Nil, was wiederum Einfluss auf Design und Architektur hatte - mit ägyptischen Formelementen, Orientalistik und Art Nouveau. Der Schritt zu Tango, Jazz und Foxtrott war von dort kein weiter mehr, wie Grammophone und alte Musikautomaten, Fotoapparate, optische Täuschungen und Vorformen von Filmprojektoren hinter der nächsten Tunnelkurve zeigen.

Modern gestaltete Fernseh- und Radioprogrammmagazine führen von der Krönung Elizabeths II. 1953 zu Rock’n’Roll und Hula-Hoop ins Space Age. Deutlich wird auch, wie geschickt Marketing in der Politik genutzt wird: Das Referendum 1975 darüber, ob Großbritannien in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) bleiben sollte oder nicht, war damals heftig umworben und ist heute Teil der Schau: mit seinen strengen und gegensätzlichen Aufrufen. Damals wählten 67 Prozent für den Verbleib in der Gemeinschaft - 2016 dann 52 Prozent dagegen. Wie die Insel heute in Anbetracht der chaotischen Umstände entscheiden würde, bleibt Spekulation - und eine Marketingfrage.

Im verwinkelten Tunnel nähert man sich langsam der Gegenwart an, begleitet von Tonaufnahmen, die eine passende Atmosphäre schaffen. Am Ende ein Ausblick in die Zukunft: umweltfreundliche Verpackungsmethoden und Perspektiven auf neue Ziele. Aber eigentlich hat die Ewigkeit schon Einzug gehalten im Museum of Brands, mit einer Pringles-Dose als Repräsentant: Denn der Designer ebenjener, Frederic J. Baur, ließ seine Asche in einer Stapelchips-Dose aufheben.