Der Flügelschlag von einer Möwe? "Flap of a Gull" lautet jedenfalls der Titel dieser dramatisch mit Schwarzlicht angestrahlten Ausstellung. Dabei kommt da überhaupt kein Vogel vor. Weder in den stimmungs- und effektvoll fluoreszierenden Naturhäppchen vom Stefan Waibel noch in den kosmischen Collagen vom Jochen Höller. Dafür rotieren zwei Heiligenscheine.

Ach so, besagte Möwe hat sich anscheinend irgendwann verpuppt (quasi) und eine Metamorphose zum Schmetterling durchgemacht. Zu jenem aus dem berüchtigten Schmetterlingseffekt (der war vorher ein Möweneffekt?), wo ein arglos vor sich hinflatternder Falter plötzlich für einen verheerenden Wirbelsturm ganz woanders verantwortlich sein soll, obwohl er doch nicht einmal am Tatort war. Ob die surrenden Heiligenscheine (aus den Rotorblättern von Spielzeughelikoptern) womöglich schuld an diesem Blizzard vor Weihnachten in den USA waren und es neuerdings deshalb auch einen Nimbuseffekt gibt? (Das, was beim Fensterputzen im Wischfetzen hängen bleibt, das ist übrigens nicht dieses ominöse Schwarzlicht. Das ist Dreck.) 

Die Photonen fliegen mit Warp 1

"It’s about time and space, micro ans macro, impulse and evolution as well as God and the world": Die einleitende Notiz an der Wand fasst zusammen, worum es hier geht. Das muss man nämlich nicht selber herausfinden. Aha, um Raum und Zeit, das mikroskopisch Kleine und das astronomisch Große, um irgendeinen Impuls, die Evolution, Gott und die Welt. Also praktisch eh um alles.

Ein bissl wie bei Alice im Wunderland: Die Sachen um einen herum sind ziemlich groß. Blume, Schmetterlingskokon und Samen (die leuchten so wegen der Schwarzlichtlampen) hat der Stefan Waibel gemacht, Mr. Spock, der an der Wand hinten seine Ohren spitzt, ist ein Werk vom Jochen Höller. 
- © Georg Peithner-Lichtenfels

Ein bissl wie bei Alice im Wunderland: Die Sachen um einen herum sind ziemlich groß. Blume, Schmetterlingskokon und Samen (die leuchten so wegen der Schwarzlichtlampen) hat der Stefan Waibel gemacht, Mr. Spock, der an der Wand hinten seine Ohren spitzt, ist ein Werk vom Jochen Höller.

- © Georg Peithner-Lichtenfels

Und während man sich in der Galaxie vom Georg Peithner-Lichtenfels, Tschuldigung: in seiner Gal-er-ie, umschaut (nicht, dass sich die nicht ebenfalls in einer Galaxie befinden würde, in der Milchstraße, zusammen mit dem Rest vom Planeten Erde), fühlt man sich ein bissl wie Alice im Wunderland.

Wie auf einem Drogentrip? Als hätte man psychotrope Substanzen eingeworfen? Zumindest fühlt man sich deutlich geschrumpft. Die schwebenden Samenkörner, die der Stefan Waibel ausgesät hat, sind größer als Kokosnüsse, sein imposanter Schmetterlingskokon (nein, in dem bereitet sich keine Möwe auf ihr Coming-out vor), der hat die imposante Aura der Nike von Samothrake und die Gräser sind hoch wie Schilfrohr. Noch dazu leuchten die Dinger wie bei einer Neon-Party. Geile Lichtzeichnungen im Raum. (In jenem mit den endlichen Weiten, dem Innenraum, nicht im Weltraum.)

Sind die bunten Linien etwa Lichtstrahlen, die da jemand kunstvoller verbiegt als Uri Geller Löffel? (Die Gravitation kann das Licht dagegen bestenfalls krümmen, aber bestimmt keine Schnörkel hineinmachen, geschweigen denn, es zu einer Blume formen.) Okay, es handelt sich um Draht mit einer fluoreszierenden Lackierung. Und Schwarzlichtlampen lassen ihre Photonen ausschwärmen, die ja offenbar über einen Warp-Antrieb verfügen wie das Raumschiff Enterprise, wenngleich sie über Warp 1, die einfache Lichtgeschwindigkeit, nicht hinauskommen. 

Eine Portion Natur, bitte

Die künstlichen Portionen Natur (eine Gelse oder eine Ameise – "Ant Watches the Weather" – klammert sich an einen Halm und so), diese total artifiziellen "Naturstudien", die man sich wie domestizierte Pflanzen, Zimmerpflanzen, wo hinstellen kann, haben irgendwie was von Dürers "Großem Rasenstück". Sind kompakte Ausschnitte aus einem größeren Ganzen. Beim Alten Meister aus Deutschland war’s die Wiese, beim jüngeren aus dem Ländle eine Installation. "Für Installationen braucht man Platz", meint der Vorarlberger (1970 in Lustenau geboren), der an der Akademie der Bildenden Künste in Wien Malerei und Grafik studiert hat. "Und nicht jeder kann sich Löcher in den Boden bohren."

Stefan Waibels Ameise beobachtet das Wetter. Nicht, dass es in der GPLcontemporary so etwas gäbe wie ein Wetter. 
- © Georg Peithner-Lichtenfels

Stefan Waibels Ameise beobachtet das Wetter. Nicht, dass es in der GPLcontemporary so etwas gäbe wie ein Wetter.

- © Georg Peithner-Lichtenfels

Sogar vitaler als Pflanzen, die aufs Topferl gehen, sprich als Topfpflanzen, sind sie. Und mindestens genauso stubenrein. So eine "Ideal Nature Machine" macht erstens authentisch sommerliche Geräusche. (Zwitschernde Vogerln? Summende Gelsen? I wo. Dröhnende Ventilatoren! Sofern man diese einschaltet.) Und zweitens wiegen sich die Riesengräser nachher sanft in der integrierten Brise, beruhigen einen wie Meeresrauschen (wenn man sich Ohropax reinstopft). Werden lebendig.

Ach, drum "Machine". Weil sie laut ist. Einen technoiden Sound hat. Die Ironie ist dem Erbauer der Maschine durchaus bewusst. Dass sie durch ihren Energieverbrauch insgeheim mithilft, das, was sie abbildet, zu zerstören. ("Außer, man nimmt Solarstrom.") He, wie bei einer Klimaanlage. Die letztlich ausgerechnet das Klima kaputt macht. Oder auf alle Fälle schädigt. 

Kühe sind Kriegerinnen

Beobachtet die auch das Wetter? Der Ventilator im Sockel der "Ideal nature Machine" von Stefan Waibel bläst der Szene den Odem des Lebens ein. 
- © Georg Peithner-Lichtenfels

Beobachtet die auch das Wetter? Der Ventilator im Sockel der "Ideal nature Machine" von Stefan Waibel bläst der Szene den Odem des Lebens ein.

- © Georg Peithner-Lichtenfels

Bewegliche Stillleben, Heile-Welt-Simulatoren. Die Natur hier mag falsch sein, gefälscht. Die romantischen Gefühle, die sie bei ihrem Publikum weckt, die sind allerdings echt. Mit kindlicher Naivität sehnen sich die Leute nach der mutmaßlich (oder eher vermeintlich) unberührten Natur. Gut, wären die Stechmücken tatsächlich derart urzeitlich monströs (mit der Fliegenklatsche derschlägt man einen Tyrannomoskito Rex nimmer), wär’s ziemlich sicher vorbei mit der Schwärmerei.

Außerdem: "Wir sagen, wir sind in der Natur, wo wir aber eigentlich zu 99 Prozent nie sind. Wir sind in einer Kulturlandschaft", stellt der Waibel klar, der nicht versteht, wie die Gesellschaft auf die sich anbahnende Klimakatastrophe bloß dermaßen zaghaft reagieren kann. "Das hängt vielleicht damit zusammen, dass wir sagen, wir waren in der Natur, waren es aber nicht. In der richtigen Natur. Mit der muss ich respektvoll umgehen, sonst wird’s ganz schnell gefährlich. Da kann man nicht so tollpatschig herumstolpern." Am wenigsten auf einer Alm.

Aug in Aug mit der Kuh: Wo hat er das Foto von dieser denn her, die einen durch die wutrote Kunstharzschicht als hörnerbewehrter "Alpenwarrior" frontal anstarrt? Hat er selber gemacht, der Waibel. War das nicht gefährlich? Nicht, wenn man dem Rindvieh rechtzeitig seine Privatsphäre lässt. ("In dem Moment, wo es anfangt aufzustampfen, heißt’s gehen.") Noch dazu ist das ein Tuxer Rind. Schlau (Waibel: "das Hirn der Truppe") und mit hohem Aggressionspotenzial. ("Die sind wie bei einem Löwenrudel der Chef.") 

Jack the Reader liest wieder

Ein anderer blickt derweil in die unendlichen Weiten des Alls und des menschlichen Geists (und nicht in ein irdisches Rinderauge, sondern immerhin in das "Auge Gottes", einen planetarischen Nebel rund um einen zentralen Weißen Zwerg als Pupille): dieser lesende Jack the Ripper nämlich. Jack the Reader sozusagen. Jack ist er zwar streng genommen keiner. Vielmehr ein Jochen. Nachname: Höller.

Freilich ist er einer, der mit dem Skalpell liest, seine Lektüre aufschlitzt. Von ihm stammt beispielsweise eine gottlose Bibel. Die religiösen Gefühle der Atheisten kann die Heilige Schrift der Christenheit garantiert nicht mehr verletzen, nachdem der gebürtige Amstettner (Jahrgang 1977) Gott radikal daraus entfernt hat. Chirurgisch. Das Wort Gott. Eine Heidenarbeit. Auf dieselbe Weise hat er "Das Kapital" von Karl Marx "entwertet".

Der Cirrusnebel: Das Original ist das Ergebnis einer Supernova, sein Abbild hier verdankt sich einer geradezu zwangsneurotischen Engelsgeduld. Jedes Punkterl ist nämlich ein Buchstabe oder Wortfragment, das der Jochen Höller aus einem Buch ausgeschnitten hat. ("Maybe a New World", 2022, Papier auf Karton.) 
- © SIMON VERES, Courtesy: Jochen Höller

Der Cirrusnebel: Das Original ist das Ergebnis einer Supernova, sein Abbild hier verdankt sich einer geradezu zwangsneurotischen Engelsgeduld. Jedes Punkterl ist nämlich ein Buchstabe oder Wortfragment, das der Jochen Höller aus einem Buch ausgeschnitten hat. ("Maybe a New World", 2022, Papier auf Karton.)

- © SIMON VERES, Courtesy: Jochen Höller

Und diesmal? Hat er Texte zur Chaostheorie, zu Chaos und Ordnung, zum religiösen und kosmologischen Ursprung der Welt seziert. Die Genesis unter anderem. Und weil sein Urknall gewissermaßen ein expandierendes Universum aus Buchstaben und Gedanken erzeugt hat, schwirren nun Lettern und Wortfragmente als Sonnen durch die Finsternis, durch die Leere. Auf dem nachtschwarzen Karton organisieren sie sich präzise zu den Lichtjahre entfernten Restln einer Supernova (verdichten sich zum Cirrusnebel, aus dem sich vereinzelt sinnvolle Botschaften herausklären: "Plan", "tot", "rau" . . .), oder die collagierten, feinsäuberlich ausgeschnittenen Papierschnipsel zeichnen eine Nervenzelle nach ("Stimulus"). Höller: "Ist eigentlich die Visualisierung von einem Reiz, der im Gehirn ausgelöst wird. Eine Momentaufnahme von wahrscheinlich einer Nanosekunde." Sieht aus wie eine Galaxie. Halt eine im Kopf. 

Die Erleuchtung steht ihnen gut

Das Sternbild "Spock"? Kosmische Collage von Jochen Höller. Ein Porträt wie ein Nachthimmel. 
- © SIMON VERES, Courtesy: Jochen Höller

Das Sternbild "Spock"? Kosmische Collage von Jochen Höller. Ein Porträt wie ein Nachthimmel.

- © SIMON VERES, Courtesy: Jochen Höller

Und immer wieder ordnet sich die chaotische Buchstabensuppe zu höchst realistischen Gesichtern. Von Denkern. Zu einem Porträt von Aristoteles (passenderweise zusammengesetzt aus dem griechischen Alphabet) oder zu einem von Edward Norton Lorenz, diesem Mathematiker, Meteorologen und Chaostheoretiker, der sich die Frage gestellt hat: "Kann der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas auslösen?" Eines von dessen Druckwerken wiederum ("The Essence of Chaos" – bzw. lediglich den Index davon) hat der Höller zum spitzohrigen "Sternbild" Mr. Spock aus dem Star-Trek-Universum weiterverarbeitet. Zum Antlitz der personifizierten Logik. Faszinierend.

Im Vorzimmer gesellt sich ein belletristischer Niederschlag (die wie Tropfen herabrieselnden Buchstaben R, e, g, e und n aus John Grishams "Der Regenmacher" und sonstiger Literatur, in deren Titel es regnet) zu einem "Feuchtgebiet" vom Waibel, einem aquarellig getröpfelten Dripping. Technik: Wasser und Öl (zwei, die sich gegenseitig abstoßend finden) auf Leinwand. Die Natur im Widerstreit mit der Kultur.

Normalerweise sonnen sich Höllers kasig weiße Pixel aus Papier nicht in der UV-Strahlung aus Schwarzlichtlampen. Die geradezu mystische "Erleuchtung" steht ihnen aber ausgezeichnet. Die unterstreicht ihre Persönlichkeit, die sich mitunter ins Spirituelle ausdehnt. 

Gibt es ein Lesen nach dem Tod?

Anderen brummt der Schädel, ihr surrt der Heiligenschein. Kein Wunder, der Stefan Waibel hat der Madonna einen aus den Rotorblättern eines Spielzeughelis gebastelt. 
- © Georg Peithner-Lichtenfels

Anderen brummt der Schädel, ihr surrt der Heiligenschein. Kein Wunder, der Stefan Waibel hat der Madonna einen aus den Rotorblättern eines Spielzeughelis gebastelt.

- © Georg Peithner-Lichtenfels

Das ägyptische Totenbuch, das der Höller komplett ausgeweidet hat, um dann einen Türspion im Buchdeckel zu montieren, verfügt über seine eigene Lichtquelle. Höller: "Sonst würd ma ja nix sehen." Nämlich wenn man durch das Guckerl ins Jenseits der alten Ägypter hineinspechtelt, in deren Jüngstes Gericht, wo das Herz des Verstorbenen leicht wie die Feder in der anderen Waagschale sein musste. Oh, doch ein Vogel. Respektive eine Feder von einem solchen. Aber keine von einer Möwe. Eine flaumige Daune. Neben dem Sternbild Waage. Höller: "Der Weltraum als Sarkophag."

Irgendwie erinnert mich das Büchl an die Raum-Zeit-Maschine vom Doctor Who. Die ist innen auch um einiges geräumiger, als es von außen den Anschein hat. Doch während die Tardis (ein Akronym für "Time And Relative Dimensions In Space") des Timelords als Telefonzelle getarnt ist (oder streng genommen als älteres Modell eines Polizei-Notrufhüttls), maskiert sich da die Unterwelt . . . eben als Buch.

Mit Waibels Jesus und Maria als Actionfiguren wird das Hinterkammerl von der GPLcontemporary endgültig zur Kapelle. Zu einer heidnisch katholischen, wohlgemerkt. Weil römisch katholisch ist die definitiv nicht. 

Im Muttergotteswinkel

Mariä Himmelfahrt: Hebt der pointillistisch mit fluoreszierenden Punkterln übersäte Zirbenholzrohling im Herrgotts-, hoppala: Muttergotteswinkel am Ende gar ab wie ein Hubschrauber, sobald der Heiligenschein (ein Propeller, der sich in Aktion zum Kreis verwischt) per Knopfdruck angemacht wird? Nicht direkt. Zuerst Teelicht davor anzünden, dann Heiligenschein aktivieren, der die Kerze wieder ausbläst, dabei den Rauch angeblich wie eine Wolke runterdrückt, auf der die Madonna optisch entschwebt. Hätte es gerne ausprobiert, aber ich bin leider Nichtraucherin. In Zukunft werde ich stets ein Feuerzeug einstecken.

Und der gekreuzigte Christus, der "Personal Jesus"? Was kann der, wenn seine Gloriole angeht? (Bewegungssensor!) Auf der Spitze seiner Teleskop-Fahnenstange entspannend schwanken. In dieser sinnlich verspielten Ausstellung mit ihrem augenzwinkernden Ernst wird man zwangsläufig zum Schaulüstling. Und zur Grinsekatze.

Stefan Waibels "Personal Jesus" macht Bewegung. Wird von seinem rotierenden Heiligenschein angetrieben. Und was hat er da für einen komischen Ausschlag? Tupfen aus fluoreszierendem Lack. 
- © Georg Peithner-Lichtenfels

Stefan Waibels "Personal Jesus" macht Bewegung. Wird von seinem rotierenden Heiligenschein angetrieben. Und was hat er da für einen komischen Ausschlag? Tupfen aus fluoreszierendem Lack.

- © Georg Peithner-Lichtenfels