Echt katastrophal, was der Hans Weigand da abgeliefert hat. Nein, nicht furchtbar schlecht. Nur furchtbar. Und überhaupt nicht schlecht. Im Gegenteil. Seine hybride Technik, diese Mischung aus Tafelbild und Holzschnitt, Malerei und Druckgrafik (in einer anachronistischen, zeitlich entrückten Ästhetik, die aus alten illustrierten Büchern zu stammen scheint) muss ich sogar sehr loben. Die ist furios.

Aber überall Krieg und Zerstörung. Panzer bleiben in den "Blumen der Bösen" hängen (der Bösen, Plural), apokalyptische Wellenreiter surfen auf der Sintflut. Ach was, sollte die Welt wirklich untergehen, kann man sich vielleicht wenigstens an diesen Katastrophenbildern festklammern. Holzplatten, hallo? Und Holz schwimmt bekanntlich. 

Das Meer gerät trotzdem nicht in Seenot

Nicht, dass der Tiroler (1954 in Hall geboren), der bei Oswald Oberhuber an der Angewandten in Wien studiert hat, ein Apokalyptiker wäre. Die Realität hat seine dystopischen Fantasien wohl schlichtweg einge- oder womöglich bald überholt. Der Titel seiner "desaströsen" Schau in der Gabriele Senn Galerie, wo das betrachtende Auge sich auf einer endzeitlichen Stimmung treiben lassen kann, gibt freilich Hoffnung. Dass man unter Umständen eh nicht nass wird.

Der Krieg hat Pause: Friedensbringer surft "Out of the Dark" (und into the light). Im Hintergrund hat der Hans Weigand zumindest Panzer versenkt. 
- © kunst-dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez

Der Krieg hat Pause: Friedensbringer surft "Out of the Dark" (und into the light). Im Hintergrund hat der Hans Weigand zumindest Panzer versenkt.

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"Bridge Over Troubled Waters" – nach diesem Song (in dem das Wasser allerdings Single ist, ein troubled Water). Doch weniger in der bittersüß traurigen, melancholischen Urfassung von Simon & Garfunkel als in der kratzig rauchigen Version von Johnny Cash. (Weigand: "Weil der singt das ganz düster.") Und der Weigand zitiert halt gern. Aus der Kunstgeschichte, der medialen Gegenwart, der Popkultur, der Religion. Spielt mit Bedeutungsebenen, weckt Assoziationen. Lässt Sachen aus seinem umfangreichen Archiv ("I hab mehrere Archive") mit seiner Kreativität organisch zu neuen Bildwelten zusammenwachsen.

"Troubled Waters": Eine Metapher für die aktuelle Polykrise? Ukraine, Klimawandel, Pandemie? "Diese Verdichtung an Umwälzungen ist schon gewaltig", meint Weigand. "Ein kompletter Paradigmenwechsel in so vielen Belangen. Wann hätte man sich gedacht, dass Grünpolitiker gezwungen werden, aus realpolitischen Gründen, zu sagen: ,Man muss Waffen liefern.‘?" Oder dass mitten im Winter in den Tiroler Bergen nicht lediglich kein Schnee liegen würde, sondern "das Gras den Befehl hat, grün zu sein"? 

Surfer mit Hut (und Gitarre)

So ziehen sich die Surfer heute jedenfalls nicht an. Und E-Gitarre spielen sie auch nicht. "London Calling" (2016) von Hans Weigand. 
- © kunst-dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez

So ziehen sich die Surfer heute jedenfalls nicht an. Und E-Gitarre spielen sie auch nicht. "London Calling" (2016) von Hans Weigand.

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Hm. Es führt eine Brücke über die unruhigen Gewässer? Na ja, zumindest sind jede Menge Surfbretter vorhanden. Diese "Hippie-Longboards" (Weigand). Auf die stellt er, der selber in diversen Bands Gitarrist war und ist (zuletzt bei Crincum Crancum), bevorzugt seine "Guitar Heroes" (Gitarrenhelden) drauf, seine Cowboys des Meeres. (Oder Heilige.) Hat der Typ im barocken Outfit ursprünglich an einer Laute oder Mandoline herumgezupft? I wo. Das ist insgeheim ein Porträt vom Lemmy Kilmister. Dem 2015 verstorbenen Sänger und Bassisten dieser Gruppe mit Heavy-Metal-Umlaut im Namen: Motörhead. "Der hat immer diesen Hut aufgehabt." Und sein Instrument war die E-Gitarre.

"Das ist das alte Surfen", klärt der vielgereiste Künstler auf. "Das kann i selber a a bissl. Echt lausig." Die modernen kurzen Modelle des Brettes, das in Kalifornien die Welt bedeutet (bei uns sind’s ja zwei Brettln), sollen weit weniger gutmütig sein. Ihre Reiter schneller abwerfen. "Da stehst mit der Gitarr‘ ned lang oben." Und mit dem Wasser (vor allem dem versalzenen in den Ozeanen) kennt er sich aus. Für ein Projekt mit dem Raymond Pettibon und dem Jason Rhoades, zwei Künstlerkollegen aus Übersee, hat er dereinst ein altes Schiff erworben, "mit dem wir zigmal in Seenot geraten sind. Die zwei Narren haben g’meint, ich hätt ein Kapitänspatent, und i hab ma natürlich gedacht, die ham eins". Nachsatz: "Und seitdem beschäftige ich mich mit Wasser." Weil: "Wasser is ned glei Wasser. Schon gar ned im Pazifik." 

Der Kentaur hat den Popo schön rund

Stilles Wasser ist sowieso nicht Weigands Element. Der mag’s prickelnder. Wenn es aufgewühlt ist, sich dramatisch aufbäumt (zu Frankensteins zusammengebastelter Monsterwelle sozusagen) und das Lindenholz als grafische Naturgewalt überschwemmt. Der Weigand bearbeitet nämlich klassische Druckstöcke. Zunächst nicht invasiv. Sondern mit Aquarellfarben und Tusche. Er koloriert schließlich keinen Druck, er schneidet, andersrum, der Malerei ins Fleisch.

Da geilt sich einer an seiner Zerstörungswut auf: "Der stolze Kriegsherr bestaunt sein Werk" (2022). Hans Weigand lässt einen potenten Kentauren vor ukrainischen Ruinen herumstolzieren. 
- © kunst-dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez

Da geilt sich einer an seiner Zerstörungswut auf: "Der stolze Kriegsherr bestaunt sein Werk" (2022). Hans Weigand lässt einen potenten Kentauren vor ukrainischen Ruinen herumstolzieren.

- © kunst-dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez

Erst wenn der gemalte Teil fertig ist, entscheidet er sich: Macht er einen reinen Holzschnitt daraus, der dann auf Papier gedruckt wird, und schnitzt quasi das Gemälde wieder weg, oder wird’s ein unikates Tafelbild, das er mit dem Schnitzeisen vollendet, mit eindringenden Linien, einer spontanen "umgekehrten Zeichnung"? Weigand: "Wie wenn du negativ zeichnen würdest."

Verliebt in Malewitschs "Schwarzes Quadrat" und nimmer in sich selbst: Hans Weigands Narciss. 
- © kunst-dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez

Verliebt in Malewitschs "Schwarzes Quadrat" und nimmer in sich selbst: Hans Weigands Narciss.

- © kunst-dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez

Das Freilegen des hellen Holzinneren funktioniert hier wie die Weißhöhungen (das Hervorheben der Lichter mit weißer Kreide oder Farbe) seit der Renaissance. Das Hinterteil von einem Pferd wird so gleich viel knackiger. "Du musst dem Highlights geben, damit das a Kugel wird", weiß der Weigand.

Ein Flacharsch ist jedenfalls auch sein Kentauren-Popo nicht, der sich im Opus "Der stolze Kriegsherr bestaunt sein Werk" vor dem brennenden Theater von Mariupol wölbt. Das mythologische Mischwesen aus Mensch und Pferd (Putin, sich selbst reitend?) trägt zwar nicht die Züge des russischen Demokrators, der gerade dabei ist, die Ukraine in eine Ukr-u-ine zu verwandeln, in eine Ruinenlandschaft, der hat sich freilich ebenso immer wieder mit nacktem Oberkörper hoch zu Ross inszeniert, oder? Weigands Kriegsherr (nach einer griechischen Skulptur) geilt sich sichtlich am Leid, das er verursacht hat, auf, prahlt mit seiner allmächtigen Potenz. ("Die Erektion im Original war um einiges kleiner.")

Irgendwann wird Frieden herrschen. So oder so. Während hinten das schwere Kriegsgerät absauft, hat vorne ein Lichtbringer mit Feuerschale die perfekte Welle gefunden und verbreitet Optimismus. Bereits 2021 hatte der Weigand diese Vision. Noch vor dem Überfall auf die Ukraine also. Gut, irgendwo ist immer Krieg. Und anderswo Frieden. Das opulente Aquarell im Schaufenster, das mit seinen Schraffuren auf Papier einen gedruckten Holzschnitt imitiert, ist da weniger zuversichtlich: "Dead Surfer Over Troubled Waters." Skelettierter Tod gleitet grinsend an den Trümmern der alten Welt vorbei. 

Wer hat das "Schwarze Quadrat" ersäuft?

"Blind Angel": Der Engel ist aber nicht erblindet, weil er was von Hans Weigands expressiver Malerei in die Augen gekriegt hat. 
- © kunst-dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez

"Blind Angel": Der Engel ist aber nicht erblindet, weil er was von Hans Weigands expressiver Malerei in die Augen gekriegt hat.

- © kunst-dokumentation.com / Manuel Carreon Lopez

Na servas. Brutal, dieses Folterwerkzeug mit Schraube am Handgelenk. (Im Hintergrund wird die Farbe derweil emotional, tritt über die Ufer, die Konturen, verschlingt den blinden Engel mit ihren expressiven Gesten förmlich.) Oder ist das ein Gerät für Mystiker zur Erzeugung von Stigmata? Oh, ein historischer Pulsmesser. Heutzutage hat man stattdessen eben eine schlanke Armbanduhr, die zudem die Schritte mitzählt, die man (nicht unbedingt Richtung Abgrund) macht.

Sogar Malewitschs "Schwarzes Quadrat" hat der Weigand ertränkt. Und man muss es ihm einfach glauben, dass dieser amorphe schwarze Fleck im Tümpel die Ikone des Suprematismus ist. Den setzt er jetzt überdies dem selbstverliebten Narziss als neues Objekt der Begierde vor: "Narcissus Watches the Sunken Black Square." Okay, das ist ausnahmsweise keine Tragödie, das ist witzig. Denn Humor ("Dieses Anbeten des Schwarzen Quadrats, das hat ja fast schon Jesuskind-Dimensionen") hat er offenbar auch, der Weigand. Einen schwarzen. Eindeutig.