Im Jahr 1723 wurde der Bau am "Herzstück der Nationalbibliothek" (Johanna Rachinger) im Auftrag Kaiser Karls VI. von Hofarchitekt Johann Bernhard Fischer von Erlach begonnen, er starb jedoch in diesem Jahr und wie am Spätwerk Karlskirche setzte sein Sohn Joseph Emanuel das an Roms Palazzo Colonna orientierte Konzept des Innenraums auch außen fort.

Die Auftaktausstellung im Jubiläumsjahr 2023 umfasst nun nicht nur eines der seltenen Porträts des Architekten, sondern die wichtigsten Handschriften, Pläne und Fotografien zur Geschichte und zum Schicksal des Bibliotheksbaus. Kurator Andreas Fingernagel ist als langjähriger Leiter der Handschriftensammlung Spezialist für diesen hoch aufgeladenen Ort des Wissens, der schon im Sinn der Aufklärung zum allgemeinen Nutzen vom Kaiser geöffnet wurde - ohne Bezahlung konnten die Wiener hier lesen.

Einige Provisorien davor im Minoritenkloster wie dem ehemaligen Harrachschen Haus waren bald überfüllt, der erste Bau unter Kaiser Leopold I. mit angeschlossener Kunst- und Wunderkammer im Augustinergang zum Augustinertrakt der Hofburg sowie mit den Antikensammlungen und der Reitschule verbunden. Der Zweite Türkenkrieg 1683 verzögerte das Vorhaben, und so entschied Karl VI., die erhebliche Erweiterung des Buchbestandes mit dem Repräsentationsbedürfnis der Habsburger zu verknüpfen.

Eine Zeitreise im Gedanken

Die Überbauung des Erstkonzepts führte aber zur Einsturzgefahr der Kuppel, und so oblag es Nikolaus Pacassi ab 1740, den 1726 vollendeten Prunkbau noch einmal statisch abzusichern und danach den Josefsplatz zu einem der schönsten Plätze Wiens umzugestalten. Dabei musste das Naturalienkabinett aus dem abgerissenen Augustinergang abgezogen werden; was blieb, war die inhaltliche Verbundenheit mit der Reitschule und die Antikensammlung im Stiegenhausanbau.

Der Gang durch die Antiken in die vielschichtige barocke Ikonografie war eine Zeitreise im Gedanken; an der Decke wird Karls Medaillon zwischen Herakles und Apoll als Apotheose in himmlische Sphären gehoben. Daniel Gran malte am Plafond aber auch Karls Position zwischen Krieg und Frieden mit den Musen. In der Gestalt eines römischen Imperators steht er als Marmorstatue Antonio Corradinis im Zentrum, die dominierenden Säulen der Seitentrakte sind Zeichen seiner Tugenden Standhaftigkeit und Tapferkeit. Grans Fresken litten unter der Einsturzgefahr der Kuppel und mussten von Franz Anton Maulbertsch überarbeitet werden. Der Rest des barocken Statuenprogramms der Brüder Strudel bildet mit römischen Büsten ein zusammengewürfeltes Geschichtskonzept. Rund um 1800 gingen Figuren nach Laxenburg, andere waren bereits Sekundärverwendungen. Salomon Kleiner und Jeremias Jacob Sedelmayr haben die Planungen und unverwirklichten Träume von Kaiser und Hofarchitekt in Stichwerken hinterlassen, sie stellen einen nahezu globalen Anspruch auf Herrschaft und Wissen der Zeit.

Johann Bernhard Fischer von Erlachs theoretischer Architekturband "Entwurff Einer Historischen Architectur" bezieht die Hofbibliothek für den Kaiser in die Weltarchitektur ein, das Werk führt von den Pyramiden Ägyptens bis zur Karlskirche in Wien. Neben den barocken Bänden und Blättern, die die Ausstellung über die Bautätigkeit der Kaiser zeigt, erweist sich die Folgegeschichte der Hofbibliothek bis in unsere Tage als spannend. Nach der statischen Sicherung kam die nächste große Gefahr im Revolutionsjahr 1848 durch Beschuss und Brand des Augustinertrakts, im Zweiten Weltkrieg waren die Buchbestände zwar ausgelagert, der Bau blieb von Bombentreffern verschont, aber die Fenster waren kaputt, Feuchtigkeit drang ein. 1955 folgte eine Restaurierung, 2022 eine weitere. Der Brand des Redoutensaaltrakts 1992 führte zu einer vorübergehenden Notevakuierung, doch wieder blieb der Bau verschont und somit bis heute ein symbolischer Ort der geistigen Identität gewahrt.