Es sind zwei Welten, die man in der aktuellen Ausstellung im "Westlicht" sieht. Auf der einen Seite das Elend, auf der anderen Seite den Aufbruch. Die beiden Welten verbindet der Fotograf Ernst Haas. Er hat das Nachkriegs-Wien dokumentiert, mit all dem Hunger, den Trümmern, den verstümmelten Heimkehrern. Zehn Kilo Margarine hat Haas am Schwarzmarkt für seine Kamera gezahlt. Zehn Kilo Margarine, die gut angelegt waren, haben sie doch eine der außergewöhnlichsten Fotografenkarrieren eines Österreichers in Gang gesetzt. Denn aus der Aussichtslosigkeit Österreichs flüchtete Haas in die USA, die er in seinen Bildern als Ort des Fortschritts und der Hoffnung porträtierte. Und einen dieser Fortschritte brachte er selbst voran: Dass Farbfotografie in Reportage-Magazinen ihren Siegeszug antrat, lag nicht zuletzt an Haas’ Bildern und daran, dass er in diesem Medium eine Sprache erfunden hat, als andere die Farbe noch als vulgär angesehen haben.

Das "bezaubernde Land" (Land of Enchantment) nannte Haas die USA in einer ersten Fotoserie. Eines der Bilder zeigt anschaulich, warum: Ein Auto steht in der Wüste von New Mexico, durch die Wolken bricht das Licht herein wie eine göttliche Erscheinung. Auch das Foto, das er von der Route 66 in Albuquerque gemacht hat, führt in eine Welt, die dem Nachkriegs-Wien nicht ferner sein könnte: Eine mehrspurige Straße, gesäumt von einem fröhlichen, buten Schildermeer, das Konsum ohne Ende verheißt.

Die Kunst seiner Farbfotografie demonstriert die Aufnahme "Western Skies Motel" aus dem Jahr 1977. Gelber Nebel, ein blauer Lichtfleck, rote Neonschrift des Hotels stechen aus der Dunkelheit verschwommen vor, als wäre es ein Film von David Lynch.

Verzaubert war Haas auch von New York, der Stadt widmete er seine Serie "Magic City New York". Er hielt den Zauber der Stadt, der von der Apotheose des urbanen Alltags rührt, trefflich fest: Ein Yellow Cab, das wie in einer Traumsequenz vorbeizischt, während Menschen auf den Bus oder eine grüne Ampel warten. Oder der angenehme Schwindel, den die an sich banale Technik einer Drehtür im Angesicht der Wolkenkratzer hervorruft.

Gebrochene Figuren

Bewegungsstudien, Fotos von Reisen und Ausschnitte aus seiner TV-Sendung "The Art of Seeing" sind in der Schau ebenso zu sehen wie Filmstills zu "The Misfits" mit Marilyn Monroe und Clark Gable. Als Fotograf der Magnum Agentur war Haas einer von vielen prominenten Lichtbildnern, die John Huston einlud, die Dreharbeiten zu begleiten (wie auch Inge Morath).

Mit ihren gebrochenen Figuren schlagen diese Bilder wieder eine Brücke zu Haas’ berühmter Serie über Kriegsheimkehrer in Wien. Sie beinhaltet einige Aufnahmen, die einen Kloß im Hals produzieren. Wie das erschütternde Foto, in dem eine ältere Frau mit kleinen verzweifelten Augen einem erleichtert strahlenden Ex-Soldaten in letzter Hoffnung ein Foto hinhält - er schaut nicht einmal hin, es würde aber wohl eh nichts bringen.