Normalerweise beachtet man ihn ja nicht sonderlich. Weil er sich eben in der Regel diskret im Hintergrund hält, um nicht aufzufallen und von der Kunst abzulenken. Im vorliegenden Fall ist er aber praktisch das eigentliche Exponat. Der Lichtschalter? Nicht direkt. (Obwohl die Zora Kreuzer was Geiles mit der Beleuchtung gemacht hat.) Vom Ausstellungsraum ist vielmehr die Rede.

Also runter mit den Bildern, freie Sicht auf die Wände? Auf die nackerten jedenfalls nicht. Dabei hat die in Berlin lebende visuelle Künstlerin, Soundperformerin und DJane, die 1986 in Bonn, der damaligen Hauptstadt der BRD, geboren worden ist, keine einzige Fläche zu den bereits vorhandenen hinzugefügt, wie es hingegen eine klassische Malerin täte. Eine solche muss bekanntlich überall ihre Flachware aufhängen. Und Kreuzer, die deutsche und österreichische Gene intus hat (Vater Deutscher, Mutter Tirolerin), hat Malerei studiert. In Karlsruhe, Straßburg und China. 

Sie hat den White Cube "angepinkelt"

Nicht, dass der Sehsaal einfach leer wäre. Im Gegenteil: Er ist sogar voll. Zumindest die ortsspezifische Intervention ist es. Nämlich stimmungsvoll. Weil der in einem Innenhof gelegene Offspace nicht etwa ein Selbstgespräch führt, sondern einen Dialog (oder Trialog) mit der Farbe und dem Licht. Introvertiert ist er trotzdem. Igelt sich ein. Schottet sich mit seinen verdunkelten Fenstern blickdicht gegen die Außenwelt und das Tageslicht ab.

Dafür ist dieses eine Gelb umso extrovertierter. Geradezu offensiv. Gelber als das Ei erlaubt. (Das Ei in Polizei?) Neon. Mit Schwarzlicht regelrecht zum Kreischen gebracht, zum hysterischen Leuchten. "Aus der Palette von Neonfarben, die ich hab, ist es die stärkste", meint Kreuzer. (Und offensichtlich die lauteste.) Jene Wand hat sie damit gestrichen, die sich plötzlich querstellt. Und einen hermetischen Block (und die Teeküche) abschirmt. Ein monochromes Tafelbild macht sie aus ihr. Nur dass halt die Wand die Tafel ist. Statt einer weiß grundierten Leinwand.

Dauernd schiebt sich einem im Sehsaal ein neues aufregendes Bild ins Blickfeld. Zora Kreuzers stimmungsvolle Intervention "Cloud Nine" eröffnet eben viele neue Perspekiven. 
- © BARBARA HOELLER

Dauernd schiebt sich einem im Sehsaal ein neues aufregendes Bild ins Blickfeld. Zora Kreuzers stimmungsvolle Intervention "Cloud Nine" eröffnet eben viele neue Perspekiven.

- © BARBARA HOELLER

Den White Cube, die neutral ausgeweißelte Bühne, auf der die Kunst ihren Auftritt hat (und streng genommen ein Quader und kein Kubus), hat Kreuzer gleich überhaupt in einen bunten Würfel transformiert. Lässt ihn in einem anderen Licht erscheinen, verändert so unsere Wahrnehmung von ihm grundlegend. Vorne beim Eingang beispielsweise hat sie ihn "angepinkelt" (die Leuchtstoffröhren mit pinker Folie beklebt) und schildert diesen Bereich nun in den rosigsten Tönen, hinten hat sie auf die langen, schlanken Lampen zwei verschiedene Blautöne appliziert. 

Sind neongelbe Katzen bei Nacht neongrau?

He, die Grundfarben! Zwar nicht hundertprozentig die der Malerei, aus denen man sich angeblich alle anderen zusammenmixen kann ("Who is Afraid of Red, Yellow and Blue?", wer hat Angst vor Rot, Gelb und Blau, hat der Farbfeldmaler Barnett Newman in den 1960er Jahren sein Kunstpublikum entsprechend gefragt), doch immerhin wären Cyan (dieses Türkis), Magenta (Fuchsia) und Yellow für den Mehrfarbendruck primär, den CMY-Farbraum.

Rosa, Blau, Gelb: Zora Kreuzer malt mit folienbeklebten Leuchtstoffröhren und schwarzlichtbestrahlter Neonfarbe so etwas wie ein räumliches Triptychon, dessen drei Teile fließend ineinander übergehen. 
- © BARBARA HOELLER

Rosa, Blau, Gelb: Zora Kreuzer malt mit folienbeklebten Leuchtstoffröhren und schwarzlichtbestrahlter Neonfarbe so etwas wie ein räumliches Triptychon, dessen drei Teile fließend ineinander übergehen.

- © BARBARA HOELLER

Da malt eine förmlich mit dem farbigen Licht (und mit Leuchtfarbe, die wiederum fluoresziert und unsichtbares UV-Licht in sichtbares Licht umwandelt) und fürchtet sich vielleicht vor dem Rot, allerdings eindeutig nicht vor Magenta. Lässt die unstoffliche, von den Fesseln und Zwängen der Materie befreite Farbe (und auch die physisch aufgewalzte) mit dem Raum zu einem sehr sinnlichen Erlebnis verschmelzen. Analysiert Letzteren, den Raum, mithilfe von Ersterer, der Farbe, die bis ins letzte Winkerl kriecht. Arbeitet einfühlsam (mit viel Raumgefühl) die einzelnen Zonen heraus. Lässt sich von der Architektur leiten, orientiert sich an ihr. Koloriert sie mehr oder weniger. Verräumlichte Malerei. Keine Farbfeld-, eine Farbraummalerei. Ein Colourspace Painting.

Die Aggregatzustände vermischen sich. Das feste Mauerwerk, das (längst getrocknete) flüssige Gelb, und Rosa und Blau diffundieren in die dritte Dimension. Löscht man das Licht, ist die neongelbe Fläche immer noch gelb, wogegen die pinken und blauen schlagartig wieder weiß sind. Wenn freilich im Finstern alle Katzen grau sind, wird das vermutlich gleichermaßen auf alle Farben zutreffen. Heißt das, das Neongelb ist bei Nacht Neongrau? Nein, heißt es nicht

Der Minimalismus ist ja eine richtige Stimmungskanone

Die Vernissage war übrigens obendrein zeitweise bewölkt. Da ist zwischendurch Nebel aufgezogen, hat sich ein ephemerer "Smog" aus der Nebelmaschine als diesig malerische Atmosphäre verflüchtigt, als farbhungriger Dunst, als gasförmige weiße Leinwand sozusagen, auf die die herumschwirrenden Wellenlängen abgefärbt haben. War das die ominöse vom Titel der Schau angekündigte "Cloud Nine", die im Deutschen die Wolke sieben ist? Eine Soundperformance hat’s ebenso gegeben. Wo sie mit Klängen gemalt hat, die Zora Kreuzer. Eine realistische Geräuschkulisse (in freier Wildbahn in Berlin aufgenommen, unter anderem auf einem Jahrmarkt und beim Silvesterfeuerwerk, bei dem man ja Farben dramatisch in den dunklen Himmel schießt), verfremdet und abgemischt mit abstrakten Beats, hat diffuse Bilder in den Köpfen der Zuhörer erzeugt.

Bunte Schatten und Reflexionen: Zwiegespräch auf dem Heizkörper. (Regie: Zora Kreuzer.) 
- © BARBARA HOELLER

Bunte Schatten und Reflexionen: Zwiegespräch auf dem Heizkörper. (Regie: Zora Kreuzer.)

- © BARBARA HOELLER

Überall Farbverläufe, sanfte Übergänge, koloristische Zwiegespräche. Und Schatten ergrünen. Ein Stimmungsminimalismus? Ein begehbares Gemälde? Auf alle Fälle ein abstraktes. Gegenstände enthält es schließlich keine. Nicht einmal eine Sitzgelegenheit. Gut, Stehplätze sind Usus in einer Galerie. Andererseits werden Küchenkastln und Flaschen miteinbezogen, werden eingefärbt (mit blauem Licht). Und die sind durchaus gegenständlich. Außerdem: "Wir sind die Objekte im Raum", stellt die Malerin klar. Nicht die Subjekte? 

Das stille Örtchen begrünen

Im Vorfeld hat sie ein Modell gebaut. Im Maßstab 1:50 ungefähr. ("Um die Architektur zu verstehen. Und ein Raumgefühl zu kriegen. Welche Flächen es gibt.") Und hat dann vor Ort erneut lange herumgebastelt und -probiert. Hat ausgetestet, "welches Licht wo funktioniert". "Ich hatte mal hinten Pink und vorne Blau." Aha, genau umgekehrt. Oder sie hat beim Magenta mit unterschiedlichen Blau- und Rotanteilen experimentiert. Subtile, präzise justierte Eingriffe, die Eindruck machen.

Harte Kontraste und sanfte Farbverläufe: In Zora Kreuzers "Cloud Nine" findet man beides. 
- © BARBARA HOELLER

Harte Kontraste und sanfte Farbverläufe: In Zora Kreuzers "Cloud Nine" findet man beides.

- © BARBARA HOELLER

Ein Grün ist ebenfalls noch hier irgendwo versteckt. Okay, ich verrate, wo. Sonst fände man es wahrscheinlich sowieso nicht. Höchstens, wenn man das dringende Bedürfnis verspüren würde, ein "Aquarell" loszuwerden und beim Klo runterzuspülen. Quasi. Ein flüssiges, gelbes. Am stillen Örtchen ist man folglich im Grünen, gibt die Kreuzer grünes Licht. Wofür? Na ja, sich zu erleichtern. Oh, einen Sitzplatz gibt es demnach doch. (Besonders weil man auf der Toilettentür höflich ersucht wird: "Bitte nicht im Stehen pinkeln!")

Man wähnt sich weltflüchtig entrückt. Wie in einem Nachtklub mit seiner unwirklichen Zeitlosigkeit. (Und Kreuzer ist mit der Klubszene verbandelt. Nicht zuletzt als DJane.) Oder wie die kleine Dorothy im Filmmusical "Der Zauberer von Oz". Denn ein bissl ist das Ganze ja echt wie ein Ausflug in ein märchenhaftes Technicolor-Land. In ein konstruktivistisches Oz allerdings. Und man muss halt zu Fuß hinmarschieren, kann nicht den Wirbelsturm nehmen. 

Auf dem Klo wird man zur bösen Hexe des Westens

Witzigerweise liegt das Magenta tatsächlich "Somewhere over the Rainbow", jenseits des Regenbogens. Ist nämlich keine Spektralfarbe. Und das weiße Licht im Stiegenhaus hat einen Grauschleier (ist mit einer grauen Folie versehen). Und ist Dorothys Alltag im ländlichen Kansas, die Ruhe vor dem Tornado, nicht Grau (weil in Schwarzweiß gefilmt)? Und wenn es einen aufs Häusl verschlägt, kriegt man den ungesund grünen Teint der bösen Hexe des Westens.

Blick zurück in den grauen Alltag: Bevor die Welt rosarot wird, hat sie einen Grauschleier. (Weil Zora Kreuzer aus dem Licht im Stiegenhaus mit alltagsgrauer Folie eine unscheinbare graue Maus gemacht hat.) 
- © BARBARA HOELLER

Blick zurück in den grauen Alltag: Bevor die Welt rosarot wird, hat sie einen Grauschleier. (Weil Zora Kreuzer aus dem Licht im Stiegenhaus mit alltagsgrauer Folie eine unscheinbare graue Maus gemacht hat.)

- © BARBARA HOELLER

Das Neongelb wird natürlich am Schluss nicht von der Wand gekratzt und für die Nachwelt konserviert. Das ist erstens an den Ort gebunden und hat zweitens ein Ablaufdatum. (Den 3. Februar. Das Ende der Ausstellung.) Ein Andachtsbild der Vergänglichkeit? Des Carpe diem? Pflücke den Tag, genieße den Augenblick.

Nichtsdestotrotz kann man sich etwas Farbe mit heimnehmen. Ein grelles Neonplakat mit sechs lose zusammenhängenden Wörtern drauf. Kreuzer: "Begriffe, die für mich wichtig und schön sind." Und die sie zu einem, wie sie es nennt, "Technogedicht" verdichtet. Techno, Rave, Emotions, Strobo, Lights, Love. Komprimiert zu purer Ekstase, zum euphorischen Klub-Gefühl. Durch den Sehsaal hallt ein Echo von diesem intensiven Moment auf Wolke sieben (bzw. neun).