Bild und Wand, die gehören eben einfach zusammen. Ohne das eine ist die andere nackert, ohne die andere hat das eine keinen Halt und man wüsste nicht so recht, wohin mit ihm. Hier haben die beiden aber sogar ein noch intimeres Verhältnis. Nämlich ein tapetenintimes. Nicht, dass der Christoph Luger seine Gemälde an die Wand kleben täte. Nein, nein. Er tackert sie fest. Und das, schon bevor es überhaupt Gemälde sind. Noch vor dem ersten Pinselstrich.

Zwischen seine Malerei und die Wand passt also grad einmal ein Blatt Papier. Oder eine Collage aus mehreren Blattln, die nach und nach zum passenden Untergrund für die Leimfarben zusammengewachsen sind. Und warum hängt jetzt alles gesittet, sprich artig gerahmt in der bechter kastowsky galerie? Weil der in Wien lebende gebürtige Bregenzer (ein 1957er Jahrgang) seine "Wandmalerei" am Ende wieder "gesellschaftsfähig" macht. Bzw. sammlerfreundlicher. 

Vom Verstreichen der Farbe und der Zeit

Ursprünglich hat er ja offenbar geglaubt, er wäre ein Grafiker. Bis sein Lehrer an der Akademie der bildenden Künste in Wien, der Maximilian Melcher, draufgekommen ist, dass sein Schüler mehr der Pinseltyp ist, und ihn als Maler geoutet hat. Woraufhin dieser eine Liste gemacht hat. Was ein gutes Bild ausmachen würde. Und nachher nach diesem Rezept ein malerisches Werk angefertigt hat. Drei Jahre soll er gebraucht haben. Und herausgekommen ist – ein weißes Bild. Kein leeres, wohlgemerkt.

Kontemplation im "destroyed Look": Christoph Luger lässt das Papier über die Leimfarbe meditieren, bis ihm, dem Papier, die Geduld reißt. Zumindest hat es diverse Blessuren. 
- © bechter kastowsky galerie und Christoph Luger

Kontemplation im "destroyed Look": Christoph Luger lässt das Papier über die Leimfarbe meditieren, bis ihm, dem Papier, die Geduld reißt. Zumindest hat es diverse Blessuren.

- © bechter kastowsky galerie und Christoph Luger

Nach wie vor verdichten sich auf seinen Malgründen die Stunden, Monate, Jahre zu einem beschaulichen abstrakten Expressionismus. Und abstrakt ist nicht unbedingt gleichbedeutend mit: dass man nix erkennen könnte. Die pure Malerei ist ganz deutlich zu sehen. Transparenzen, die sich sanft überlagern, eine gedämpfte Palette, die vom Verstreichen der Farbe und der Zeit erzählt, bis das Papier einreißt. Letzteres mag empfindlich sein, aber bekanntlich ist es geduldig. Oft rollt der zuagraste Maler es auch wieder zusammen und räumt es für länger weg. Ach, er lässt seine Malerei in seinem Atelier in der Zacherlfabrik reifen wie Käse? Wobei sie wohl eher in einen Dornröschenschlaf fällt. Bis der Luger sie erneut wachküsst, sie bereit ist für den nächsten Durchgang. Verglichen mit dem 100-jährigen Nickerchen der Märchenprinzessin ist das allerdings mehr ein Powernap. 

Der behandelt das Papier wie einen Erwachsenen

Hart im Nehmen ist es sowieso, das Papier. Hat jedenfalls sichtlich viel mitgemacht, viel erlebt. Ist voller Schürf- und klaffender Wunden. Und weil die Zeit anscheinend doch nicht alle heilt, egal wie ausgiebig man sie, die Zeit, einwirken lässt, verarztet notgedrungen der Künstler die Verletzungen. Ein paar davon. Tackert zum Beispiel kleine Schnipsel drauf wie Pflasterln (die man freilich üblicherweise nicht mit der Heftklammerpistole befestigen muss, zumal sie zum Glück selbsthaftend sind).

Ein ziemlich beruhigendes grünes Quadrat von Christoph Luger. 
- © bechter kastowsky galerie und Christoph Luger

Ein ziemlich beruhigendes grünes Quadrat von Christoph Luger.

- © bechter kastowsky galerie und Christoph Luger

Mit ihrer abgefuckten Ästhetik, ihrem destroyed Look (he, wie bei den zerrissenen Jeans), schauen die zu Tafelbildern mutierten "Fresken" ja generell so aus, als müsste man sie schleunigst restaurieren, als wären das verblassende Erinnerungen an verwitternde Wände, von denen eine vielschichtige Vergangenheit abblättert. Noch dazu behandelt der Luger sie, fast hätte ich geschrieben: wie Erwachsene. Nimmt die Papierarbeiten nicht hinter Glas in Schutzhaft, spannt diese heiklen und zugleich robusten Hybriden aus Collage und Malerei stattdessen auf ein Passepartout auf (alles andere als oldschool, denn das wäre, sie mit besagtem Karton einzufassen), wo sie nun allem ausgeliefert sind. Unter anderem diesem – vergleichsweise harmlosen – Zeitzeugen: dem Staub. 

Ein 90-Grad-Baselitz?

Okay, um sich hinter Glasscheiben zu verschanzen, dafür sind einige eventuell eh bereits ein bissl zu "ausgewachsen". Speziell das rote XL-Opus. "Das größte Bild", meint Galerist Robert Kastowsky, "das wir je in der Galerie hatten. In einem Stück." Zu viert haben sie das im Stiegenhaus hochziehen müssen. "Dann hammas reingedreht. Das war a super Challenge."

Gedreht hat der Luger seine Schöpfung genauso. Wie die mittlerweile horizontal verlaufenden, dünnen Rinnspuren beweisen. Ein 90-Grad-Baselitz gewissermaßen, der seine Bilder nicht komplett auf den Kopf stellt, verkehrt herum aufhängt, sie nicht um 180 Grad dreht, sondern auf halbem Weg aufgibt, genug hat. Na ja, es wäre sich ohnehin nicht anders ausgegangen. Vom Platz her. Der Raum ist 3,10 Meter hoch, das nunmehrige Querformat hätte, als es noch ein Hochformat gewesen ist, 80 Zentimeter mehr benötigt. Oder man hätte es oben kürzen müssen. (Warum? Da passt es doch.)

Ohne Titel, dafür mit viel Rot. Übrigens hat Christoph Luger bei seinem nuancenreichen XL-Opus (240 mal 390 Zentimeter) eine halbe Baselitz-Drehung vollführt. (90 statt 180 Grad.) 
- © bechter kastowsky galerie und Christoph Luger

Ohne Titel, dafür mit viel Rot. Übrigens hat Christoph Luger bei seinem nuancenreichen XL-Opus (240 mal 390 Zentimeter) eine halbe Baselitz-Drehung vollführt. (90 statt 180 Grad.)

- © bechter kastowsky galerie und Christoph Luger

Monochrom heißt übrigens nicht zwangsläufig eintönig. Das Papier errötet durchaus vielstimmig. In unterschiedlichen Intensitätsgraden. Nuanciert. Außerdem mischt sich obendrein ein Himmelblau diskret ins Geschehen ein. Womöglich jenes, das einer Bleistiftnotiz zufolge ein gewisser Willi beigesteuert haben soll: "ein coelinartiges Blau von Willi" (coelum: Himmel). Der Luger kritzelt halt alles Mögliche in seine dumpfen Farbwelten hinein. Kryptisches, Banales, Maßangaben. Oder ein mit dem Lineal gezogenes Raster im Hintergrund schafft unterschwellig Ordnung. 

Das kleine Gelbe aus dem Bücherregal

Ein Hochformat bleiben muss auf alle Fälle das etwas handlichere Exponat mit gelber Grundstimmung. Das verweist immerhin auf das kleine Gelbe. Auf das Reclam-Heftl. (Reclams gelbes Rechteck: Beinah so ikonisch wie Malewitschs "Schwarzes Quadrat".) Besteht das nicht auch aus Papier? Zugegeben: nicht aus edlem Bütten mit individuellem, ungleichmäßigem Rand. Und während dort die Handlung erst hinter dem Gelb (unter dem Buchdeckel) anfängt, legt Lugers Gelb sofort los. Ohne Umschweife. Wie alle seine Farben.

Lauter fragile Geschichten von der Verletzlich- und Vergänglichkeit, die man aufmerksam lesen sollte, nicht bloß überfliegen, sonst kriegt man die Hälfte nicht mit. Und die trotz der nicht wenigen Blessuren eine kontemplative Ruhe und Gelassenheit ausstrahlen (um nicht zu sagen: dieselbe Würde wie das zerknitterte Gesicht von Rembrandts Mutter).

Das kleine Gelbe ist gewachsen. (Aus Christoph Lugers Reclam-Serie.) 
- © bechter kastowsky galerie und Christoph Luger

Das kleine Gelbe ist gewachsen. (Aus Christoph Lugers Reclam-Serie.)

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