Der österreichische Künstler Gottfried Helnwein setzt mit einer eigenen Plakatserie ein Zeichen für die Bevölkerung im Iran und gegen "Gewalt an Frauen". Nach dem Auftakt am Stephansdom hängt nun seit vergangenen Dienstag ein weiteres großflächiges Plakat eines blutbefleckten Mädchens mit der Aufschrift "My Sister" an der Fassade des Hoxton Hotels - mitten im Wiener Botschaftsviertel im dritten Bezirk. Initiiert wurde das Projekt von österreichischen Exiliranerinnen (Wiener NGO "Women without borders" und die "people share Stiftung") als Hommage an die "Woman - Life - Freedom"-Bewegung weltweit. Für die Motive wurden Jugendliche mit iranischem Migrationshintergrund abgelichtet. Warum das Thema Gottfried Helnwein ein großes Anliegen ist, erklärt er im Interview mit der "Wiener Zeitung".

"Wiener Zeitung": Nach dem Stephansdom hängt nun das zweite Bild aus der Plakatserie "My Sister" am Hoxton Hotel. Warum haben Sie das Thema aufgegriffen?

Gottfried Helnwein: Ein wesentlicher Teil meiner Arbeit hat sich von Beginn an mit dem Thema Gewalt auseinandergesetzt. Gewalt gegen Wehrlose ist so alt wie die Menschheit. Vor allem Frauen und Mädchen waren zu allen Zeiten und in allen Kulturen unterdrückt, diskriminiert und männlicher Gewalt ausgesetzt gewesen. Erst im 18. Jahrhundert ist im Zuge der Aufklärung zum ersten Mal in Europa das Konzept allgemeiner Menschenrechte formuliert worden und seither war es ein mühsamer Kampf für Frauen in der westlichen Welt. Der Missbrauch von Frauen und Mädchen geht durch alle sozialen Schichten und Ethnien, von den Reichsten und Mächtigsten in der westlichen Welt bis zu den Ärmsten in der sogenannten dritten Welt. Ich habe letztes Jahr im Rahmen der Aktion "Orange The World", wo eine Gruppe von Frauen sich im Rahmen der UN gegen Gewalt gegen Frauen einsetzten, großformatige Bilder zu diesem Thema in verschiedenen Städten im öffentlichen Raum installiert.

Gottfried Helnwein. apa / Kaiser - © apa / Kaiser
Gottfried Helnwein. apa / Kaiser - © apa / Kaiser

"My Sister" ist weniger politisches Statement, als ein Appell, uns auf die Seite der Opfer zu stellen. Die Massenmedien haben die Tendenz unsere Aufmerksamkeit immer ausschließlich auf ein bestimmtes Thema zu konzentrieren und so wichtig Themen wie Corona, Klimawandel und der Krieg in der Ukraine, sind, so übersehen wir doch immer den größten und längsten aller Kriege, den stillen Krieg gegen Frauen und Mädchen in der ganzen Welt. Ich kann mir nicht helfen, aber wenn im Iran, Afghanistan oder sonst wo in der Welt ein Mädchen missbraucht, gefoltert und getötet wird, dann betrifft mich das so, als wäre es meine eigene Schwester oder Tochter.

Auch ein Bild am Stephansdom soll aufrütteln. - © apa / Eva Manhart
Auch ein Bild am Stephansdom soll aufrütteln. - © apa / Eva Manhart

Diese Bewegung im Iran könnte als Vorreiter eines feministischen Befreiungsschlags in dieser gesamten Region etwas lostreten, was ohnehin überfällig ist. Wie sehen Sie das?

Das könnte in der Tat der erste Dominostein sein, der fällt, das ist eine große Chance. Wir dürfen jetzt die Frauen und Männer im Iran, die unter dem Einsatz ihres Lebens für ihre Freiheit kämpfen, nicht im Stich lassen, wir dürfen nicht zur Tagesordnung übergehen und zulassen, dass sie ihrem Schicksal überlassen und wieder vergessen werden. Die Menschen erheben sich weltweit, und die Iranerinnen und Iraner demonstrieren, auch hier in Wien und auf der ganzen Welt zum Glück lautstark und eloquent genug, dass man sie nur schwer übersehen und überhören kann. Wir müssen endlich aufhören, Gewalt gegen Frauen und Kinder als Kavaliersdelikt anzusehen und immer irgendwelche Rechtfertigungen zuzulassen.

Der "vergessene Krieg gegen Frauen und Mädchen" ist Helnwein ein Anliegen. - © Gottfried Helnwein
Der "vergessene Krieg gegen Frauen und Mädchen" ist Helnwein ein Anliegen. - © Gottfried Helnwein

Braucht es dafür immer schockierende Bilder, um aufmerksam zu machen? Für sehr viele Menschen ist der Anblick von verletzten Kindern und Frauen unerträglich.

Die Menschen sind heute durch die Massenmedien, und vor allem durch das Internet, einer permanenten Flut von Bildern und Informationen ausgesetzt, die sie auch gegen Darstellungen extremer Grausamkeiten mehr und mehr abstumpfen.

Wir haben uns daran gewöhnt, täglich zu erfahren, dass Mädchen auf dem Weg zur Schule verschwinden oder missbraucht werden, Frauen ermordet und Frauenleichen gefunden werden. Dazu kommt, dass auch in Filmen und Video Games drastische Darstellungen von Gewalt, Folter, Vergewaltigung und Tötung als Unterhaltungswert betrachtet werden. In meinem Atelier in Los Angeles habe ich eines Tages zu zweifeln begonnen, ob das Malen mit Ölfarben auf Leinwand nicht eine völlig anachronistische Tätigkeit war. Ich dachte, wer wird denn noch stehen bleiben und ein schlicht gemaltes Bild betrachten? Doch ich habe immer wieder erlebt, dass ein fiktives visuelles Image in der Kunst emotional tiefer gehen, berühren und erschüttern kann als Worte, Bilder und Dokumentationen der sogenannten Realität.

Sie ecken mit Ihren Bildern oft an. Wie gehen Sie persönlich damit um?

Kunst kann alles, Kunst darf alles können. So wie Kandinsky sagt, solange es aus einer inneren Notwendigkeit kommt. Es kann auch Entertainment sein oder was auch immer, Dekoration. Aber es gibt auch eine Tradition in der Kunst, die sich mit den dunklen Seiten des Lebens beschäftigt, mit Unterdrückung, mit Leid und wo sich der Künstler als eine Art Chronist sieht, der die Menschen am Vergessen hindern will oder zwingen will, sich zu erinnern an etwas, was sie lieber nicht sehen würden. Kunst entsteht für mich immer intuitiv.

Wie erklären Sie sich, dass diese Bewegung gerade im Iran so aufgekeimt ist?

Interessanterweise stammt die erste Charta der Menschenrechte in der Geschichte aus dem antiken Persien. Ihre Bestimmungen entsprechen heute den ersten vier Artikeln der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen. In den 50er Jahren hatte der Iran ein demokratisches System unter dem legitim gewählten Premierminister Mossadegh, wo Frauen dem Gesetz nach den Männern gleichgestellt waren. Mit Hilfe der CIA gelang den Amerikanern und Briten durch einen Putsch, die Demokratie im Iran zu zerstören, um weiter die Ölressourcen des Landes plündern zu können. Das führte schließlich zur Diktatur der Mullahs. Der Iran hat generell einen sehr hohen Bildungsgrad und der feministische Freiheitskampf hat eine lange Tradition. Das erklärt auch warum sich so viele Intellektuelle, Studierende, Künstler und Künstlerinnen dieser Protestbewegung anschließen, die sich nicht länger von diesen Fundamentalisten terrorisieren lassen wollen. Bei uns durften Frauen auch erst um 1900 das erste Mal ein ordentliches Universitätsstudium absolvieren.

Ich will nicht in einer Welt leben, in welcher der Hälfte der Menschheit die grundlegendsten Rechte versagt sind. Stellen Sie sich das enorme Potenzial an Kreativität und Intellekt vor, welche der Menschheit durch die systematische Unterdrückung der Frauen verloren gegangen ist. Das, was jetzt im Iran stattfindet, ist der Aufstand der Frauen und Mädchen gegen diese permanente Gewalt und den systematischen Missbrauch. Wir sind verpflichtet, uns an ihre Seite zu stellen. Wenn wir uns jetzt für die Frauen im Iran einsetzen, setzen wir uns für alle Frauen der ganzen Welt, und letztlich für eine bessere Zukunft der Menschheit ein.