Vor ihren Bildern muss ich immer an diese Anekdote über den antiken griechischen Maler Apelles denken. Einer seiner Schüler hat da auf einem Gemälde die schöne Helena, die attraktivste, unwiderstehlichste und meistentführte Frau ihrer Zeit, mit Schmuck regelrecht überfrachtet, woraufhin der Meister sinngemäß bemerkt: "Aha, du hast sie nicht schön malen können, also hast du sie reich gemacht."

Hm. Aber bei der Lucia Riccelli tragen die Dargestellten doch nicht einmal Ohrringerln. Oder ein klitzekleines Nasenpiercing. Ja, eben. Die nach Wien übersiedelte italienische Malerin und Performerin war schließlich in der Lage, sie ästhetisch ansprechend wiederzugeben, drum hat sie sie getrost arm bleiben lassen können. Selbst für Anziehsachen haben sie offenbar kein Geld. Okay, das ist nicht der Grund, weshalb sie unbekleidet sind. Das sind schlichtweg Akte. 

Die Leinwand zieht sich die Malerei an

Poppige Farbhaut auf nackter Leinwand: Lucia Riccellis "Enchantment" (2022). 
- © Kunstverlag Wolfrum

Poppige Farbhaut auf nackter Leinwand: Lucia Riccellis "Enchantment" (2022).

- © Kunstverlag Wolfrum

Riccelli ("Auch wenn man nicht malt, arbeitet man eigentlich weiter") könnte sich ebenfalls mehr Farbe leisten. Nicht aus finanzieller Not hat sie diesen fulminant skizzenhaften Stil, der mit wenigen Strichen und Klecksen eine Pose zu charakterisieren vermag. An einem Horror vacui, dieser Angst vor der Leere, die die Ursache sein soll, weshalb manche ihre Bilder so vollstopfen, daran leidet sie zumindest eindeutig nicht. Im Gegenteil.

Schmissig wirft sie den weiblichen Körper auf die rohe Leinwand, die natürlich kein Spannleintuch ist. (Oder irgendwie ist sie das schon. Aufgespannt wird sie ja, oder etwa nicht?) Auf dass die Nacktheit der Figuren und die der Leinwand zur puren Sinnlichkeit verschmelzen. Witzigerweise entblößen sich die einen, die Figuren, sobald sich die andere, die Leinwand, bedeckt. Nämlich mit Farbe bedeckt. Notdürftig. Allerdings in den verführerischsten Tönen. Und außerdem: Soooo offensichtlich hüllenlos sind diese Akte eh nicht, die nirgends verortet sind (höchstens auf der Leinwand). Um die herum sich keine Umgebung andeutet, kein Raum. 

Das Streichinstrument spielt poppige Farbtöne

"Die Unscheinbare" von Lucia Riccelli ist aber eigentlich gar nicht unscheinbar. Okay, verglichen mit den andern vielleicht ein bissl blass. Kasig. 
- © Lucia Riccelli

"Die Unscheinbare" von Lucia Riccelli ist aber eigentlich gar nicht unscheinbar. Okay, verglichen mit den andern vielleicht ein bissl blass. Kasig.

- © Lucia Riccelli

"Die Haut, die ist für mich das Gewand" (ein maßgeschneidertes sogar), meint Riccelli, die – apropos Töne – gleich zwei Streichinstrumente spielt: den Pinsel und die Violine. Den Umgang mit beidem hat sie studiert. Kein Wunder folglich, dass die Farbe bei ihr tönt wie Musik. Oder einfach nicht stillhalten kann. Denn Ballett- und Modern-Dance-Erfahrung hat die Pinsel-Solistin, deren kinetische Energie sich auf die ruhige Malfläche überträgt, ebenso.

Hautfarbe: bunt. Die Anatomie löst sich süffig in eine dynamische Polychromie auf. Wobei sich Blau, Gelb, Rot, grelles Orange und Pink auf das Wesentliche konzentrieren, aufs Essenzielle. Nicht ausschweifen. Zu einem beinah liebreizenden Expressionismus zusammenklingen. Wohl nicht von ungefähr lautet der Titel der Ausstellung in der Galerie Wolfrum "Enchantment". Englisch für: Verzauberung, Entzücken.

Diese groben Gesten, die Flecken und Spritzer haben erstaunlich viel Anmut, und in den Gesichtern verfeinern sie sich sowieso zu einem seelenvollen Ausdruck. Und zu wem gehört die Physiognomie? Zur Künstlerin? Sieht ihr jedenfalls ähnlich. Allesamt Selbstporträts demnach? Nein. Modell gestanden sind ihr hier: die Erinnerung und die Imagination. Keine konkreten Personen. Riccelli: "Es ist alles im Kopf." (Nicht, dass sie nicht zwischendurch auf leibhaftige, auf fleischliche Vorlagen zurückgreifen würde.) He, kann es sein, dass jegliche Ähnlichkeit mit einer lebenden Malerin zwar unbeabsichtigt und rein zufällig ist, man sich freilich an die eigene Visage nun einmal am deutlichsten erinnern, sie sich am besten vorstellen kann, zumal man sie täglich im Badezimmerspiegel erblickt? 

Auf der Acryl-und-Öl-Party abfeiern

Auch Papier will von Lucia Riccelli bekleidet werden. Mit einem stilleren Kolorit. (Das Aquarell "Growing", 2022.) 
- © Kunstverlag Wolfrum

Auch Papier will von Lucia Riccelli bekleidet werden. Mit einem stilleren Kolorit. (Das Aquarell "Growing", 2022.)

- © Kunstverlag Wolfrum

Die Fantasie-Lippen mögen geschlossen sein, schweigen, dafür spricht die Hand der Künstlerin in Gebärdensprache mit uns. Quasi. Wird gestisch. Trifft spontane Entscheidungen. "Es ist wie eine Stimme, die mir das sagt. Ich bin da ein Medium", merkt eine vom Resultat mitunter selber überraschte Riccelli an. Und was soll dieses rätselhafte Fetzerl sein, das die eine da hält? Ein Stückl ihrer eigenen Haut. Als Visualisierung des Wunsches, "dass wir Schichten von uns weggeben möchten, um etwas anderes zu zeigen". (Könnte aber genauso gut ein Tüchl sein. Ein hautfarbenes, ergo buntes.) Und dauernd tropft der Pinsel kokett, verliert beim Transport der Farbe zu jener Stelle auf dem Bild, wo sie gebraucht wird, einen Teil seiner flüssigen Ladung. (Die Aquarelle sind "kammermusikalischer", zarter. Doch nicht minder ausdrucksstark als die wilden Acryl-und-Öl-Partys auf Leinwand.)

Diese offene Malerei selbst, eine mit hohem Wiedererkennungswert, ist bereits erotisch, sexy. Und nicht bloß, weil sie keine "Unterwäsche" anhat, keine Grundierung unten drunter ist.