Alles hat bekanntlich ein Ende, doch nicht nur die Wurst hat gleich zwei davon. Anders als bei dieser wird freilich bei den Zwei-Endern, die der Felix Malnig gemalt hat, das eine Ende nicht kontinuierlich kürzer. Na ja, vermutlich weil seine zweimal endenden Dinger nix zum Essen sind, sondern was zum Drüberfahren, nämlich Autobahnbrücken.

Nicht, dass man auf den Gemälden auch bloß ein einziges Ende sehen würde. Besonders weil der Bildrand sie meistens alle beide "abbeißt". Und bei den Funktürmen, diesen Beton-Erektionen, macht er’s genauso. Die Mitte (gern in extremer Untersicht) reicht aber in der Regel eh aus, um die markanten Bauwerke mit hohem Betonanteil und Wiedererkennungswert zu identifizieren. 

Die Einsamkeit überbrücken

Die Europabrücke beispielsweise, die einst höchste Brücke Europas und heute immerhin noch die höchste in Österreich. Kernstück der Brenner-Autobahn. Denk- oder mittlerweile Mahnmal für, nein, nicht den unbekannten LKW-Fahrer, vielmehr für den ungebremsten Transitverkehr. Zugegeben, ich hätte sie nicht erkannt. Allerdings besitze ich keinen Führerschein. Lediglich den Passiv-Führerschein. (Die Jahreskarte der Wiener Linien.) Mit dem Donauturm hab ich dafür kein Problem gehabt. Bei dem bin ich sofort draufgekommen, dass er es ist. Vielleicht, weil man da mit dem Lift rauffährt. (Obwohl die dort meine Jahreskarte nicht akzeptieren und man für dieses Verkehrsmittel einen eigenen Fahrschein kaufen muss.)

Europabrücke und diverse Türme, wie Felix Malnig, der sie höchstpersönlich in Augenschein genommen hat, sie gesehen hat. Von links oben nach rechts unten: CN Tower (Toronto, 2021), Most SNP (Bratislava, 2022), Berliner Fernsehturm (2023) und Wiener Donauturm (2021). 
- © Eva Kelety, Bildrecht 2023

Europabrücke und diverse Türme, wie Felix Malnig, der sie höchstpersönlich in Augenschein genommen hat, sie gesehen hat. Von links oben nach rechts unten: CN Tower (Toronto, 2021), Most SNP (Bratislava, 2022), Berliner Fernsehturm (2023) und Wiener Donauturm (2021).

- © Eva Kelety, Bildrecht 2023

Der Pressetext zu seiner Einzelausstellung "Joyride" (Spritztour, Vergnügungsfahrt) im Bildraum 07 nennt ihn, den Malnig, einen künstlerischen Chronisten der Einsamkeit. Moment. War das nicht der Edward Hopper mit seinen traurigen Singles, die in Hotelzimmern oder an der Bar die Zeit und die Langeweile verstreichen lassen? Okay, "ein" künstlerischer Chronist der Einsamkeit, nicht "der". Gleich überhaupt keine Menschen bevölkern die Bilder des 1967 in Nürnberg geborenen, seit langem in Wien lebenden und dazwischen dies- und jenseits des Großen Teichs aufgewachsenen Malers. Als hätte der Homo sapiens einen Abgang gemacht und seine Beton-Monumente dagelassen. 

Der Natur die Kultur bringen

Eine dystopische Vision? Posthumane Gefilde? Landschaften nach dem Aussterben der Menschheit? Nicht einmal auf den Sesseln des Skilifts sitzt jemand. Und der Malnig stapft mit dem Pinsel und der Lackspraydose als Letzter seiner Spezies durch die verwaiste Welt (bzw. mit dem Fotoapparat, weil er ja kein Outdoor-Maler ist) und dokumentiert seine eigene Einsamkeit. Und der Betrachter/die Betrachterin identifiziert sich mit ihm, fühlt sich schlagartig von allen Artgenossen verlassen.

Technik: Schnee und Sessellift auf Berg. Beim Bild, das vom Felix Malnig stammt, ist die Technik allerdings: Acryl und Lackspray auf Leinwand ("Skipiste", 2022). 
- © Felix Malnig, Bildrecht 2023

Technik: Schnee und Sessellift auf Berg. Beim Bild, das vom Felix Malnig stammt, ist die Technik allerdings: Acryl und Lackspray auf Leinwand ("Skipiste", 2022).

- © Felix Malnig, Bildrecht 2023

Ach, wahrscheinlich ist das Drehrestaurant hoch oben auf dem aufgetürmten Beton (auf dem Berliner Fernsehturm, dem CN Tower in Toronto, dem Donauturm . . .) in Wirklichkeit gesteckt voll. Und die Touristen drängeln sich auf den Aussichtsplattformen. Aus der großen Entfernung ist halt mit freiem Auge niemand auszumachen. Noch dazu sieht man die Lokale und Aussichtsplattformen steil von unten. Jö, das Ufo-Restaurant auf dem Pylonen der "Brücke des slowakischen Nationalaufstands" in Bratislava! Da drin ist garantiert kein Platz mehr frei.

Sehr naturnah sind die dargestellten Bauten zumeist. Weniger ihre Formen als ihr Standort. Und inzwischen sind die monumentalen Trümmer, die Täler überbrücken und der Natur die Kultur bringen, bereits Teil des Panoramas. Was nicht heißt, sie hätten sich perfekt integriert. Pfleglich geht der Mensch mit der Landschaft jedenfalls nicht um. Er überrollt sie mit seinem Verkehr, asphaltiert Schneisen durch ihre ruhigen Wälder, verschandelt sie mit funktionaler Architektur, belästigt sie mit Lärm und Abgasen. Blau ist der Planet sowieso bestenfalls noch vom All aus, aus der Sicht der Astronauten; für uns hier herunten wird er zunehmend zum Grauen Planeten. Zur Betonwüste. 

Der Beton macht einen Ausflug ins Grüne

Malnig, auf dessen Leinwänden noch erstaunlich viel grüne Farbe gedeiht (sogar die Schatten unter der Tauern-Autobahn ergrünen, überziehen den Beton wie Moos), der ist sich der Ironie unserer Naturliebe ("Wir machen uns auf den Weg nach Südtirol zum Wandern und benutzen dabei die Autobahn") und unseres Dilemmas durchaus bewusst: "Gemeinhin wünscht man sich die unberührte Landschaft, aber irgendwie muss man ja hinkommen. Und schon ist sie nicht mehr unberührt."

Noch zwei Autobahnbrücken aus der Nicht-Autofahrer-Perspektive (von unten): der Talübergang Schottwien (2021, links) und ein "abgehobener" Abschnitt der Tauern-Autobahn (2020, rechts). 
- © Eva Kelety, Bildrecht 2023

Noch zwei Autobahnbrücken aus der Nicht-Autofahrer-Perspektive (von unten): der Talübergang Schottwien (2021, links) und ein "abgehobener" Abschnitt der Tauern-Autobahn (2020, rechts).

- © Eva Kelety, Bildrecht 2023

Und gerade in der "berührten" Landschaft schaut er sich nach Motiven um, klappert alles, was er malt, vorher ab, teilweise mit dem Rad, egal, wie viele Fotos davon im Internet längst kursieren mögen, weil es eventuell eine Touristenattraktion ist, eine Sehenswürdigkeit, die jeder kennt, selbst wenn er sie nicht kennt, sie nie live getroffen hat. Er muss selber dort gewesen sein, der Malnig. Die Sachen anscheinend angreifen wie der ungläubige Thomas. Ganz analog. (Nein, nicht um sicherzugehen, dass nicht insgeheim eine KI die Brücken und Türme virtuell errichtet hat.) Wobei sie aus intimer Nähe und in der perspektivischen Verkürzung nur umso höher und gewaltiger wirken als aus der Ferne. 

Brücken sind einfach ein ausgewilderter Konstruktivismus

Das Getreidesilo in Guntramsdorf: für Felix Malnig sichtlich genauso sehenswert wie der Donauturm. Zumindest genauso malenswert. Aber eigentlich ist das ja ein Landschaftsbild. Ein sehr ehrliches eben. 
- © Sascha Trimmel, Courtesy: Felix Malnig, Bildrecht 2023

Das Getreidesilo in Guntramsdorf: für Felix Malnig sichtlich genauso sehenswert wie der Donauturm. Zumindest genauso malenswert. Aber eigentlich ist das ja ein Landschaftsbild. Ein sehr ehrliches eben.

- © Sascha Trimmel, Courtesy: Felix Malnig, Bildrecht 2023

Oft hat er einen persönlichen Bezug zu den Architekturen. Etwa zum Getreidesilo in Guntramsdorf, das die Bäume und Büsche überragt (gewonnen, ätsch!). Seine Eltern wohnen in der Gegend, in der er als Jugendlicher obendrein gejobbt hat. Und Silos haben ihn als Projekt zur Aufnahmsprüfung an der Angewandten in Wien begleitet, wo er dann ab 1987 Malerei in der Meisterklasse für Experimentelles Gestalten bei Maria Lassnig studiert hat. Der CN Tower steht ebenfalls irgendwo in seiner Biografie herum. Weil er seine Kindheit in Kanada verbracht hat. Und "ganz selten" bedient er sich gar eines Sessellifts als Aufstiegshilfe. ("Es wäre banal zu sagen: Verkehr böse, Tourismus böse. So einfach ist es nicht.") He, ist der Schnee da auf der Piste echt oder Kunstschnee? Kunstschnee natürlich. Schließlich ist er gemalt, hallo?

Keine neuen Brücken baut der Malnig und die alten nicht um. Er reduziert sie höchstens auf das Wesentliche, wenn er sie als ausgewilderten Konstruktivismus ins malerische Ambiente wuchtet. Die strenge Geometrie fusioniert mit sanftmütigen Gesten und vagen botanischen Andeutungen zu großem ästhetischem Reiz und einer eigentümlichen, unwirklichen Stimmung. Bei aller Reduktion bleibt noch Raum für Zwischentöne, für eine geschlossene Wolkendecke mit unterschwelliger Polychromie, ein Weiß mit buntem Unterbewusstem. Der CN Tower wächst in einen rosigen Himmel, und in der Edelstahlkugel des Fernsehturms in Berlin spiegelt sich die Lebensfreude so farbenfroh, dass ich das runde Ding zuerst mit Hundertwassers Zwiebel verwechselt habe, die vom Schlot der "verknusperten", in ein Knusperhäuschen verwandelten Spittelauer Müllverbrennungsanlage durchbohrt wird. Könnte der Felix Malnig möglicherweise ein Beton-Romantiker sein? Ein Caspar David Friedrich im Zeitalter der Bodenversiegelung? 

Lärmschutzwände schützen auch vor der Idylle

Im Schaufenster (und von der Burggasse, dieser Durchzugsstraße, aus zu sehen) läuft rund um die Uhr sein satirisches Roadmovie "Kleine Landpartie" (2020). Das hat er während der Fahrt auf der Autobahn eigenhändig gefilmt. Keine Sorge, er hat die anderen Verkehrsteilnehmer nicht gefährdet, wenngleich er keine Hand auf dem Lenkrad gehabt hat. Er hätte sie eher gefährdet, wenn er die Hand draufgehabt hätte. Speziell, weil er der Beifahrer war. ("Ich fahre nicht Auto und ich fahre nicht Ski.")

Knapp drei Minuten ziehen Lärmschutzwände vorbei. Statt grüner Idylle: Minimal Art. Abstrakte Kunst. Oder Ikonoklasmus? Tragikomisch. Aber mehr tragisch als lustig. (Werden die Lärmschutzwände eigentlich niedergerissen, sobald jeder mit einem E-Auto unterwegs ist, das ja deutlich leiser ist als ein B-Auto, ein Benziner?)

Passt auch in ein Hochformat (halt nicht in voller Länge): die 815 Meter lange Europabrücke (hinten an der Wand). Am  Fenster: eine Grenzstation (gemalt hat sie der Felix Malnig 2019) in unwirklicher Stimmung. 
- © Eva Kelety, Bildrecht 2023

Passt auch in ein Hochformat (halt nicht in voller Länge): die 815 Meter lange Europabrücke (hinten an der Wand). Am  Fenster: eine Grenzstation (gemalt hat sie der Felix Malnig 2019) in unwirklicher Stimmung.

- © Eva Kelety, Bildrecht 2023