Die Surrealist Gallery in Peggy Guggenheims Art of This Century: Hier kulminierten Friedrich Kieslers Konzepte zum anwendbaren System. Foto:V&A Images
Die Surrealist Gallery in Peggy Guggenheims Art of This Century: Hier kulminierten Friedrich Kieslers Konzepte zum anwendbaren System. Foto:V&A Images

Sie galt eine Weile lang als Hot Spot der New Yorker Kunstszene: die Galerie Art of This Century an der 30 West 57th Street. In den Räumlichkeiten eines ehemaligen Schneidereibetriebs eröffnete die legendäre Kunstmäzenin, Sammlerin und Galeristin Peggy Guggenheim (1898-1979) am 20. Oktober 1942 einen architektonisch sensationellen Ausstellungsort. Die Karriere von Künstlern wie Robert Motherwell, Jackson Pollock und Mark Rothko nahm hier ihren Anfang. Namhafte Vertreter der europäischen Avantgarde bespielten die Galerie bis zu Guggenheims Umzug nach Venedig 1947.

Art of This Century ist heute Geschichte. Davon, wie der Ort, an dem Kunsthistorie produziert wurde, einmal aussah, erzählen Entwurfszeichnungen, rekonstruierte Grundrisse und Fotografien. 2004 wurden diese Dokumente in einem 400 Seiten starken, bei Hatje-Cantz erschienenen Band veröffentlicht. Einige davon sind nun Teil der Ausstellung in der Österreichischen Friedrich und Lillian Kiesler Privatstiftung. Das Kernstück der Schau bildet ein begehbares Modell, das dem Betrachter das multisensuelle Raumverständnis des Allrounders Friedrich Kiesler (1890-1965) näherbringt.

Er war es nämlich, den Guggenheim für ihre revolutionäre Idee eines neuen Ausstellens gewinnen konnte. In Art of This Century wollte die Botschafterin der modernen Kunst kein Bild gerahmt und an der Wand hängen sehen. Auch Skulpturen sollten in einer noch nie dagewesenen Form gezeigt werden. "I want your help", schrieb sie deshalb an den Rundumgestalter, der im Laufe seiner Karriere nur wenig Gelegenheit hatte, seine universellen Konzepte in die Realität umzusetzen.

In kürzester Zeit entwarf Kiesler vier revolutionäre Präsentationsräume. Für die Abstract Gallery mit Werken von Kandinsky und anderen Abstrakten schuf er ein flexibles System aus Schnüren, die Plafond und Decke miteinander verbanden und in die Bilder als auch Skulpturen eingespannt werden konnten.

Beziehungsgeflechte


Für die Kinetische Galerie konstruierte er Betrachtungsapparate für Werke von Marcel Duchamp und Paul Klee. In der Daylight Gallery konnte man in mit Kunstwerken bestückten Bilderständern blättern.

Am spektakulärsten allerdings nahm sich die Surrealist Gallery aus. Sie ist es denn auch, die als begehbares Modell im Maßstab 1:3 rekonstruiert wurde und nach Los Angeles (County Museum), London (Victoria & Albert Museum) und Bilbao (Guggenheim Museum) nun endlich in Wien zu sehen ist.

In der tunnelförmigen Holzkonstruktion stehend staunt man über die Miniatur eines Bezugsgeflechts, das den lebendigen Austausch zwischen Betrachter, Raum und Kunstwerk anvisierte. Die Werke wurden hier nicht gezeigt, sondern inszeniert.

Alberto Giacomettis Bronzeskulptur "Frau mit durchgeschnittener Kehle" bäumt sich da auf einem jener multifunktionalen "correalistischen" Möbel auf, die Kiesler im Sinne seiner Ganzheitlichkeits-Theorie entworfen hatte. Die Malereien von Max Ernst, Salvador Dalí, Joan Miró und anderen Surrealisten waren dagegen auf baseballschlägerähnlichen Vorrichtungen montiert, standen von konkav geschwungenen Panelen ab und konnten beliebig geneigt werden. Auf jedes Werk war ein Spot gerichtet und alle drei Minuten gingen die Lichter an und aus. Zumindest solange die Besucher dies nicht als Bevormundung empfanden. Auch die von Kiesler ersonnene Soundkulisse kam beim Publikum auf Dauer nicht gut an: Das Geräusch eines einfahrenden Zuges riss sie regelmäßig aus der Kontemplation.

Dennoch: Wer heute über das Verhältnis zwischen Ausstellungsraum, Kunstwerk und Betrachter nachdenkt, muss auch über Kiesler nachdenken. Im Kunstbetrieb wird seit ein paar Jahren viel über das Thema Ausstellungsdisplay sinniert. Kiesler hat seinen Beitrag dazu schon vor Jahrzehnten geleistet.

Ausstellung

Lebensform im Kunstformat: Surrealism on Display in Art of This Century

Kiesler Stiftung Wien

(1060, Mariahilfer Straße 1b)

Zu sehen bis 11. November