Diese Menagerie fügt sich im Belvedere gut ein. - © Lea Gryze c/o DIE REPROFOTOGRAFEN / Lea Gryze
Diese Menagerie fügt sich im Belvedere gut ein. - © Lea Gryze c/o DIE REPROFOTOGRAFEN / Lea Gryze

Es sind frühe Fotografien und damit auch zumeist Gemälde des 19. Jahrhunderts, die für die Malerei der kanadischen Künstlerin Marianna Gartner in der Schausammlung des Oberen Belvedere vorbildlich sind. Dabei interessiert sie nicht die Paraphrase oder eine Hommage an berühmte Meister, sondern oft nur eine Geste, ein vergleichbarer Moment, in dem eine Pose entsteht, die beim Betrachter Aufmerksamkeit erzeugt. Fünfzehn Werke hat sie sich in ihrer Zeit als Artist in Residence im Augarten vorgenommen, davon blieben in der neuen Hängung nur zehn, zwei weitere sind in interessante Objekte gewandelt.

Franz von Stucks im Schnee verlorener Satyr "Verirrt" von 1891 wird bei Gartner zum Foto eines schlafenden Mischwesens in einen Glasblock in 3D-Laseroptik, der von goldenen Widderköpfen getragen wird. Kitsch und Kunst stoßen aktuell aufeinander und zeigen, dass unser Rückblick ganz andere Attraktionen sucht als das Original - so sind die Protagonisten oft mit Details aus medizinischen Fachbüchern verfremdet oder tätowiert.

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Porträt im Puzzle


Das gilt auch für einen Schmerzensmann, der mit Michael Pachers Ornament trotzdem harmoniert. Ein tätowierter Steuermann mit Maske als "Europa" korrespondiert nicht nur zum gewählten Pendant eines Mädchens von Elena Luksch - auch zum Altar mit plastischem Rahmen von Max Klinger lenkt er den Blick. Weniger nahe steht die "Leopard Family" mit ihren Pigmentstörungen Ferdinand Georg Waldmüllers fürstlichem Familienbild: Doch wie mit der Zerlegung eines Kinderporträts in Puzzlestücke spielt Gartner auf die strengen Ordnungen der Komposition von Bild und Foto damals an. Im Marmorsaal haben die Menschen in zwei Gemälden Tierköpfe und ein Nashorn wird hereingezogen. Der elegante Herr mit Hirschkopf könnte glatt der Hausherr als Besitzer des ersten Zoos in Wien und Großwildjäger sein - zu den Exoten von Ignaz Heintz über den Kaminen bildet sich ein Denkraum, denn nicht nur der Inhalt, auch der Fotorealismus als Stil der Malerei birgt neben der Brauntönung der Figuren eine Anpassung an das Museale, das alte Bild im neuen. Die Hinterfragung der Malerei als Medium der Gegenwartskunst, der Pathosformel oder Pose, der geänderten Betrachtung im postkolonialen Blick, birgt viele Anregungen für Besucher.