• vom 19.09.2011, 17:53 Uhr

Kunst

Update: 19.09.2011, 17:54 Uhr

Kunst

Exotismus ist ein Irrtum




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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

  • Die Sammlung Stepic zu Besuch im Bank Austria Kunstforum: "Afrika. Afrique. Africa"

Offene Rätsel sind viele der gezeigten Objekte.

Offene Rätsel sind viele der gezeigten Objekte. Offene Rätsel sind viele der gezeigten Objekte.

Herbert Stepic ist zwar Vorstandsvorsitzender der Raiffeisen International AG, doch die Räume des Kunstforums der Bank Austria hat er nun als Privatmann gemietet: Hier präsentiert er die Fundstücke aus 30 Jahren Sammelleidenschaft. Seit Stepic etwa 1980 eine erste Ritual-Maske in Trashville, einem Vorort von Abuja in Nigeria, erstanden hat, ist diese Passion nicht mehr erloschen. Für die umfangreiche Schau "Afrika. Afrique. Africa" hat er von 400 Objekten mit Hilfe der Experten Armand Duchâteau und Elisabeth Buxbaum an die 250 ausgewählt. André Heller, selbst Afrika-entflammt, schrieb im umfangreichen Katalog das Vorwort. Eigentlich wollte man die Schau im Wiener Völkerkundemuseum präsentieren, doch dort stieß man auf wenig Gegenliebe. Zu groß sei die Angst gewesen, negative Schlagzeilen zu bekommen, wegen etwaiger Rückführungsforderungen von Kulturgütern. Die Azteken-Federnkrone ist bereits seit Jahren zum Zankapfel zwischen Mexiko und Österreich. Auch eine etwaige Schenkung von Stepic an das Museum mag aus diesen Erwägungen ausgeschlossen sein. Er sucht weiterhin nach einer Unterkunft.


Der Sammler hat selbst die auf einer moralischen Verbotsliste stehenden 2500 bis 3000 Jahre alten Terrakotta-Köpfe und -Torsi der Nok-Kultur Nigerias vor Ort legal erworben. Die jüngeren "Stammeskunstobjekte" hat er bei den Chiefs selbst oder bei ihnen nahestehenden Händlern gekauft.

Information

Ausstellung
Afrika. Afrique. Africa.
Die Sammlung Stepic
Kunstforum, bis 1. Oktober

"Mutter" aller Kulturen
Als "Chefferien" bezeichnet man deren Schatzhäuser mit Ansammlungen von Kultfiguren, samt Tanzkleidern, Ahnenschreinen oder Transformationsgefäßen in Tierform. Schwerter, Stäbe, Glocken, Throne für Zeremonien, aber auch Fetische verlieren offenbar teilweise ihren Zauber oder werden aus anderen Gründen veräußert. Für den Katalog engagierte Stepic Karl-Ferdinand Schädler, der die politische Korrektheit als neuerlichen Irrtum der Europäer entlarvt. Durch die heute in Afrika geltenden strengen archäologischen Gesetze nach westlichem Diktat werde angeblich noch mehr vernichtet. Raubgrabungen nehmen zu, Funde werden nicht an den Staat gemeldet, sondern zerstört. Der wissenschaftliche Kontext geht endgültig verloren. Allein ein funktionierender Kunstmarkt vor Ort könnte durch Publikationen und Expertisen retten, was noch zu retten ist.

Dies sind neue Facetten in der Eigenständigkeit eines Kontinents, der als "Mutter" aller Kulturen gilt. Ein sich wandelnder Blick sollte, nach Stepic, von der Abhängigkeit der Werke der klassischen Moderne von Afrika in ihrer expressiven Ästhetik - allerdings fern des Exotismus im kolonialen Denken - sprechen.

Der Sammler hat die Perlenobjekte und Goldsammlung des Museums von Peter Liaunig in Neuhaus und ein paar wichtige Objekte von André Gué wegen der Vollständigkeit verwendeter Materialien in die Vielfalt der Kunstobjekte integriert. Beim Eingang wird man von großen Exponaten aus dem Kameruner Grasland empfangen - da sind Ritualglocken, eine Häuptlingsliege oder ein Thron mit Kriegerfigur aus Holz und Messing. Nebenan werden die älteren Nok-Figuren in ihrer eigentümlichen Expressivität versammelt. Auch das Gold und die Perlarbeiten verdienen Konzentration.

Geordnet wurde die Schau chronologisch und thematisch, sowie nach Herkunft und Materialien, aber auch aus ästhetischen Gesichtspunkten. Die einzige Ausstellungsarchitektur bilden erdgrüne Sockel und teils kreisrunde Podeste. Agrar- und Fruchtbarkeitsriten, Ahnen-, Totenkult und Naturheilkunde, zerstörerische Magie als Bewahrung von Ordnung und Recht stehen hinter den immer noch zu wenig individuell gesehenen Objekten. Das liegt vielleicht daran, dass die Schöpfer unbekannt bleiben. Der Katalog stellt zwar einige Künstler vor; bei den urnenartigen Objekten der Nok ist allerdings bis heute die eigentliche Funktion unbekannt.

Offene Rätsel, verlorene Inhalte, große Traditionen - die im Museum neben Picasso und Giacometti stehen könnten.




Schlagwörter

Kunst, Afrika

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2011-09-19 16:08:07
Letzte Änderung am 2011-09-19 17:54:02



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