Rund und scheinbar naiv: Fernando Boteros Figuren wie die "Kartenspieler" (1991).
Rund und scheinbar naiv: Fernando Boteros Figuren wie die "Kartenspieler" (1991).

Das erste Gefühl, das die dicke Venus als Rückenfigur im Eingangsraum als typisches Leitmotiv des Malers Fernando Botero auslöst, ist ein unangenehmes. Die Sanitärmöbel eines Alltagsbadezimmers scheinen viel zu klein, der Raum zu eng, um diese Fülle aufnehmen zu können. Rosa Fleischwülste und erbsengrüne Kacheln bringen die Antipathie ins Wallen, die scheinbare Naivität der Figuren tut ein Übriges. Ein zweiter Gedanke gilt dem urzeitlichen Schönheitsideal oder der göttlichen Breite der "Venus von Willendorf", dieser kommt dem Kolumbianer wohl etwas näher. Die Retrospektive im Kunstforum ist nicht nur die erste Boteros in Österreich, sie wartet mit einigen Überraschungen auf, die neben der penetranten Marke der aufgeblasenen Figuren und Früchte tiefere Einsichten in sein Werk seit 1958 ermöglicht.

Kraft der Verfremdung


Nach intensiver Beschäftigung mit präkolumbianischer Kunst, aber auch nach dem Studium an der Academia de Bellas Artes de San Fernando in Madrid entdeckte der vorher als Illustrator tätige Künstler, während des Entwerfens einer Mandoline für ein Stillleben, die Kraft der Verfremdung durch Aufblasen von Formen in übertriebene Plastizität. Im Prado hatte er da bereits Francisco de Goya, Diego Velázquez und Peter Paul Rubens für sich entdeckt und sich noch in der Heimat für Pablo Picasso begeistert. Ein erstes schriftliches Engagement für den Spanier trug ihm den Rausschmiss aus dem Gymnasium ein.

Eigentlich ganz gegen den Zeitgeist der Fläche im von der Abstraktion beherrschten 20. Jahrhundert übertrug er ab 1956 die Ideale des Barock und der frühgeschichtlichen Idole auf seine typisch narrativen Szenen aus der südamerikanischen Geschichte und Literatur. Die Autoren seines Kontinents traf er früh in Bogotá und auch später in New York und Paris; Botero schreibt selbst, und im Katalog charakterisiert kein Geringerer als Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa seine Bilder als "üppige Pracht".

In diesem Werk treffen sich neben Urzeitlichem das Groteske aus Manierismus und Rokoko mit der katholischen Moral der Jesuiten, die ihn erzogen haben, und der sehr zeitgeistigen Erscheinung der Antiästhetik von "Camp". Mit diesem Wort hat Susan Sontag 1964 den am Rande von Kitsch entstandenen Geschmack des peinlich Unförmigen, einer zur Schau gestellten Naivität und Übertreibung, beschrieben.

Es ist ein penetranter Tabubruch mit dem schlanken Körperideal unserer Zeit, dazu hat Botero seine Malweise vom Gestischen ins hyperreal Geglättete verändert, was uns Wiener immer an den hiesigen "Phantastischen Realismus" erinnert. "Camp" hat jedoch etwas "Kultiges" und blickt in die Vergangenheit zurück - so wie Botero in die Kolonial-Bourgeoisie und auf Teile der europäischen Kunstgeschichte.

Als Gliederung dienen der Schau die Themenkreise vom Akt über das Stillleben, den Stierkampf, der Botero seit seiner Schulzeit begleitet, bis zum südamerikanischen Alltag und repräsentativen Porträt - teils zu Pferde - und Paraphrasen nach großen Meistern.

Unterschwellige Kritik


Die stärksten Abteilungen sind jedoch seine Auseinandersetzungen mit Motiven der katholischen Kirche, wobei auch das Andachtsbild eine breite Basis für unterschwellige Kritik bietet, die auf die gesellschaftspolitische Situation im (Raubtier-)Kapitalismus ausgeweitet werden kann. 2004 hat sich der Künstler den Folterungen an irakischen Gefangenen durch die Amerikaner in Abu Ghraib gewidmet. Der viel diskutierte Abstecher in aktuelle Politik zeigt die moralische Seite, die zurückblickend wohl auf viele Gemälde zutrifft; diesen Zyklus begleiten interessante Papierarbeiten.

Das ehemalige Botero-Kind am Arm der "Nuestra Señora de Columbia" nützt dabei den Typus Märtyrerbild und den eigenen Stil zur Steigerung der Perversion - sicher ein moralisches Unterfangen wie die Schenkung der unverkäuflichen Folterbilder an die Universität von Berkeley.

Sind die Anklage dieses immer noch malenden, auch als Plastiker und Sammler tätigen Künstlers und seine Art der Gesellschaftskritik noch zeitgemäß? In der jüngeren Generation mag es Zweifel geben, aber die aufgeblasenen Figuren und Autos von Erwin Wurm schließen auch den Kreis um Schönheitswahn, schlechten Geschmack, Peinlichkeit und den vereinenden Gegensatz von Ironie und Melancholie. Da erscheint dann der nationale Blick auf Südamerika mit "Camp" schon global erweitert. Es ist also nicht nötig, Boteros Werke und seine Fett- oder Wassersucht-Masche zu lieben, seine Abweichungen in Unheimliches und Geschichte sind das spannende Metathema.