Für Philosoph Peter Sloterdijk hat Richard Wagners Erfindung des "Gesamtkunstwerks" eine "toxische Atmosphäre", doch die Apokalyptik der Gegenwart erlaubt die neuerliche Frage nach einem seit 100 Jahren heiß diskutierten Begriff. Im Unteren Belvedere ist derzeit mit Wien um 1900 eine besondere Phase dieser Kunstutopie angesprochen, weil sie das Leben mit der ästhetischen "Aura eines Weihegestus" (Werner Hofmann) verband. 1983 hat im Museum des 20. Jahrhunderts Harald Szeemanns legendäre Schau "Der Hang zum Gesamtkunstwerk" stattgefunden und schon vor 29 Jahren trat der Starkurator mit der Behauptung auf: "Das Gesamtkunstwerk gibt es nicht."

Die Kuratoren Bettina Steinbrügge und Harald Krejci formulieren ihr Unternehmen als Spurensuche in einer Zeit der Dekonstruktion eines großen Traums vom Verschmelzen der Künste, des Lebens mit der Kunst. Reste von Synästhesie und vor allem der bleibenden Wunschvorstellung der Künstler nach besserem gesellschaftlichem Leben sind nur noch in Fragmenten da. Dabei suchten die beiden vor allem in der Gegenwartskunst, aber auch in den Reflexionen auf die Moderne seit den fünfziger Jahren, mit denen Szeemann seinen Bogen ab 1800 beendet hatte.

Apokalyptik der Gegenwart: Paul McCarthy, Basement Bunker: Painting Queens in the Red Carpet Hall 3, 2003. - © Reprofoto © Markus Guschelbauer
Apokalyptik der Gegenwart: Paul McCarthy, Basement Bunker: Painting Queens in the Red Carpet Hall 3, 2003. - © Reprofoto © Markus Guschelbauer

Die Ausstellung agiert im schwierigen Glaskubus der Galerie mit einem Display von Esther Stocker, die schwarze, teils zu Tunnels geöffnete Kuben scheinbar in den Raum gestreut hat. Einer trägt den Titel der Schau, durch andere kann man durchgehen wie durch Tunnels und darin Kunstwerke betrachten, wieder andere öffnen sich nur auf einer Seite als Black Boxes für Videopräsentationen. Künstlerisches Werk und Präsentationsform in einem, kann Stockers gelungener Einbau auch als Programmatik zum Thema verstanden werden.

Drei Künstler gab es schon bei Szeemann: Joseph Beuys, Marcel Broodthaers und Hermann Nitsch, wobei vor allem Beuys mit seinen "7000 Eichen für Kassel" die dortige Realität tatsächlich bis zum heutigen Tag verändert hat. Vielleicht ein Grund für die große Verehrung, die Christoph Schlingensief Beuys zukommen ließ in seiner Arbeit zwischen Kunst und Theater, Politik und Unbewusstem. Als besonderer Jongleur darf der Gesamtkunstwerker nicht fehlen. Allerdings betrachtete er Scheitern als Chance und Skepsis als Muss. Nur eine soziale Utopie hat sich in Wien neben Fritz Wotrubas skulpturaler Kirche in Mauer gehalten - die medizinische Versorgung Obdachloser durch die Gruppe WochenKlausur, die 1993 begann. Wotruba selbst ist mit Bühnenarbeit in der Schau vertreten.